Argumente Warum Krieg? Warum jetzt?


Nicht nur die Europäer fragen sich, warum die amerikanische Regierung so eindringlich ein militärisches Vorgehen gegen Irak betreibt.

Warum Krieg? Warum jetzt? Nicht nur in Europa fragen sich viele, warum die amerikanische Regierung so eindringlich ein militärisches Vorgehen gegen Irak betreibt. Offiziell nennt Präsident George W. Bush die Überzeugung, dass der Verzicht auf die Lösung des Problems Saddam Hussein zu weit größeren Gefahren in der Zukunft führen wird. Darüber hinaus spielt aber eine Vielzahl weitere Faktoren eine Rolle.

Die irakische Bedrohung besteht aus Sicht des Weißen Hauses im möglichen Einsatz von Massenvernichtungswaffen und dem Risiko, dass solche Waffen in die Hände von Terroristen fallen könnten. Bush und seine Berater malen das Schreckensbild eines 11. September mit chemischen, biologischen oder atomaren Waffen an die Wand: "Stellen Sie sich diese 19 Flugzeugentführer mit anderen Waffen und anderen Plänen vor, diesmal bewaffnet von Saddam Hussein", sagte Bush in seiner Rede zur Lage der Nation. "Es ist nur ein Fläschchen nötig, ein Kanister oder eine Kiste, die in dieses Land geschmuggelt wird, um einen Tag des Schreckens zu erzeugen, wie wir ihn noch nie erlebt haben."

Argumente stoßen auf breite Skepsis

Warum soll den UN-Inspekteuren nicht mehr Zeit gegeben werden? Das Weiße Haus macht geltend, dass die Chancen sehr gering sind, dass die Inspekteure jemals einen Beweis für die Existenz von Massenvernichtungswaffen finden werden. Bei seinem Auftritt am 5. Februar im Sicherheitsrat spielte US-Außenminister Colin Powell Tonbandaufnahmen mit Gesprächen irakischer Beamter vor, die belegen sollten, dass brisantes Material rechtzeitig vor den Inspektionen in Sicherheit gebracht wurde.

Die Argumente der Terrorgefahr stoßen im Ausland auf verbreitete Skepsis. In der amerikanischen Bevölkerung kommt das aber seit dem 11. September überzeugender an als das Argument, die Stabilität der ölreichen Region dürfe nicht aufs Spiel gesetzt werden. Dabei ist die Bedeutung des Faktors Öl offenkundig, auch wenn die Regierung darauf besteht, dass Öl keine große Rolle spiele. Schließlich verfügt Irak nach Saudi-Arabien über die weltweit zweitgrößten Ölreserven.

Ein weiterer wesentlicher Faktor für den wachsenden Zeitdruck ist der bereits weit vorangetriebene Truppenaufmarsch. Mit inzwischen mehr als 150.000 Soldaten am Golf wächst in Washington auch die Sorge, dass eine Verzögerung des als unvermeidlich betrachteten Krieges mit steigenden Kosten, einer sinkenden Truppenmoral und einem verstärkten Anti-Amerikanismus einhergehen könnte. Die Truppen können nicht unbefristet in Kuwait, Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten bleiben. Es scheint ein Countdown begonnen zu haben, der kaum gestoppt werden kann. Und die Militärplaner ziehen einen Krieg im Frühjahr einer zermürbenden Hitzeschlacht im Sommer vor.

Gegen einen baldigen Kriegsbeginn spricht die unklare Zusammensetzung der von Bush ins Auge gefassten "Koalition der Willigen". Bei einer Einbeziehung der internationalen Gemeinschaft seien die Chancen für einen schnellen Erfolg weit größer als bei einem Krieg, der im wesentlichen von den USA und Großbritannien geführt werde, sagt der ehemalige Nationale Sicherheitsberater Sandy Berger. Aber das Weiße Haus kalkuliert damit, dass sich weitere Staaten schon noch anschließen. "Viele Staaten werden zu der Entscheidung gelangen, dass ihre langfristigen außenpolitischen Interessen darin bestehen, sich auf die Seite der USA zu schlagen", erklärt Michele Flournoy vom Zentrum für Strategische und Internationale Studien (CSIS).

Bush junior soll den Job beenden

Die amerikanische Außenpolitik ist auch deswegen an einem schnellen Krieg gegen Irak interessiert, weil sie sich dann mit größerer Aufmerksamkeit dem Atomstreit mit Nordkorea zuwenden könnte. Denn Atomwaffen und Langstreckenraketen in nordkoreanischer Hand stellen möglicherweise eine noch größere Bedrohung dar als das irakische Potenzial.

Schließlich spielt vielleicht doch auch der persönliche Hintergrund Bushs eine Rolle - auch wenn das der Präsident verneint. Viele Konservative und Militärexperten sind der Auffassung, dass Bushs Vater als Präsident einen Fehler gemacht hat, als er den Golfkrieg von 1991 beendete, ohne den Sturz von Saddam Hussein herbeigeführt zu haben. Deswegen heißt es in Washington jetzt: Der jüngere Bush hat nun die Chance, den Job zu beenden.

Tom Raum

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker