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Beslan: Zahl der Opfer steigt dramatisch an

Nach dem Ende des Geiseldramas von Beslan wird das ganze Ausmaß der Tragödie deutlich: Mehr als 320 Leichen wurden aus der Schule geborgen, darunter 155 Kinder. Auch die Geiselnehmer selbst sollen getötet worden sein.

Das Ausmaß des Blutbads von Beslan ist weit verheerender als befürchtet. Bis zum Samstagnachmittag bargen die Helfer 322 Leichen aus der zum Teil zerstörten und verminten Schule der südrussischen Kleinstadt, darunter 155 Kinder. Weitere Tote wurden unter den Trümmern des am Vortag gestürmten Gebäudes vermutet. Inoffiziell wurde die Zahl von fast 400 Toten nicht ausgeschlossen. Alle 26 Geiselnehmer kamen nach russischen Angaben ums Leben. Insgesamt wurden 704 Menschen verletzt, darunter mehr als 200 Kinder. Dutzende von verzweifelten Eltern warteten am Samstag noch immer auf Informationen über das Schicksal ihrer vermissten Kinder.

Ärzte kämpften weiter um das Leben von fast 100 schwer verletzten Kindern. "Wir operieren rund um die Uhr", sagte Kasbek Gussow, Arzt im Unfallkrankenhaus von Wladikawkas, der nordossetischen Hauptstadt. "Ein schwarzer Tag für Russland", titelte die Moskauer Zeitung "Gaseta".

Offenbar doch alle Geiselnehmer getötet

Knapp 24 Stunden nach dem Sturm auf die Schule, in der sich Terroristen zwei Tage lang mit 1200 Kindern, Eltern und Lehrern verschanzt hielten, erklärten die Behörden den Einsatz am Samstagmittag für beendet. "Die Operation war erfolgreich", sagte Valeri Andrejew, Leiter des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB in der Teilrepublik Nord- Ossetien. Vize-Generalstaatsanwalt Sergej Fridinski erklärte, dass 26 Geiselnehmer - russische und ausländische Staatsbürger - getötet worden seien. "Damit wurden alle Terroristen vernichtet", sagte er. Zuvor hatte es noch geheißen, dass mindestens drei Geiselnehmer gefasst worden seien.

322 Leichen aus Trümmern geborgen

Am Samstagmorgen begann die Bergung der Leichen aus dem Schulgebäude. Zuvor hatten Spezialisten zahlreiche Sprengsätze entschärft. Bis zum Nachmittag wurden 322 Leichen geborgen, teilte Fridinski mit. Einige der Opfer könnten zunächst nicht identifiziert werden, da sie durch Explosionen völlig entstellt seien. Zur medizinischen Notversorgung der Opfer hat der russische Zivilschutz zwei Transportflugzeuge nach Südrussland geschickt. Die Maschinen vom Typ Iljuschin-76 seien mit Ärzten und Medizintechnik auf dem Flughafen der Hauptstadt von Nord-Ossetien, Wladikawkas, gelandet, hieß es. Mehrere verletzte Kinder wurden zur Behandlung nach Moskau geflogen.

Die Bergungsarbeiten mussten immer wieder zur Beseitigung von Trümmern und zur Suche nach weiteren Sprengsätzen unterbrochen werden. Viele der Geiseln waren nach inoffizieller Darstellung durch die Explosionen im Schulgebäude sowie den Einsturz eines Teils des Daches getötet worden.

Bis zum frühen Morgen dauerten die Gefechte mit einzelnen Terroristen an. Gegen 2.00 Uhr Ortszeit seien die letzten beiden Geiselnehmer im Schulgebäude getötet worden. Einer der beiden Männer hatte sich im Keller verschanzt, der andere im ersten Stock.

Erstürmung war nach offiziellen Angaben nicht geplant

Nach Angaben des Krisenstabes sei die Erstürmung der Schule am Freitagmittag notwendig geworden, nachdem die Terroristen auf fliehende Geiseln geschossen hätten. Zuvor waren im Gebäude Sprengsätze detoniert. Am Mittwochmorgen hatten mehrere Dutzend schwer bewaffnete Terroristen die Schule überfallen und Kinder, Lehrer und Eltern in ihre Gewalt gebracht. Mehr als 48 Stunden mussten die Geiseln unter dramatischen Bedingungen ohne Nahrung und Medikamente in dem Gebäude ausharren. Der Inlandsgeheimdienst FSB schloss aus der Menge der in der Schule sichergestellten Waffen und Sprengsätze, dass die Geiselnahme schon einige Zeit zuvor der eigentlichen Aktion vorbereitet worden sei.

Erste Berichte von Geschehnissen in der Schule

Eine Augenzeugin berichtete jedoch, dass die Terroristen unmittelbar nach der ersten Explosion in der Turnhalle wahllos aus automatischen Waffen auf die am Boden liegenden, zusammengepferchten Geiseln geschossen hätten. "Sie haben gnadenlos auf die Menschen geschossen", erzählte die 34-jährige Alla Gadsijewa. Nach ihrer Schätzung waren zu diesem Zeitpunkt fast 1000 Geiseln in der Halle. "Und auch als sich die Terroristen in Richtung Kellertreppe zurückzogen, schossen sie weiter auf die Liegenden." Schon am Vorabend hatten Sanitäter berichtet, dass ungewöhnlich viele der verletzten Geiseln Schusswunden im Rücken hatten.

Putin spricht von "Angriff auf unser Land"

Der russische Präsident Wladimir Putin hat im Gedenken an die vielen Toten des Geiseldramas von Beslan eine zweitägige Staatstrauer angeordnet. Am Montag und Dienstag solle im ganzen Land der Opfer der Tragödie im Nordkaukasus gedacht werden, sagte Putin am Samstag in einer landesweit übertragenen Fernsehansprache. Putin kam am frühen Samstagmorgen zu einem Kurzbesuch in die Stadt im Kaukasus und sprach in einem Krankenhaus mit Opfern. Der Kremlchef ordnete die Abriegelung der betroffenen Teilrepublik Nordossetien an.

Der Präsident sprach von einer "schrecklichen Tragödie" für Russland. "Das war ein Angriff auf unser Land", betonte Putin. Er habe als Präsident nur die Wahl zwischen Kapitulation und Kampf. Seine Entscheidung sei für den Kampf sei klar, um nicht noch mehr Menschen in einen blutigen Konflikt ohne Ende zu ziehen. "Wir haben es mit einem direkten Eingreifen des internationalen Terrors gegen Russland zu tun", sagte Putin.

Weltweite Anteilnahme

Der blutige Ausgang des Geiseldramas löste weltweit Erschütterung aus. US-Präsident George W. Bush sicherte Russland Unterstützung beim Kampf gegen Terroristen zu. Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer verurteilten die Tat der Geiselnehmer als abscheuliches Verbrechen. Papst Johannes Paul II. hat das Geiseldrama als "gemeinen und rücksichtslosen Angriff auf wehrlose Kinder und Familien" verurteilt. In einem Telegramm an russische Behörden sprach das Oberhaupt der katholischen Kirche der Bevölkerung sein Beileid aus. Er hoffe, dass Gewalt und Hass sich nicht durchsetzen könnten, schrieb der Papst weiter.