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Brüssel en bloc: Der Feldzug der McCanns

Die Eltern der seit fast einem Jahr vermissten Maddie McCann haben in Brüssel für die Einführung eines europaweiten Alarmsystems bei Kindesentführungen geworben. Es sieht vor, dass Medien und Verkehrsbetriebe in die Suche einbezogen werden. Bei Kritikern ist das System umstritten.

Von Johannes Röhrig, Brüssel

Wenn die Eltern des weltweit bekannten vermissten Mädchens Madeleine in der Öffentlichkeit auftreten, ist Medienrummel garantiert. Dafür zahlen Kate und Gerry McCann einen hohen Preis. Jeder Gesichtsausdruck der beiden Briten wird gedeutet, jeder Faltenzug um ihre Lippen erhält Bedeutung: Wirkt Kate McCann traurig; oder müde; oder gleichgültig? Hat sie gerade etwa ein bisschen gelächelt?

Derart beäugt und begutachtet sprachen die McCanns nun vor dem EU-Parlament in Brüssel vor, um für ein europaweites Alarmsystem zu werben, das im Falle von Kindesentführung in Gang gesetzt werden soll. Besonders britische Medien verfolgen jeden Schritt der beiden; ein Pressesprecher der Familie lenkt den Umgang mit ihnen in gewünschte Bahnen; und zwischen Gerry und seiner Frau Kate hat sich eine Rollenverteilung etabliert, die wohl dem Naturell des Paars nahe kommt: Er präsentiert die Fakten des Falls, sie das Gefühl.

So wirkt die Szenerie mit den McCanns immer ein wenig gespenstisch: Man kennt ihr Schicksal und mag ihnen das Mitgefühl nicht verwehren; ein Zusammentreffen ist im ersten Augenblick geradezu beklemmend. Der ruhelose mediale Fahndungsaktivismus, den die beiden leben, bleibt jedoch schwer nachvollziehbar. Das macht sie einem auch unheimlich.

Suche nach Maddie seit einem Jahr ergebnislos

Die kleine Maddie (4) war am Abend des 3. Mai 2007 aus dem Ferienapartment der Familie an der portugiesischen Algarveküste verschwunden. Fast ein Jahr läuft die Suche nach ihr also schon. Die Umstände des Verschwindens sind ungeklärt und obskur. Fast wöchentlich gibt es neue Mutmaßungen und angebliche Ermittlungsergebnisse. Bald soll die gesamte Abendszene in der Urlaubsanlage, soweit sie Polizei bekannt ist, am Originalschauplatz in Praia da Luz nachgestellt werden. Teilweise werden dafür Darsteller engagiert. Aber auch die McCanns werden bei der Rekonstruktion erwartet.

Ob man den Eltern diese Situation hätte ersparen können - ob Maddie vor einem Jahr gefunden worden wäre, wenn rechtzeitig ein Such- und Alarmsystem in Gang gesetzt worden wäre, das ist reine Spekulation. Das weiß auch Kate McCann. Trotz aller Unsicherheit, meint sie jedoch, reduziere ein solches System "die Chance eines Entführers, Distanz zwischen sich und Verfolger zu bringen."

Der Alarmplan sieht vor, dass unmittelbar nach Verschwinden eines Kindes neben der Polizei auch Medien und Verkehrsbetriebe mit Informationen über das Opfer versorgt werden: mit einem Foto, mit der Beschreibung der Kleidung; mit möglichen Hinweisen zum Täter. Das soll grenzüberschreitend passieren, so dass die Bevölkerung gleich in einem weiteren Umfeld zum Tatort sensibilisiert wird, die Augen offen zu halten. Die Initiative muss von der Mehrheit der EU-Abgeordneten unterstützt werden, um eine Chance auf Verwirklichung zu haben. Auf den ersten Blick scheint das ein Selbstgänger zu sein. Wer wollte nicht alles Erdenkliche in Bewegung setzten, um ein Kind zu retten? Der Auftritt der McCanns beeindruckte viele Parlamentarier zudem tief.

Zweifel an Wirksamkeit des Alarmsystems

Kritik an dem Alarmplan ist dennoch angebracht. Zum einen ist die Rolle der Kampagnenköpfe umstritten: Gerry und Kate McCann sind im Fall ihrer vermissten Tochter nicht frei von jedem Verdacht; immer wieder tauchen neue Vorwürfe und Ungereimtheiten auf, die gegen sie sprechen. Sie können das Ziel der Aktion auch schädigen.

Auch an der Wirksamkeit der propagierten Alarmsysteme bestehen Zweifel. Der Vorschlag in der EU folgt einem Vorbild aus den USA, dem Amber Alarm. "Amber" steht für "America's missing: Broadcasting Emergency Response". Außerdem hieß ein neunjähriges Mädchen so, das 1996 in Texas entführt und ermordet wurde. Kurze Zeit später wurde das System landesweit eingeführt.

Viele Fehlalarme in den USA

Bei einem Check 2004 stellte sich heraus, dass die meisten der 233 ausgelösten Alarme in dem Jahr den eigentlichen Kriterien, die das System an Entführungsfälle stellt, nicht entsprachen. Rund die Hälfte der Fälle betraf familiäre Streitigkeiten, bei denen sich Elternteile gegenseitig die Kinder wegnahmen. Die Suche nach einem vermeintlich fremden Entführer auf der Flucht lief demnach regelmäßig ins Leere. 48 Mal wurde der Alarm ausgelöst, ohne dass überhaupt jemand entführt wurde: Vielfach handelte es sich um Missverständnisse bei Absprachen zur Kinderbetreuung. Kurz gesagt: Da wusste die Mutter nicht, dass der Vater die Kinder morgens zu den Großeltern gebracht hatte. Oder es ging um Pubertierende, die schlicht von zu Hause weggelaufen waren.

Einige Regierungen in Europa stehen dem Alarmsystem daher eher skeptisch gegenüber. Die Angst ist groß, die Behörden könnten mit der Vielzahl von Hinweisen aus der Bevölkerung, die bei Suchaktionen eingehen können, überfordert sein. Oder aber das Gegenteil tritt ein: Die Zahl der Fehlalarme nimmt ein derartiges Ausmaß an, dass die Menschen abstumpfen und sich gar nicht mehr melden, wenn ihnen etwas auffällt. Das sind Kritikpunkte, die Kate McCann nicht gelten lässt: "Wenn das System nur ein Kind rettet", sagt sie, "dann ist es die Mühe wert."