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Brüssel en bloc: Spielzeug, Schoki, Kettensägen

Um Überraschungs-Eier, Teesieb-Brillen und Rasenmäher-Verlosungen geht es diesmal in der Kolumne "Brüssel en bloc" von Johannes Röhrig. Denn auch Europa-Abgeordnete machen mal eine Sause.

Von Johannes Röhrig

Verbietet die Europäische Union das Überraschungs-Ei für Kinder? Diese Frage bewegte am Ende der Woche den deutschen EU-Kommissar Günter Verheugen. Der SPD-Mann, eigentlich für Industrie zuständig, hatte seine Ader für Verbraucherschutz entdeckt und eine neue Richtlinie für Spielzeug vorgestellt. Im Kern geht es um schärfere Verbote für giftige Substanzen in Spielwaren. Das ist nötig! Rückrufaktionen wie die des amerikanischen Herstellers Mattel im Sommer letzten Jahres wegen bleihaltiger Farben an Barbie und Co zeigen das immer wieder.

Verheugen plagen jedoch noch andere Sorgen. Auch bei Cornflakes, Eis und Schokolade, denen Spielzeug beigepackt ist, sieht er Gefahren. So soll Essbares künftig besser von dem Spiel- und Bastelzeug getrennt werden, damit Kinder die Teile nicht verschlucken können. Jene Süßigkeiten, die man erst verzehren muss, um an die Plastik-Gimmicks zu kommen, sollen sogar ganz verboten werden.

Trifft das nicht auf die Überraschungs-Eier zu? Ein Mantel aus Schokolade; darin steckt das Plastik, auf das Kinder so scharf sind. Erst essen, dann spielen? Die EU gibt Entwarnung, das Ü-Ei bleibt. Was es rettet, ist, dass Kinder die Schokolade nicht aufessen müssen, um an das Innenleben zu kommen. Sie können das Ei ja einfach aufbrechen. Aus den Regalen verbannt werden Lollis mit eingegossenen Schmuckringen und ähnlichem Firlefanz.

Das sind also die feinen Unterschiede, auf die sich die Süß- und Spielwarenindustrie künftig einzustellen hat. Verheugen, der selbst keine Kinder hat, musste übrigens auch dazu lernen. Er ging vor kurzem in ein Spielwarengeschäft, um das Sortiment zu sichten.

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Dass bei der Firma Nokia zu Hause in Nordrhein-Westfalen etwas im Argen liegt, hat sich mittlerweile auch bis zum letzten deutschen Europa-Abgeordeten herumgesprochen. Dieser Letzte heißt Christoph Konrad, CDUler und aus NRW wie sein Landesvater Jürgen Rüttgers. Mit fast einwöchiger Verspätung hat Konrad nun auf die angekündigte Werksschließung in Bochum mit "großem Bedauern" reagiert und außerdem bei der EU-Kommission nachgehakt, ob für den Umzug des Handyherstellers ins billigere Rumänien EU-Subventionen flossen. Dies hatten in den letzten Tagen freilich schon viele andere vor Konrad getan. Die (vorläufige) Antwort lautet: Es floss Geld für Infrastruktur nach Rumänien, aber keines im Zusammenhang mit der Nokia-Ansiedlung.

Die allgemeine Entrüstung über das Subventions-Schmarotzertum der Firma Nokia ist sicher echt. Der Aktionismus vieler Politiker - etwa das Zertrümmern von Handys - ist jedoch verlogen. Warum wohl hat die Landesregierung mit Nokia keine längeren Bleibefristen vereinbart, als sie der Firma ihrerseits Subventionen gewährte? In Frankreich müssen Unternehmen länger ausharren, wenn sie öffentliche Gelder kassieren. Die Wahrheit ist: Die finnische Handyfirma wäre wohl gar nicht erst nach Bochum gekommen, wenn sich die Deutschen nicht so großzügig gezeigt hätte. NRW hat sich seinen Industriewandel mit Methoden erkauft, für die Politiker von dort nun das arme Rumänien geißeln.

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Die Erwartungen der deutschen Community an den Neujahrsempfang des Landes Baden-Württemberg in Brüssel waren wohl selten höher als diesmal. Am Mittwochabend war es soweit: Hunderte drängten sich in der Landesvertretung, manche in Abendgarderobe, doch man muss sagen - sie wurden enttäuscht. Das lag an Ministerpräsident Günther Oettinger. Der "MP" blieb unter seinen Möglichkeiten.

Im Januar vor einem Jahr hatte Oettinger zu später Stunde in der rustikalen Schwarzwaldstube im Keller der ansonsten architektonisch-nüchternen Landesvertretung vorgeführt, dass ein Ministerpräsident auch nur ein Mensch aus Fleisch, Blut und manchmal Alkohol ist. Mal habe sich Oettinger auf, mal auch unter dem Tisch bewegt, erzählen Augenzeugen. Dabei trug er eine Jux-Brille aus Teesieben auf der Nase. Fotos von der Sause waren erst vor wenigen Wochen aufgetaucht und hatten in seiner Partei für einige Verwirrung gesorgt.

Diesmal hielt sich Oettinger zurück. Highlights wie die Verlosung eines Rasenmähers der Marke Bosch (Unternehmens-Stammsitz Stuttgart) überließ er seinem Europaminister Willi Stächele. Und auch verkleiden mochte sich Oettinger nicht wieder. Dabei hätte es ausnahmsweise gepasst: Die diesjährige Veranstaltung stand unter dem Motto der alemannischen Fasnet.

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Zum Schluss ein paar Produktinfos: Die Bosch-Rasenmäher werden im britischen Stowmarket hergestellt. Aus dem Garten- und Handwerkssegment produziert die Firma in Deutschland nur noch schwere Bohrhämmer, Häcksler und Kettensägen.