Boris Jelzin Fit, schlanker und nüchtern


Unvergessen sind seine Fauxpas, und bis heute denkt die Mehrzahl der Russen eher mit Scham an seine "großen Momente" auf den Bühnen der Weltpolitik. Doch der frühere russische Präsident Boris Jelzin ist nicht mehr wiederzuerkennen.

Boris Jelzin ist auch mehr als drei Jahre nach seinem Rücktritt vom Amt des russischen Staatspräsidenten noch immer für Überraschungen gut. "Beeilt euch nicht, mir Denkmäler zu setzen, denn ich werde mindestens 100 Jahre alt", scherzte der von fünf Infarkten sowie Magengeschwüren und Lungenentzündungen geplagte 72-Jährige bei seinem Sommerurlaub Anfang Juli in Kirgisien. Jelzin hatte seine letzten Amtsjahre zu einem großen Teil in Krankenhäusern und Sanatorien verbracht, doch nun scheint der Mann aus dem Ural so fit wie schon lange nicht mehr.

Einfaches Gesundheitsgeheimnis

"Boris Jelzin ist nicht mehr wiederzuerkennen. Er ist kräftiger, schlanker und jünger geworden. Wie macht er das bloß?", fragte sich das Boulevardblatt "Komsomolskaja Prawda". Das Gesundheitsgeheimnis des Polit-Rentners scheint einfach: Jeden Tag gymnastische Übungen und offenbar weniger Alkohol als zu Amtszeiten im Kreml. "Ich habe in jüngster Zeit 20 Kilo abgenommen", berichtete Jelzin mit Stolz im vergangenen Sommer.

So viel neue Energie blieb auch dem alten Freund Helmut Kohl nicht verborgen. "Der Boris Jelzin ist unglaublich gut in Form", wunderte sich der Altbundeskanzler bei einem Besuch in Moskau. Zwei Jahre nach seinem Rücktritt attestierte das Deutsche Herzzentrum in Berlin dem Patienten Jelzin eine "ausgezeichnete Gesundheit".

"Retter der russischen Demokratie"

Jelzin scheint die Erfolge, Sorgen und Nöte seiner Amtszeit weit hinter sich gelassen zu haben. Er war der "Retter der russischen Demokratie". Er löste die Sowjetunion auf und trieb die Privatisierung der Wirtschaft voran. Zugleich ließ Jelzin aber auch mit Waffengewalt den Widerstand im Parlament brechen, ordnete einen katastrophal endenden ersten Tschetschenienkrieg an, entließ in seiner konfusesten Phase 4 Regierungen in 16 Monaten und verstrickte sich gegen Ende zunehmend in Korruptionsaffären seines Clans.

Bis heute denkt die Mehrzahl der Russen eher mit Scham an Jelzins "große Momente" auf den Bühnen der Weltpolitik. Beim Staatsbesuch in Schweden 1997 forderte Jelzin die Atommächte "Frankreich, China, Deutschland und Japan" zum Abrüsten auf. Weder Deutsche noch Japaner besaßen aber Nuklearwaffen. Über die Jahre mussten mehrfach ranghohe Begegnungen abgesagt werden, weil Jelzin sich - gegen das Protokoll - schlafen gelegt hatte.

Unvergessener Fauxpas

Unvergessen ist bis heute der Fauxpas bei einer Zwischenlandung in Irland 1994, wo Jelzin den damaligen Premier Albert Reynolds treffen sollte. Während die Ehrenformation wartete, schlief Jelzin im Flugzeug weiter. Der rote Teppisch musste wieder eingerollt werden. Seine Leibwächter hätten ihn nicht geweckt, sagte Jelzin später in Moskau als Erklärung.

Die "Komsomolskaja Prawda" enthüllte den Hintergrund für Jelzins spontanen Auftritt 1994 als Dirigent einer Musikkapelle beim Abschied der russischen Truppen aus Deutschland. Der Präsident habe in der Nacht zuvor keinen Schlaf gefunden, den damaligen Verteidigungsminister Pawel Gratschow zu sich gerufen und mit ihm bis zum Morgen Wodka getrunken. Entsprechend beschwingt absolvierte Jelzin dann das Pflichtprogramm in Deutschland.

Der Rentner liebt das Reisen

Auch im Ruhestand lieben Boris Jelzin und Ehefrau Naina das Reisen. In Armenien sorgte Jelzin zuletzt für Schlagzeilen, als eine örtliche Cognac-Destille Jelzins Gewicht mit Hochprozentigem aufwog und das Fass dem Russen schenkte. Jelzin-Verehrer errichteten in Kirgisien "dem ersten Präsidenten Russlands" sogar schon ein Denkmal.

Während sein Erzfeind, der sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow, sich bis heute vergeblich um ein Comeback als Politiker bemüht, hat Jelzin dem Regierungsgeschäft endgültig den Rücken gekehrt. Der Rentner Jelzin vergnügt sich auf Tennisturnieren in Paris oder auf Panzerübungsgeländen im Südural. Seit Jelzin Gorbatschow 1991 zum Rücktritt zwang, haben die beiden Reformer nach Angaben Gorbatschows kein freundliches Wort mehr miteinander gewechselt.

Lebenswerk gerät in Vergessenheit

Je länger der junge und dynamische Präsident Wladimir Putin in Russland an der Macht ist, desto mehr gerät Boris Jelzin und dessen Lebenswerk in Vergessenheit. In einer Umfrage der Zeitschrift "Kommersant Wlast" schaffte es Jelzin in diesem Frühjahr nicht einmal mehr unter die zehn wichtigsten Personen der russischen Geschichte.

Stefan Voß DPA

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