Anschlag in Islamabad Die dunkelste Stunde Pakistans

Es ist der schwerste Anschlag in der Geschichte des Landes: Mehr als 50 Menschen kamen bei einer gewaltigen Explosion vor einem Hotel in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad ums Leben, mehr als 260 wurden verletzt - darunter auch sieben Deutsche. Der pakistanische Präsident kündigte an, das "Krebsgeschwür Terrorismus ausrotten" zu wollen.

Zwar sind in den vergangenen Monaten hunderte Zivilisten bei blutigen Attentaten in Pakistan ums Leben gekommen, doch der Angriff auf das "Marriott"-Hotel, im Herzen der Hauptstadt, nur wenige hundert Meter von Parlament und Oberstem Gericht entfernt, hat eine neue Qualität. Zum einen ist es der bislang schwerste Anschlag in Islamabad überhaupt. Zum anderen wurde ein massiv gesichertes Fünf-Sterne-Hotel getroffen, in dem neben der hauptstädtischen Elite vor allem ausländische Diplomaten und Geschäftsleute verkehren.

Das Ausmaß der Zerstörung im "Marriott", einem von nur drei Luxushotels in Islamabad, ist gewaltig. Gegen 19.30 Uhr Ortszeit hielt ein Lieferwagen an einer der Sicherheitsschleusen, etwa 30 Meter vom Haupteingang entfernt. Wenige Augenblicke später explodierte das Fahrzeug, das nach Polizeiangaben mit einer Tonne Sprengstoff beladen war. Die Wucht der Detonation war so heftig, dass Teile des Hotels sofort zerstört waren. Ein Flammeninferno verwüstete das Gebäude dann fast vollständig. Durch die gewaltige Druckwelle gingen im Umkreis sämtliche Fenster zu Bruch.

Islamabads Polizeichef Asghar Raza Gardezi sagte, bei dem Anschlag seien mindestens 53 Menschen ums Leben gekommen, etwa 260 seien verletzt worden. Wie das Auswärtige Amt in Berlin mitteilte, sind unter den Verletzten auch sieben Deutsche. Zudem wurde die Leiche des Botschafters der Tschechischen Republik geborgen. Die meisten Opfer seien Hotelangestellte, sagte "Marriott"-Direktor Sadruddin Hashwani. Da Retter auch Stunden nach dem Anschlag noch nach Opfern in den Trümmern suchten, wird die genaue Zahl der Toten aber erst in den kommenden Tagen feststehen.

Nach dem blutigen Anschlag in Islamabad hat der Hotelbesitzer die Sicherheitskräfte kritisiert. Die Polizisten in der Umgebung des Hotels hätten den mit Sprengstoff bepackten Müllwagen nie passieren lassen dürfen, sagte der Hotelier Sadruddin Hashwani.

Der pakistanische Ministerpräsident Yousuf Raza Gilani sagte, die Täter hätten das "Mariott"-Hotel für den Anschlag ausgesucht, weil die Sicherheitsvorkehrungen vor dem Parlament oder dem Regierungssitz zu strikt gewesen seien. Dort waren nach der Antrittsrede von Staatspräsident Asif Ali Zardari zum Zeitpunkt des Anschlags zahlreiche Regierungsmitglieder zum Abendessen versammelt. Zu dem Anschlag bekannte sich zunächst niemand. Es habe aber Geheimdienstinformationen gegeben, dass Extremisten etwas zur Antrittsrede Zardaris vor dem Parlament planten, sagte Malik. Die Sicherheitsvorkehrungen seien deshalb verschärft worden.

Noch hat sich niemand zu der Tat bekannt. Für die Regierung und Präsidenten Zardari allerdings ist der Fall klar: Sie machen radikal-islamische Extremisten verantwortlich, die im unzugänglichen Nordwesten des Landes ihre Hochburgen haben. 100.000 pakistanische Sicherheitskräfte sind in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan im Einsatz, um im Rahmen des internationalen Anti-Terror-Kampfes Taliban-Gruppen zu bekämpfen und deren Einsickern ins Nachbarland zu verhindern.

Wie sein Vorgänger Pervez Musharraf gilt Zardari als verlässlicher Partner des Westens. Schon vor seiner Wahl hatte er angekündigt, den Kampf gegen die Extremisten fortzusetzen. Noch am Samstag bekräftigte der Witwer der ermordeten früheren Regierungschefin Benazir Bhutto seine Entschlossenheit. "Terrorismus und Extremismus müssen ausgemerzt werden, ganz egal wo und wann sie ihre hässliche Fratze zeigen", sagte er. Nur wenige Stunden später trugen mutmaßliche Islamisten Gewalt und Zerstörung in die Hauptstadt.

Beobachter in Islamabad glauben, dass der Anschlag auf das Luxushotel für Zardari und das gesamte politische Establishment in Pakistan daher Warnung und Weckruf zugleich sei. Er ist eine Warnung vor der zunehmenden Skrupellosigkeit der Extremisten, die nun auch scheinbar sichere Ziele ins Visier nehmen. Und er ist ein Weckruf, den Kampf gegen die einheimischen Taliban konsequenter zu führen.

Der Krieg gegen die Landsleute in den Stammesgebieten und die Allianz mit den USA sind in Pakistan nicht populär. Daher versuchte die von Zardaris Volkspartei (PPP) geführte Regierung nach ihrem Amtsantritt im Februar zunächst den Spagat zwischen Bündnistreue und innenpolitischem Ausgleich. Zum Schrecken des Westens verhandelte sie mit den Extremisten über eine Waffenruhe im Inland - ohne sich um die Sicherheit jenseits der Grenze in Afghanistan zu kümmern. Nach dem Scheitern der Gespräche im Frühsommer ging das Militär wieder in die Offensive. Aber auch die Extremisten schlagen seitdem landesweit immer heftiger zu.

Zardari kann sich auch in Zukunft der internationalen Hilfe im Anti-Terror-Kampf gewiss sein. Viel wichtiger allerdings ist, die eigene Bevölkerung von dessen Notwendigkeit zu überzeugen. "Terrorismus ist ein Krebsgeschwür in Pakistan. Und wir sind entschlossen, das Land von diesem Krebsgeschwür zu befreien", sagte Zardari. Das allerdings kann nur gelingen, wenn die Pakistaner ihre Regierung dabei unterstützen. Nach dem verheerenden Anschlag auf das Hotel könnte der Appell des neuen Präsidenten auf offene Ohren stoßen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilte den "brutalen, menschenverachtenden Anschlag" aufs Schärfste. "Der Kampf gegen den transnationalen Terrorismus bleibt eine vorrangige Aufgabe der davon betroffenen Länder wie Pakistan und der internationalen Gemeinschaft", sagte sie. Außenminister Frank-Walter Steinmeier sprach von einem "hinterhältigen Anschlag". US-Präsident George W. Bush verurteilte den Anschlag und sagte Islamabad weitere Unterstützung zu. Die Bluttat sei Teil eines anhaltenden Angriffs auf das pakistanische Volk und zeige, welchen Gefahren Pakistan, die USA und alle, die gegen den gewalttätigen Extremismus kämpften, weiter ausgesetzt seien, so Bush.

DPA/Reuters DPA Reuters

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