Arche de Zoe Schauprozesse, Korruption und wahre Opfer


Das Urteil klingt hart. Acht Jahre Zwangsarbeit sollen die im Tschad verurteilten französischen Mitglieder der Organisation Arche de Zoe verrichten. Doch das Urteil ist eine Farce, weil die Abreise der Verurteilten nach Frankreich längst abgemachte Sache ist. Einzig die Zukunft der Kinder ist ungewiss.
Von Astrid Mayer

Die wahren Opfer werden die Kinder sein, denen die französische Hilfsorganisation eigentlich helfen wollte: Weit weg von ihren Verwandten leben sie derzeit in einem Waisenhaus. Und auch nach Verkündung des Gerichtsurteils weiß noch niemand genau, woher sie eigentlich kamen, geschweige denn, was aus ihnen werden wird.

Die acht Franzosen, die sie in diese Lage gebracht haben, wurden am Mittwochabend im Justizpalast von N'Dajmena, der Hauptstadt des Tschad, zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Das Urteil konnte ihnen eigentlich so gut wie egal sein: Am Sonntag schon wird ein Flugzeug kommen und sie in die Heimat zurückholen. Dass sie ihre Strafe nicht im Tschad würden verbüßen müssen, stand von vornherein fest, und in Frankreich gibt es keine Zwangsarbeit. Aber sie haben trotzdem Angst: Die Gefängnisse sind nicht sehr sicher im Tschad, und im Oktober gab es Aufrufe, sie zu lynchen.

Die Bilder für die Hauptnachrichten im Staatsfernsehen des Tschad sind schon im Kasten: Sechs Franzosen, die in ein Gefängnis der Hauptstadt abgeführt werden; Bürger der ehemaligen Kolonialmacht - ein Triumph wird vorgeführt. Und doch geht es letztlich, so heißt es jedenfalls aus dem Umkreis des Justizministeriums, nur noch um die Frage, unter welcher Flagge das Flugzeug fliegen wird, das die Verurteilten repatriiert. Die tschadesische Regierung möchte kein Flugzeug unter französischer Flagge ...

Sarkozys Verhalten galt im Tschad als Demütigung

Eine ausgefuchste Strategie hat Idriss Deby, der Staatspräsident des Tschad, in Bezug auf die Affäre gefahren: Er hat sich die Gelegenheit für einen Schauprozess nicht nehmen lassen. Aber er hat dem französischen Staatspräsidenten Sarkozy eine rasche Auslieferung zugesagt, denn er kann es sich mit ihm nicht verderben: Schließlich sind es die 1000 in N'Djamena stationierten französischen Soldaten, mit deren Hilfe er sich im eigenen Land an der Macht hält.

In Frankreich wird allenthalben auf den korrupten und ineffizienten Justizapparat im Tschad hingewiesen. Angesichts der katastrophalen Verhältnisse in der Justiz des Landes ist der Prozess dabei noch ziemlich korrekt verlaufen. Rechtsstreitigkeiten werden hier sonst gerne mit angeheuerten Soldaten und ihren Kalaschnikows gelöst, die Angeklagte oder Verdächtige rauspauken, indem sie den zuständigen Untersuchungsrichter bedrohen oder gar töten.

Weniger häufig wird in den französischen Medien erwähnt, dass auch Staatspräsident Sarkozy es nicht für nötig hielt, sich an rechtsstaatliche Regeln zu halten, als er Ende Oktober mehrere an der Entführungsaktion der vermeintlichen Hilfsorganisation Arche de Zoe Beteiligte einfach in seinem Flugzeug mit nach Frankreich zurück nahm. In der Bevölkerung des Tschad wurde dieses Vorgehen als ungeheure Demütigung empfunden.

Schicksal der Kinder völlig offen

Die Begeisterung über den Prozess ist im Land aber nicht einhellig. Die Opposition hat den Schauprozess angeprangert. In Blogs hat sie ihre Meinung kund getan: Die angeblichen Verwandten der Kinder seien von den Behörden bestochen; es sei völlig ausgeschlossen, dass wirklich arme Menschen sich die Reise nach D'Jamena und den Aufenthalt dort aus eigenen Mitteln hätten finanzieren können, heißt es.

Die sechs Angehörigen der Hilfsorganisation wurden auch dazu verurteilt, jedem Kind als Entschädigung 60.000 Euro zahlen. Das könnte zum wahren Drama für die Kinder werden. Bei etwa 20 von ihnen ist noch nicht klar, ob sie tatsächlich lebende Verwandte haben, und bei den anderen ist nicht sicher, wer sie sind. Da stehen geldgierigen Schlaumeiern Tür und Tor offen. Und völlig offen ist, was wohl mit Kindern geschehen wird, die tatsächlich Waisen sind.


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