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Rennen um May-Nachfolge: Rory Stewart, der schillernde Außenseiter mit dem Boris-Johnson-Problem

Rory Stewart will die Nachfolge der britischen Premierministerin May antreten. Der Entwicklungshilfeminister hat eine außergewöhnliche Vita vorzuweisen. Allerdings ein Problem: Er ist das genaue Gegenteil von Boris Johnson.

Rory Stewart, Entwicklungsminister von Großbritannien und Anwärter auf die May-Nachfolge

Rory Stewart, Entwicklungsminister von Großbritannien und Anwärter auf die May-Nachfolge

AFP

Wann und wie beim bevorstehenden Brexit der Vollzug gemeldet wird, steht trotz des offiziellen Austrittsdatums (31. Oktober) doch irgendwie in den Sternen.

Das liegt nicht zuletzt an ihr: Theresa May, noch britische Premierministerin und mittlerweile zurückgetretene Tory-Vorsitzende. Und ihnen: Den zehn Kandidaten, die sich für ihre Nachfolge als Parteichef und damit auch Premierminister empfehlen – und den Austritt aus der Europäischen Union, wie auch immer, durchziehen müssen. 

Ein Bewerber hat sich schon jenseits der politischen Bühne auf ungewöhnliche Weise bekannt gemacht.

Rory Stewart, 46, ist ein Newcomer, der eigentlich schon lange im Geschäft ist. Seit rund eineinhalb Monaten ist der Tory-Politiker auch Minister (Entwicklungshilfe) und besitzt eine schillernde Vita. Aber er hat ein Problem: Er ist das genaue Gegenteil von Boris Johnson.

Der Außenseiter

Schon deshalb wird's für Stewart vermutlich nichts, der als äußert kompetent geltende Politiker ist ein Außenseiter im Rennen um den Tory-Parteivorsitz. Boris Johnson, Brexit-Hardliner und früherer Außenminister, wird derzeit als haushoher Favorit gehandelt – einzig er selbst könne für sich noch zur Gefahr werden, spötteln Beobachter.

Bei seiner ersten Kandidatur 2016, die er mangels Unterstützung zurückzog, stolperte Johnson unter anderem durch eine schlecht vorbereitete und schlampige Kampagne. Daraus hat er offenbar gelernt, denn nun bleibt er demonstrativ im Vagen, verspricht wenig Konkretes - mit einer Ausname: Seine Forderungen an Brüssel sind so illusorisch, dass sie Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon als "Horrorshow" bezeichnete.

Und da kommt (eigentlich) Stewart ins Spiel.

Von den Bewerbern hat kaum jemand einen überzeugenden Plan, wie das Land aus der Brexit-Sackgasse geführt werden soll. Alle versprechen, Brüssel zu Zugeständnissen zu bewegen – es gibt jedoch keine Anzeichen dafür, dass sie damit mehr Erfolg haben könnten als May. Der einzige, der eine echte Strategie hat, scheint Stewart zu sein. 

Er will eine Bürgerversammlung einberufen, die mithilfe eines Expertenrats zu einem Brexit-Kompromiss innerhalb Großbritanniens finden soll, der auch in Brüssel akzeptabel wäre. Doch das würde wohl unweigerlich zu einer engeren Anbindung an die EU führen als bisher geplant. Der Trend in der Tory-Fraktion geht eher in die entgegengesetzte Richtung.

Zur Zeit wandert Stewart durch die britischen Provinz und erklärt den Menschen, wer er ist und wofür er steht: nämlich für eine weiche und möglichst freundschaftlichen Trennung von der EU. Außerdem will er, sollte er Premierminister werden, den Klimaschutz stärken. Wie gesagt: Er ist der genaue Gegenentwurf von Boris Johnson.

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Die außergewöhnliche Vita des "Lawrence of Arabia"

Auch durch seine außergewöhnliche Vita sticht Stewart aus dem Bewerberfeld heraus. Er wird "Lawrence of Arabia" gerufen, weil er als junger Mann binnen zwei Jahren knapp 10.000 Kilometer quer durch Iran, Afghanistan, Pakistan, Indien und Nepal gewandert ist. Gilt als Tausendsassa, weil er mehrere Bücher verfasst hat – unter anderem einen "New York Times"-Bestseller, für den Brad Pitt sich inzwischen die Filmrechte gesichert hat. Er war Diplomat und arbeitete in Kabul, Indonesien und Montenegro. Und unterrichtete einst als Tutor, und mit gerade mal 19 Jahren, die Prinzen William und Harry.

Zumindest eines hat Stewart, der ein bisschen Ähnlichkeit mit Rocksänger Mick Jagger in jungen Jahren hat, mit anderen Bewerbern gemeinsam: Er musste sich gerade dafür rechtfertigen, dass er bei einer seiner Wanderungen im Iran in eine Hochzeitsgesellschaft geriet und einen Zug aus einer Opiumpfeife nahm. Umweltminister und Mitbewerber Michael Gove muss sich derzeit seinen Drogenkonsum vor 20 Jahren vorwerfen lassen, auch Johnson hat so eine Episode schon erlebt.

Für Stewart könnte es schon am Donnerstag vorbei sein

Wie geht es also in den nächsten Wochen weiter? Das Verfahren ist in zwei Phasen geteilt. In der ersten Phase wird das Feld der Bewerber von den Tory-Abgeordneten in mehreren Wahlgängen auf zwei reduziert. Diese beiden müssen sich einer Stichwahl unter den rund 160.000 Parteimitgliedern stellen. Bis Ende Juli soll der Sieger feststehen und May auch an der Regierungsspitze ablösen. Bei der ersten Abstimmungsrunde am Donnerstag (13. Juni) scheiden alle Bewerber aus, die nicht mindestens 17 Stimmen erhalten. Weitere Abstimmungsrunden sind am 18., 19. und 20. Juni vorgesehen.

Stewart, der aktuell als chancenlos gilt, könnte also schon morgen aus dem Rennen ausscheiden. Aber wer weiß: Vielleicht entwickelt sich der Minister mit außergewöhnlichen Vita auch zum Geheimtipp unter den Buchmachern.

Quellen: "Süddeutsche Zeitung", "GQ Magazine", Nachrichtenagentur DPA

Video: Zehn Kandidaten für Mays Nachfolge
fs