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Abgelehnter Ausstiegsplan: Selbst Tote nicht ausgeschlossen – so drastische Folgen hat ein harter Brexit

Flugzeuge dürfen nicht mehr abheben, deutsche Exporte brechen ein und lebenswichtige Medikamente fehlen: Sollte Großbritannien ungeregelt die EU verlassen, droht das Chaos. Die Folgen im Überblick.

Lkw-Stau vor Dover

Vorgeschmack auf hartem Brexit: Test-Stau am Grenzübergang Dover

DPA

Endlose Lastwagenkolonnen an den Grenzen, Produktionsausfälle, Medikamentenmangel: Nach der Ablehnung des Brexit-Abkommens durch das britische Parlament wird das ungeordnete Ausscheiden Großbritanniens aus der Europäischen Union wahrscheinlicher. Hart wird dieser Brexit genannt, weil es dann keine Vereinbarungen gibt, die etwa Warenaustausch, Zulassungen oder Zölle regeln. Abgesehen von Kosten in Milliardenhöhe kann der ungeregelte Austritt einschneidende bis dramatische Folgen haben – nicht nur für Großbritannien, sondern auch für Deutschland.

Die Brexit-Folgen im Überblick:

  • Lkw-Staus an Häfen

Grenzformalitäten könnten für lange Warteschlangen im Güterverkehr sorgen. Im Hafen von Dover dauert die Lkw-Abfertigung derzeit zwei Minuten. Nur zwei Minuten mehr würden laut Betreiber Staus von 27 Kilometern verursachen. Die britische Regierung hat deshalb für über 100 Milliarden Pfund Fährkapazitäten in anderen Häfen gechartert, um Dover zu entlasten.

  • Lebensmittelengpässe

Wegen drohender Lieferengpässe "horten" britische Unternehmen bereits Importware, die sie für ihre Produktion dringend benötigen. Laut dem Kreditversicherer Euler Hermes gibt es "Hamsterkäufe wie nach einer Sturmwarnung". Inzwischen sind in Großbritannien aber kaum mehr Lagerflächen zu bekommen, da neben Industriebetrieben auch Supermärkte Lebensmittel auf Vorrat bunkern.

  • Arzneimittel

Die Pharmabranche befürchtet massive Lieferengpässe. "Das gilt ganz besonders für die Arzneimittelversorgung in Großbritannien", erklärt der deutsche Branchenverband VCI. Der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese warnt sogar vor Todesfällen: "Wir müssen leider befürchten, dass Patienten wegen mangelnder medizinischer Versorgung sterben müssen."

John Bercow im britischen Parlament
  • Chemieindustrie

Etwa 17.000 Mitarbeiter deutscher Firmen stellen in Großbritannien Vorprodukte her. Bei einem ungeordneten Brexit könnten fehlende Registrierungen oder Zulassungen für Produkte zahlreiche Lieferketten mit einem Schlag zum Erliegen bringen und auch Abnehmer der Auto-, Konsumgüter- und Baubranche treffen.

  • Flugzeuge am Boden

Bei einem Brexit ohne Deal drohen auch an Flughäfen chaotische Zustände. Verkehrsrechte und Betriebsgenehmigungen würden in diesem Fall ungültig. Mit Sonderregeln für zwölf Monate will die EU zumindest einige Flüge aufrechterhalten. Störungen dürften trotzdem nicht ausbleiben. Der Airline-Verband IATA fordert eine gegenseitige Anerkennung von Lizenzen sowie Sicherheits- und Industriestandards. Andernfalls müssten etwa sämtliche Gepäckstücke von Passagieren, die über Großbritannien nach Europa reisen, künftig erneut durch die Sicherheitskontrolle. Lange Schlangen an der Passkontrolle seien unvermeidbar.  

  • Luffahrtindustrie

Vor besonderen Problemen steht der europäische Flugzeugbauer Airbus, der in Großbritannien etwa 14.000 Mitarbeiter beschäftigt. Im Vereinigten Königreich werden alle Flügel der Airbus-Verkehrsjets entworfen und hergestellt. "Das Worst-Case-Szenario, der harte Brexit ohne Vereinbarung, würde bedeuten, dass wir keine Teile über die Grenze bekommen", sagte der Chef der Airbus-Verkehrsflugzeugsparte, Guillaume Faury, schon im Sommer.

  • Autoproduktion

Die Autoindustrie arbeitet heute quasi ohne Lagerhaltung. Zulieferer stellen Teile "just in time" bereit, die direkt nach Ankunft verarbeitet werden. Mit Wartezeiten wegen der Zollabfertigung wird dies kaum möglich sein, wie der europäische Autoherstellerverband Acea warnt. Unternehmen arbeiten deshalb an Notfallplänen. So kündigte BMW an, die jährliche Schließung seines britischen Werks für den Mini zu Wartungszwecken direkt auf die Zeit nach dem Brexit zu verlegen.

  • Tourismus

Britische Fluggesellschaften könnten ihr Recht verlieren, etwa von London nach Frankfurt oder Mallorca zu fliegen. Flüge innerhalb der EU wären für sie passé. Probleme kann es aber auch für den deutschen Ferienflieger Condor, der zum Reisekonzern Thomas Cook gehört, und Tuifly geben, weil diese Anbieter nicht mehr mehrheitlich in EU-Eigentum wären. Die Konzerne rüsten sich mit Notfallplänen, damit ihre Maschinen auch bei einem ungeregelten Brexit nicht am Boden bleiben müssen. Für die Verkehrsrechte von Fluglinien ist nicht nur entscheidend, wo die Gesellschaft ihren Sitz hat, sondern auch, wem sie gehört. So müssen EU-Fluglinien zu mehr als 50 Prozent Eigentümern aus der Union gehören.

  • Finanzbranche

Zahlreiche Banken haben angekündigt, Arbeitsplätze von London in andere Finanzzentren zu verlagern. Sobald Großbritannien aus der EU ausgeschieden ist, dürfen sie nicht mehr wie bisher von London aus Finanzgeschäfte in der Gemeinschaft betreiben. Nach jüngsten Angaben der Finanzaufsicht Bafin sind inzwischen mehr als 45 Finanzinstitute dabei, sich in Deutschland ein Standbein zu schaffen oder ihre Präsenz auszubauen. Die meisten zieht es nach Frankfurt.

  • Maschinenbau

Großbritannien ist der fünftwichtigste Einzelmarkt für Maschinen "Made in Germany". 2017 gingen Maschinen und Anlagen im Wert von 7,3 Milliarden Euro in das Vereinigte Königreich. Die Importe aus UK fielen mit 2,6 Milliarden deutlich geringer aus. Der Branchenverband der exportorientierten deutschen Schlüsselindustrie, VDMA, mahnt, die Unternehmen sollten erhebliche Verzögerungen und Engpässe beim Export und beim Import einplanen und ihre Lieferketten auf mögliche Abhängigkeiten von britischen Zulieferern prüfen.

  • Rezession und Währung

Der britische Unternehmerverband CBI rechnet bei einem harten Brexit ohne Abkommen mit einem Einbruch der Wirtschaft. Sie könnte demnach um bis zu acht Prozent schrumpfen, was entsprechend Jobverluste und geringere Steuereinnahmen bedeutet. Die Bank von England erwartet einen Absturz des Pfundes um 25 Prozent. Auch der Immobilienmarkt würde schwer getroffen. Die Zentralbanker gehen von einem Fall der Hauspreise um 30 Prozent aus.

  • Deutsche Wirtschaft

Die britische Exportwirtschaft würde nach Einschätzung des Kreditversicherers Euler Hermes im ersten Jahr Ausfuhren im Wert von 30 Milliarden Pfund (33,2 Milliarden Euro) verlieren. Auch die Kontinentaleuropäer würden wegen der engen Wirtschaftsbeziehungen getroffen. Größte Verlierer wären laut Euler Hermes die deutschen Exporteure mit acht Milliarden Euro.

  • Grenzkontrollen

Alle Waren und Personen aus Großbritannien müssen vor dem Überschreiten der EU-Grenzen wieder kontrolliert werden. Allein der deutsche Zoll will 900 zusätzliche Beamte einstellen. Um wenigstens im Reiseverkehr das Schlimmste zu verhindern, will die EU-Kommission Briten "Visa-freies Reisen" für bis zu 90 Tage ermöglichen - falls London dies umgekehrt "allen EU-Bürgern gewährt".

  • Milliardenloch in EU-Haushalt

In der EU hätte der Brexit nicht nur für die Wirtschaft und im Reiseverkehr Folgen. Denn im EU-Haushalt würden dann 2019 und 2020 Milliardenbeträge fehlen, die Großbritannien bisher wegen der nach dem Brexit geplanten Übergangsphase zahlen würde. Haushaltskommissar Günther Oettinger müsste dann womöglich geplante EU-Ausgaben etwa für Landwirte oder Forschung global kürzen oder Vorhaben verschieben.

Lesen Sie hier, wie es beim Brexit weitergehen könnte.

nik / DPA / AFP