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Dominic Lawson: "Brutal, aber logisch": Britischer Kolumnist lobt Boris Johnson für seine Brexit-Pläne

Kolumnist Dominic Lawson will den Brexit. Und verteidigt Boris Johnson. Er ist mit dieser Meinung in Großbritannien nicht allein. Der Versuch einer Erklärung – für uns Europäer

Von Dominic Lawson

Brexit: Unser britischer Kolumnist lobt Boris Johnson für Pläne

Vergangene Woche beschimpfte und umgarnte Boris Johnson das Parlament abwechselnd. Ohne Erfolg. Er erlitt drei Niederlagen bei den Brexit-Abstimmungen.

Verlorene Abstimmungen, Rausschmisse von Fraktionsmitgliedern, Rücktritte und kein politischer Ausweg: Premier Boris Johnson scheint nach der vergangenen Chaoswoche bereits verloren zu haben. Und doch: Johnsons Umfragewerte sind stabil. Seine Gegner gewinnen kaum. Inzwischen wollen 53 Prozent der Briten keinen Brexit mehr. Doch bei der Wahl zwischen No-Deal-Brexit und einem Labour-Premier Jeremy Corbyn entscheiden sich 52 Prozent für No Deal. Es scheint an der Zeit, denen zuzuhören, die trotz allem an Boris und Brexit festhalten.

Seit einem Vierteljahrhundert kenne ich Boris Johnson, zähle mich aber nicht zu seinen Freunden – obwohl er mit seiner Familie ein Wochenende bei mir verbracht hat, während er für denselben Verlag arbeitete wie ich. Einer seiner echten Freunde aus Teenagerzeiten rügte mich für einen Artikel, den ich zur Kampagne um den Vorsitz der Konservativen geschrieben hatte. Darin sagte ich, dass Johnson eine zu chaotische und unkontrollierbare Figur sei, um die richtige Wahl für die Partei zu sein.

"Du begreifst ihn nicht: Boris ist immer nach oben gefallen", sagte er mir. "Seit seiner Zeit in Eton College war er stets in jedem Raum die brillanteste Person, über die am meisten gesprochen wurde. Und stets waren sich die Leute einig, dass er zu so viel mehr in der Lage wäre. Und sich selbst mit seinem Benehmen torpediert. Das sagten seine Lehrer und später seine Professoren in Oxford. Das Gleiche passierte, als er vom Vorsitzenden der Tories, Michael Howard, als Stellvertreter gefeuert wurde, weil er diesen über eine Affäre angelogen hatte. Und doch: Er ist stets nach oben gefallen."

Überwältigende Mehrheit

Tatsächlich wurde Johnson bald nach meinem Gespräch mit Boris’ altem Freund von einer überwältigenden Mehrheit in der Partei zum Vorsitzenden der Konservativen gewählt und damit automatisch zum Premierminister.

In den Wochen seit er das Amt von Theresa May übernommen hat, addierte Johnson ungefähr zehn Prozentpunkte zu den Umfragewerten der Konservativen hinzu. Was ihn darin bestärkte, nun Neuwahlen ausrufen zu wollen. Es ist bezeichnend, dass die Opposition einen Grund gefunden hat, dieser Schlacht auszuweichen – übrigens hat es eine solche Situation noch nie gegeben. Labour ist sich Boris Johnsons Anziehungskraft sehr bewusst. Auch wenn diese Anziehungskraft außerhalb unseres Landes ein Rätsel bleibt.

Vielleicht ist es richtiger zu sagen, dass es vor allem für Intellektuelle und politische Vordenker ein Rätsel bleibt, die immer schon Schwierigkeiten hatten, Massenphänomene zu verstehen. Sie bezeichnen diejenigen, die ein solches Phänomen auslösen können, oft als "Populisten". Sollte Boris Johnson tatsächlich ein ­solcher sein, steht er für eine sehr ungewöhnliche Spielart des Populismus. Es zeugt von Unverständnis, wenn man ihn Donald Trump gleichstellt – obwohl die beiden ­Po­litiker anscheinend gut miteinander arbeiten ­kön­nen.

Es stimmt, dass Johnson wie viele Populisten oft erstaunlich umgangssprachlich spricht. Im Parlament nannte er den Vorsitzenden der Opposition, Jeremy Corbyn, in der vergangenen Woche "big girl’s blouse" – Weichei. (Eine ziemlich altmodische, einige würden sagen sexistische Beleidigung, die einem Mann Feigheit unterstellt.) Und einst versprach er denjenigen, die konservativ wählen: "Deine Freundin wird einen größeren BH brauchen." Hier legte er die Idee zugrunde, dass unter Konservativen die Wirtschaft wachse, sodass sich alle besseres Essen leisten und mehr Kalzium aufnehmen könnten…was zu größeren Brüsten führe.

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Doch so entsetzt oder empört viele Kommentatoren anlässlich einer solchen Ausdrucksweise sind – oder vorgeben zu sein –, genau diese macht Johnson so populär wie kaum einen anderen Politiker. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die Sprache der Politik ist monoton geworden, zu Manager-Sprech verkommen oder gar zu leeren Phrasen, die so oft wiederholt werden, dass die Öffentlichkeit dies zu Recht als Beleidigung ihrer Intelligenz auffasst. Diesen Fehler macht Johnson nie – was immer für Fehler er auch sonst macht (und er macht viele, ohne Frage).

Demonstrativer Müßiggang

Das liegt vor allem daran, dass er selbst überaus intelligent ist. Er ist schnell gelangweilt und weiß, dass dies für die Öffentlichkeit ebenso gilt. Vielleicht kann man an dieser Stelle einen Vergleich mit Trump wagen – wobei schnelles Desinteresse beim US-Präsidenten auf eine erstaunlich niedrige Aufmerksamkeitsspanne zurückzuführen ist. Es ist fraglich, ob Trump je ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite gelesen hat. Johnson dagegen – das weiß ich von meinen Gesprächen mit ihm – ist außergewöhnlich belesen und hat tatsächlich nicht wenige Bücher selbst geschrieben, als letztes eine Biografie Winston Churchills.

Ich erinnere mich an ein Mittagessen mit ihm, bei dem es aus ihm herausbrach, wie erleichtert er sei, dass dieses gerade erst veröffentlichte Buch hinter ihm liege: "Ich musste jeden Morgen um halb fünf aufstehen, um das verdammte Ding zu schreiben." Johnson arbeitet tatsächlich sehr viel, würde dies aber nie öffentlich zugeben und oder gar damit angeben – das widerspräche dem demonstrativen Müßiggang ehemaliger Eton-­Privatschüler. Sein Problem über Jahre war, dass er sein Talent an zu vielen Fronten eingesetzt hat, aus dem Antrieb, den auch Churchill kannte: so viel Geld wie möglich zu verdienen.

Es könnte sein, dass Johnson sich für den Job des Premierministers das erste Mal in seinem Leben ganz auf eine Sache konzentriert – abgesehen von seinem persönlichen Ehrgeiz, der immer und auch jetzt heiß glüht.

In Downing Street wird er nun unterstützt von Dominic Cummings. Der ist ebenfalls extrem zielstrebig, wenn auch auf ganz andere Weise. Während Johnson – wie alle geborenen Politiker – seinen Charme spielen lässt, um Einfluss zu gewinnen, ist Cummings erbarmungslos analytisch. Und es schert ihn nicht im Geringsten, wen er damit vor den Kopf stößt. Vor allem hat er eine tief sitzende Verachtung für die sogenannte "politische Klasse". Die, so glaubt er, spielt selbstbezogene Spiele und wird mehr durch persönliche Eitelkeit angetrieben als durch den unbedingten Willen, soziale Probleme zu lösen.

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Ich muss zugeben, ein Freund Cummings zu sein – wenn auch kein enger. Dies führte zu einem amüsanten und wahrscheinlich wichtigen Gespräch mit meinem Vater, einst Schatzkanzler unter Margaret Thatcher, als dieser ganz zu Beginn der Vorsitzende der Brexit-Kampagne "Vote Leave" war. Cummings hatte Vote Leave wie ein Internet-Start-up gegründet. Und befand, die meisten konservativen Abgeordneten seien hoffnungslos unwissend über moderne politische Kampagnen.

Mein Vater rief mich damals an und sagte: "Dominic Cummings ist doch ein Freund von dir." Ja, sagte ich. "Nun, er behandelt die Abgeordneten bei Vote Leave mit Verachtung", sagte mein Vater, der damals kein Abgeordneter mehr war. Ich antwortete, dass dies so sei, weil er sie tatsächlich verachte. "Nun, das mag sein", sagte mein Vater. "Aber er sollte es nicht so deutlich zeigen." Ich beschwor ihn, Cummings nicht zu feuern – wie es viele Abgeordnete verlangten –, und erinnerte an eine Reihe außergewöhnlich erfolgreicher politischer Kampagnen. Darunter ein Sieg gegen Tony Blairs Idee, eine eigene parlamentarische Vertretung im Nordosten Englands zu etablieren. Cummings selbst stammt dorther, was deutlich zu hören ist, wenn er spricht.

"Unumgänglicher Brexit"

Ich weiß nicht genau, was dann passierte. Außer dass Cummings nicht gefeuert wurde und später den einflussreichen Slogan "Take Back Control" erfand. Aber seine Verachtung für die Grandseigneurs der konser­vativen Partei besteht weiter, gerade auch in der Rolle des wichtigsten Beraters von Boris Johnson. Nicht überraschend wird er nun verantwortlich gemacht für die Strategie, nach der jeder Tory-Abgeordnete ausgeschlossen wurde, der in der vergangenen Woche mit der Opposition für ein Gesetz stimmte, das Großbritanniens Austritt aus der EU schon wieder vertagen wird, darunter zwei ehemalige Schatzkanzler.

Das war brutal, aber auch logisch – ein typischer Cummings-Schritt. Und doch war es Johnson, der am Ende absegnete, was einige nun eine Säuberungsaktion nennen. Dabei verglich er sich mit Kaiser Octavian, der in zwei Bürgerkriegen blutige Hinrichtungen anordnete. Und dann Frieden brachte ins Römische Reich.

Als Kenner der Antike hat Johnson stets postuliert, dass nach dem unumgänglichen Brexit – in seinen Worten: "do or die" – wieder Frieden einkehren werde in die konservative Partei und, viel wichtiger, in die politische Landschaft Großbritanniens. In Downing Street erzählte er gerade einer Schülergruppe, der griechische Staatsmann Perikles sei seine politische Inspiration.

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Das mag absurd arrogant klingen, aber Johnson sieht sich tatsächlich klassischen Helden ähnlich, die, während sie persönlichen Ruhm suchten, ihre Stadt vor Feinden retteten, indem sie deren Ideale verteidigten. Wie der Historiker Tom Holland in der vergangenen Woche sagte: "Boris ist sehr anders als andere Politiker. Er ist vor allem von Plutarchs Leben des Perikles und der Geschichte Roms von Livius beeinflusst worden."

Auch dies mag absurd und anachronistisch erscheinen. Aber Johnsons antik inspirierte Vorstellung, die Seele des eigenen Landes zu verteidigen, indem er das Königreich aus der EU führt – und so den Europäischen Gerichtshof von britischer Gesetzgebung abkoppelt –, korrespondiert mit der Sicht von Millionen Briten.

Glaube an die Einzigartigkeit der Briten

Diese Sicht, die außerordentlich emotional besetzt ist, basiert auf dem tief sitzenden Glauben an die Einzigartigkeit der Briten. Sie ist es, die unzählige Bürger unseres Landes zweifeln lässt, Teil eines sich homogenisierenden europäischen Reiches sein zu wollen. Ganz egal, wie gutartig dessen Ambitionen sein mögen. Fügt man dann noch Johnsons englische Rhetorik dazu, die niemals etwas ganz ernst nehmen zu können scheint, ist er eine Figur, die eben nur in Großbritannien an die Macht kommen konnte.

Ich kann verstehen, dass all dies für Johnsons Verhandlungspartner auf der höchsten politischen Ebene der EU seltsam anmuten dürfte. Aber wenn er doch noch erfolgreich sein sollte, müssen die politischen Runden dort seine Witze nicht mehr lange ertragen. Ich vermute, dass sie seine Gesellschaft mehr missen werden als die der schrecklich langweiligen und pflichtbewussten Theresa May. Sollte dies so sein, werden sie verstehen, wie weite Teile Großbritanniens momentan fühlen.

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen: