Biljana Plavsic Fanatismus und Gewissen


Die im Prozess vor dem UN-Tribunal in Den Haag reuige Serbenführerin Biljana Plavsic war im Krieg eine Speerspitze des wütenden Nationalismus. Zu ihren Freunden gehörte der als Kriegsverbrecher gesuchte Radovan Karadzic.

Die Symbolkraft könnte kaum stärker sein: Am selben Platz, an dem Jugoslawiens Ex-Präsident Slobodan Milosevic weiter jede Verantwortung für die Gräuel der Balkankriege von sich weist, bekennt sich Biljana Plavsic vor dem UN-Tribunal zu ihrer Mitverantwortung im Namen eines übersteigerten Nationalismus. Während Milosevic "für die Wahrheit und für die Serben" zu kämpfen vorgibt, hat seine einstige Gesinnungsgenossin nicht mehr gut zu machende Fehler eingestanden. Sie hat Strafe akzeptiert, weil die von ihr einst mit glühendem Herzen mitgetragene Politik zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit führte.

"Tote bleiben tot"


Mit dem Bekenntnis aber ist es auch für die 72 Jahre alte Biologieprofessorin aus Sarajevo längst nicht vorbei. "Eine Frau, die einmal vergewaltigt wurde, bleibt es für ihr Leben lang", hörte die Angeklagte bei ihrer Verhandlung aus dem Mund des Experten für Überleben, Elie Wiesel. Tote bleiben tot, Leid lässt sich nicht wegwischen durch eine Entschuldigung der Verantwortlichen. Unrecht kann nicht ungetan gemacht werden. "Sie wird nicht auf sofortige Vergebung hoffen können", hatte auch Chefanklägerin Carla Del Ponte die Frau gewarnt, von deren ernster Reue sie überzeugt ist.

Biljana Plavsic wird im Rahmen eines Abkommens mit dem Tribunal "nur noch" wegen Verfolgung von Moslems, Kroaten und oppositionellen Serben während des Bosnienkriegs in den neunziger Jahren angeklagt. Der Vorwurf der gezielten Ausrottung ganzer Volksgruppen durch Völkermord wurde zurückgezogen. Am materiellen Inhalt der Anklage ändert dies wenig: "Verfolgung" beinhaltet im juristischen Verständnis ebenfalls Vertreibung, Folter, Haft, Mord und Zerstörung in großem Umfang. Lebenslange Haft droht nach der Praxis des Tribunals auch für diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

"Wie konnte sie nur schweigen angesichts so vieler Verbrechen, angesichts des großen Blutvergießens", musste sich die Angeklagte im letzten Teil ihres Prozesses fragen lassen. In der Anklageschrift in wird im Einzelnen geschildert wann, wo und wie viele Männer, Frauen und Kinder im Namen serbischer Gebietsansprüche in Bosnien abgeschlachtet wurden. Da wird über Todesangst, grausige Folter, Vergewaltigungen und Erniedrigungen übelster Art gesprochen. Was sich in den 408 Lagern aus der Plavsic-Anklage abspielte, lässt sich daraus ablesen, dass sie nur als "Konzentrationslager" bezeichnet werden.

Ethnische Säuberungen "mitgetragen"


Als serbische Nationalistin hat Plavsic nach eigenem Geständnis die Politik der so genannten ethnischen Säuberungen gutgeheißen und mitgetragen. Sie selbst hat nach Angaben der Ermittler wohl keinen Schuss abgegeben, keinen einzelnen Befehl zu Vergewaltigung, Folter oder Raub erteilt. An der Ausführung der Politik habe sie auch wohl geringeren Anteil als die Architekten dieser Politik vom Schlage Milosevic und des bosnischen Serbenführers Radovan Karadzic.

Auch Ex-Außenministerin Madeleine Albright hat die Angeklagte damals zunächst als bedingungslose Kämpferin für die serbische Sache kennen gelernt. Aber sie hat am Dienstag auch den Wandel der Frau aus der Serbenführung geschildert. Dieser Wechsel führte über das Werben für eine politische Lösung der Balkan-Probleme zur Erkenntnis des eigenen Fehlverhaltens. Die Tragödie auf dem Balkan sei ohne solche Bekenntnisse nicht zu heilen, meinte Albright.

Edgar Denter DPA

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