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Verschiedene Szenarien Hohe Verluste sind gewiss: Forscher spielen potenzielle Kriegsverläufe zwischen China, Taiwan und den USA durch

22 Szenarien zu einem Krieg zwischen China und Taiwan
Das taiwanesische Militär führt Artillerieübungen durch
© Johnson Lai / AP / DPA
China provoziert vor der Küste Taiwans mit Militärmanövern. Und Taipeh rüstet auf. Ein neuer Krieg scheint immer wahrscheinlicher. Was wären die Folgen?

Auf den ersten Blick sieht die Simulation aus wie ein Gemeinschaftsspiel. Auf einem Spielbrett mit einer Karte des Westpazifik würfeln US-Expertinnen und -Experten des Militärs, des amerikanischen Verteidigungsministeriums und des Thinktanks Center for Strategic and International Studies (CSIS) den Kriegsverlauf zwischen China, Taiwan und den USA aus. Um ein Spiel handelt es sich dabei wahrlich nicht.

Denn die politische Lage im südchinesischen Meer spitzt sich immer weiter zu. Die militärischen Provokationen lassen eine chinesische Invasion ziemlich realistisch erscheinen. Von US-amerikanischen Besuchen in Taipeh provoziert, hatte die Wirtschaftsmacht zuletzt mehrfach Militärmanöver vor der Küste Taiwans abgehalten. Sie gipfelten zuletzt in dem Abschuss ballistischer Raketen – eine der größten Machtdemonstrationen seit der "Raketenkrise" um Taiwan in den 90er Jahren.

Nun provoziert China weiterhin mit Flugzeugen und Schiffen, die in der Meerenge der Taiwanstraße patrouillieren oder gar in die taiwanesische Luftüberwachungszone (ADIZ) eindringen. In Taipeh plant die Regierung bereits mit einer Stärkung des Militärs.

Kriegsverlauf wird ausgewürfelt

Sind das schon die Vorbereitungen auf eine chinesische Invasion? Eindeutig fest steht das nicht. Der Ernstfall wird trotzdem geprobt. Deshalb stecken die US-amerikanischen Forscher die Köpfe über einem Spielbrett zusammen, um unterschiedliche Kriegszenarien auszuwürfeln. Sie wollen herausfinden, wie ein Krieg zwischen China und Taiwan mit Unterstützung der Vereinigten Staaten ausgehen könnte.

22 Szenarien sollen durchgespielt werden. In der Simulation nutzen die Forscher zwei Bretter mit Karten des Westpazifiks, auf denen China, Taiwan und Japan eingezeichnet sind. Spielsteine werden bewegt, mit Würfeln Elemente zufällig hinzugefügt. Computermodelle und Kampfergebnistabellen komplettieren das Ganze.

Die Forscher arbeiten sich dabei vom wahrscheinlichsten bis zum Extremszenario vor, wie der Leiter des US-China-Kriegsprojektes, Mark Cancian, gegenüber dem "Standard" erklärt hat. 18 Durchgänge sind bereits geschafft. Der finale Bericht soll im Dezember erscheinen. Doch schon jetzt ist klar: Hohe Verluste sind gewiss.

Grundlage der Simulationen bilden Informationen über die militärische Ausrüstung Chinas, den USA und Taiwans, die bisher veröffentlicht wurden. Die Forscher rechnen zudem mit den Waffensystemen, die noch bis 2026 angeschafft werden sollen. Nicht berücksichtigt werden Nuklearsprengköpfe und ein mögliches Personalproblem. Laut Medienberichten fehlen Taiwan bis 2026 Piloten, um alle bis dahin georderten Kampfjets überhaupt einsetzen zu können.

USA und Taiwan leiden – aber China leidet mehr

In allen bisher durchgespielten Szenarien sei es Taiwan mit Hilfe der USA gelungen, sich gegen China zu verteidigen – nicht allerdings ohne diverse Verluste hinnehmen zu müssen. Nach den Berechnungen büßen die US-Streitkräfte einen großen Teil ihrer Überseeflotte ein. Auch die Flugzeuge auf den Luftwaffenstützpunkten fallen den chinesischen Truppen zum Opfer. Je nach Kriegsverlauf könnten bis zu 900 US-Flieger zerstört werden. Das wäre die Hälfte der Kapazitäten von Navy und Airforce.

Aber: "Ich würde sagen, in den meisten Szenarien leidet die chinesische Flotte sehr viel mehr, weil sie sehr exponiert ist", schätzt Cancian im Gespräch mit dem "Insider". Gegenangriffe von Seiten Taiwans und der Alliierten könnten etwa die chinesische Amphibien- und Überseeflotte vernichten und dabei rund 150 Schiffe versenken.

Aus den bisherigen Simulationen können die Experten bereits erste Militärempfehlungen für die USA und Taiwan ableiten. Für die Vereinigten Staaten empfiehlt Cancian auf U-Boote und Bomber mit Langstreckenraketen zu setzen. Zudem rät der Experte zum Bau von Unterständen in Guam und Japan, um Flugzeuge zu schützen, denn die meisten Flugzeuge würden am Boden zerstört. Taiwan sollte statt Kampfschiffe und Jets vermehrt Antischiffsraketen einsetzen, so der Experte.

Worst-Case-Szenarien stehen noch aus

Im Dezember will das Gremium seinen endgültigen Bericht vorlegen. Das ist eher ungewöhnlich, denn normalerweise werden solche Simulationen unter Verschluss gehalten. In dem Papier soll am Ende zudem stehen, wie viele menschliche Opfer es bei einer möglichen chinesischen Invasion geben könnte und wie groß die wirtschaftlichen Schäden ausfallen würden.

Zunächst müssen aber noch die Worst-Case-Szenarien durchgespielt werden, so Cancian. Dabei wollen die Experten zum Beispiel untersuchen, wie der Krieg verlaufen würde, wenn die USA durch den Ukraine-Krieg abgelenkt würden. In einem anderen Fall wird noch untersucht, wie Taiwan unter chinesischen Sabotageaktionen operieren würde. Auch Streiks auf dem chinesischen Festland sowie die Rolle Japans werden noch einberechnet.

Fest steht aber schon jetzt, dass "beträchtliche Kämpfe in taiwanesischen Städten" zu schweren Schäden an der Infrastruktur, wie zerstörten Häfen und Flugfeldern, führen würden. Das könnte die taiwanesische Wirtschaft nachhaltig schwächen, lautet die vorläufige Prognose.

Quellen: Center for Strategic and international Studies, Wall Streaat Journal, "Der Standard", Insider, Bloomberg

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