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Boykott-Diskussion: Klitschko fordert zum EM-Besuch auf

Besuch statt Boykott: Profiboxer und Oppositionspolitiker Vitali Klitschko hat westliche Politiker aufgefordert zur EM zu fahren - um dort ihr Missfallen zu äußern.

Box-Weltmeister Vitali Klitschko hat sich vehement gegen einen Boykott von Spielen der Fußball-Europameisterschaft in seinem Heimatland Ukraine ausgesprochen. In einem Interview des Nachrichtenmagazins "Focus" forderte der Sportler westliche Politiker auf, stattdessen als Zuschauer in die Stadien zu kommen. "Ihr Missfallen an der Verletzung der Menschenrechte" könnten sie dann an Ort und Stelle "direkt gegenüber den ukrainischen Machthabern äußern", sagte der 40-jährige Oppositionspolitiker. So werde die Weltöffentlichkeit auf die Missstände in dem Land aufmerksam.

Ausländische Politiker könnten darauf bestehen, bei ihren Reisen in die Ukraine politische Häftlinge zu besuchen, schlug Klitschko vor. "Das wäre auf jeden Fall effektiver, als die Fußball-EM zu boykottieren."

Papier bezichtigt Röttgen der "Effekthascherei"

Der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, hat den Umgang der deutschen Politik mit dem Fall der inhaftierten ukrainischen Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko derweil scharf verurteilt. "Deutschland könnte vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg die Ukraine verklagen", sagte Papier der "Welt am Sonntag". Dieser Weg werde aber "wahrscheinlich deshalb nicht beschritten, weil er nicht als medienwirksam genug angesehen wird".

Deutsche Politiker stellten stattdessen "abwegige Forderungen nach einem Boykott der Fußball-Europameisterschaft" in der Ukraine, sagte Papier weiter. Bezogen auf die Teilnahme der Sportler oder die Verlegung des Austragungsorts seien die Boykottaufrufe "völlig unrealistisch".

Was die Teilnahme von Politikern betreffe, seien es vor allem die obersten Verfassungsorgane, die dazu berufen seien, Deutschland bei solchen Veranstaltungen zu repräsentieren. "Beim Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit beispielsweise bin ich mir da nicht so sicher", sagte Papier mit Blick auf Norbert Röttgen (CDU), der einen Boykott gefordert hatte. Papier bezeichnete dies als "Effekthascherei".

Friedrich: Wirtschaftsdrohungen sind "Wortgeklingel"

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich hat unterdessen gelassen auf die Drohung aus der Ukraine reagiert, dass ein politischer Boykott der Fußball-EM wirtschaftliche Folgen für Deutschland haben könnte. "Das ist innenpolitisches Wortgeklingel, das sollte man nicht überbewerten", sagte Friedrich der "Bild am Sonntag". Ob er selbst in seiner Funktion als Sportminister Spiele der Fußball-EM in dem Land besuchen werde, ließ der CSU-Politiker weiter offen: "Über die Teilnahme von Regierungsmitgliedern an den EM-Spielen in der Ukraine werden wir in den kommenden Wochen im Lichte der Entwicklung dort entscheiden." Kanzlerin Angela Merkel hatte kürzlich deutlich gemacht, dass sie einen EM-Besuch in der Ukraine von dem Schicksal Julia Timoschenkos abhängig macht.

Die Ukraine ist gemeinsam mit Polen Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft vom 8. Juni bis 1. Juli. Die Gruppenspiele der deutschen Mannschaft finden in Charkow - nur wenige Kilometer von Timoschenkos Gefängnis entfernt - und in Lemberg statt. Die EU-Kommission hatte am Donnerstag angekündigt, die Spiele in der Ukraine geschlossen zu boykottieren. Dazu gehört auch das Finale, das am 1. Juli in Kiew ausgetragen werden soll.

mlr/DPA/AFP/Reuters / DPA / Reuters