Bürgerkriegsopfer "Das sind keine Menschen"

Vergewaltigungen waren in dem seit Jahren andauernden Bürgerkrieg schon immer an der Tagesordnung. Doch die Häufigkeit und Brutalität scheint alle bisherigen Horrorszenarien zu übertreffen.

Schluchzend drückt Rebecca das Foto ihrer Tochter an sich. Man feierte gerade ihren zehnten Geburtstag, als in das Haus der Familie plötzlich Milizionäre des liberianischen Präsidenten Charles Taylor einbrachen. Einer von ihnen stürzte sich auf das kleine Mädchen, die Mutter erhielt einen Hammerschlag auf den Kopf. Als alles vorbei war, lag die brutal vergewaltigte Zehnjährige in einer Blutlache. Sie war tot.

"Das sind keine Menschen", schluchzt die 42-jährige Rebecca, die nach eigenen Worten nur noch sterben möchte. Alles haben diese Kämpfer ihr genommen, nur ein einziges Foto von ihrer Tochter als Kleinkind ist ihr noch geblieben. Andere Frauen in Liberia berichten von ähnlichen grausamen Erfahrungen.

Vergewaltigungen an der Tagesordnung

Vergewaltigungen waren in dem seit 14 Jahren andauernden Bürgerkrieg schon immer an der Tagesordnung, wie Hilfsorganisationen bestätigen. Doch die derzeitige Häufigkeit und Brutalität scheint alle bisherigen Horrorszenarien zu übertreffen. In der Vergangenheit waren es vor allem die Flüchtlingsfrauen im Busch, die vor Übergriffen nicht sicher waren. Doch inzwischen dringen immer mehr Kämpfer in Wohnhäuser ein und vergewaltigen praktisch alle Frauen und Mädchen, die ihnen in den Weg kommen.

Dabei gibt es keinen Unterschied zwischen den Regierungseinheiten und den Rebellen, wie die 20-jährige Alice zu berichten weiß. Vor drei Jahren wurde sie auf der Flucht das Opfer einer Gruppe Rebellen, im vergangenen Monat fielen am Stadtrand von Monrovia Milizionäre von Präsident Taylor über sie her. Ihre einstigen Hoffnungen auf ein glückliches Familienleben sind längst zerstört, beim Anblick von Männern empfindet sie nur noch Ekel.

Hilfsprojekt für traumatisierte Frauen

Alice hat jetzt Zuflucht gefunden in einer Unterkunft der Organisation Concerned Christian Community (Gemeinschaft besorgter Christen) - die einzige Gruppe, die in Liberia noch ein Hilfsprojekt für traumatisierte Frauen aufrecht erhält. Die Sozialarbeiterin Miatta Roberts bestätigt, dass es im liberianischen Bürgerkrieg noch nie so viele Vergewaltigungen gab wie zum gegenwärtigen Zeitpunkt.

Ein entscheidender Grund liegt wohl darin, dass vor allem Taylors Kämpfer völlig demoralisiert sind. Die Tatsache, dass ihr Führer sich dem internationalen Druck beugen und ins Exil gehen will, hat sie in einem Vakuum zurückgelassen. Deshalb gilt für sie nur noch die Devise "Bedien Dich selbst" - in jeglicher Hinsicht, wie Roberts es ausdrückt. Alkohol- und Drogenkonsum verschlimmern die Lage weiter, und in Ermangelung einer funktionierenden Gerichtsbarkeit ist niemand da, der die Täter zur Rechenschaft ziehen könnte.

Übergriffe selbst in den Flüchtlingslagern

Auch vor den Flüchtlingslagern machen die Übergriffe auf Frauen und Mädchen nicht Halt. Von 1.500 dort Betreuten wurden nach Angaben von Roberts 626 vergewaltigt. Die 47-jährige Kula erzählt, wie sie sich nach langer Flucht vor den Rebellen in einem Lager in Monrovia endlich in Sicherheit glaubte. Doch schon vier Tage später zogen Bewaffnete von Hütte zu Hütte und teilten die Frauen unter sich auf. Einer der Täter war vermutlich erst zehn Jahre alt.

Alexandra Zavis

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