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Blutbad im Gazastreifen: Fatah-Demonstration endet im Kugelhagel

Der Machtkampf der verfeindeten palästinensischen Organisationen Hamas und Fatah hat zu einem neuen Blutbad im Gazastreifen geführt. Sicherheitsbeamte der Hamas schossen in eine Menge von 250.000 Fatah-Anhängern. Mindestens sechs Menschen wurden getötet.

Die Fatah-Anhänger beteiligten sich an der ersten Massendemonstration ihrer Gruppe seit Machtübernahme der Hamas in Gaza. Nach Angaben aus Krankenhäusern wurden mindestens sechs Menschen getötet und rund 85 zum Teil schwer verletzt. Die Fatah hatte anlässlich des dritten Todestags ihres Gründers und späteren palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat zu der Kundgebung in Gaza aufgerufen. Sicherheitsbeamte der Hamas erklärten, sie hätten das Feuer eröffnet, weil Fatah-Aktivisten Steine auf sie geworfen hätten. Für mindestens einen der Toten machten sie Heckenschützen der Fatah verantwortlich. Diese seien auf Dächern rund um den Platz der Kundgebung postiert worden. Augenzeugen zufolge flohen die Demonstranten in Panik, nachdem die ersten Schüsse gefallen waren.

Nach zwei Stunden hatte die Hamas die meisten Fatah-Anhänger vertrieben. Anderen war der Fluchtweg jedoch abgeschnitten, während vermummte Hamas-Kämpfer immer noch um sich schossen. Am Abend nahmen Sicherheitsleute der Hamas 27 Fatah-Aktivisten fest, die an der Vorbereitung der Massenkundgebung beteiligt waren, wie die Fatah berichtete. Außerdem sei aus einer Pressestelle der Fatah Computer und Dokumente beschlagnahme worden. Die Kundgebung war die größte Machtdemonstration der Organisation von Präsident Mahmud Abbas, seit die radikalislamische Hamas Mitte Juni die Kontrolle über den Gazastreifen übernahm.

Treffen in Ankara

"Gaza steht geschlossen hinter der Fatah", sagte Führungsmitglied Ahmed Heles. Hamas-Politiker waren derweil darum bemüht, den am 11. November 2004 verstorbenen Arafat für die Ziele ihrer Bewegung zu beanspruchen. "Er hat sich geweigert, die Rechte unseres Volkes auf dieses heilige Land aufzugeben", erklärte Sprecher Fausi Barhum. Abbas hatte der Hamas am Sonntag indessen vorgeworfen, das Vermächtnis Arafats auslöschen zu wollen. Im Westjordanland nahmen israelische Soldaten zwei Abgeordnete der Hamas fest. Mariam Saleh aus Ramallah und Chaled Tafesch aus Bethlehem seien in der Nacht zum Montag abgeführt worden, erklärte die Bewegung. Saleh ist die erste Frau aus den Reihen der Hamas-Abgeordneten in israelischer Haft. Insgesamt sitzen nun 41 Parlamentarier der islamistischen Bewegung in Israel im Gefängnis.

Offenbar zur Stärkung von Abbas kündigte der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert für die kommenden Tage die Freilassung von 400 weiteren palästinensischen Gefangenen an. Dies sei eine Geste des guten Willens vor der für Ende November geplanten Nahost-Konferenz in Annapolis bei Washington. Der israelische Staatspräsident Schimon Peres sieht derzeit gute Chancen für einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Dieser Prozess werde allerdings einige Zeit dauern, sagte er während eines Besuchs in Ankara. Der türkische Präsident Abdullah Gül erklärte, seine Regierung setze große Hoffnungen in die Annapolis-Konferenz. Er plädierte dafür, auch Syrien dazu einzuladen. Abbas traf am Montag ebenfalls in Ankara ein. Für (morgigen) Dienstag sind Gespräche mit Peres und türkischen Politikern über das türkische Vorhaben geplant, einen Industriepark im Westjordanland zu errichten. Ferner sollen Peres und Abbas unabhängig voneinander eine Rede vor dem türkischen Parlament halten. Es ist das erste Mal, dass ein israelischer Staatspräsident eine Einladung erhielt, vor einem Parlament von Muslimen zu sprechen.

Ibrahim Barzak/AP