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Der türkische Premier in den USA: Erdogan marschiert nach Washington

Wenn Recep Tayyip Erdogan am Montag US-Präsident George W. Bush besucht, steht viel auf dem Spiel: Es geht um einen Militärschlag im Nordirak, für den sich Erdogan Rückendeckung holen will. Es geht aber auch um die prekären türkisch-amerikanischen Beziehungen.

Von Juliane von Mittelstaedt, Istanbul

Wenn sich diesen Montag der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan mit seinem amerikanischen Kollegen George W. Bush in Washington trifft, dann kommt er nicht allein. Kurzerhand hat der Ministerpräsident die Journalisten ausgeladen, um im Flugzeug Platz für die Führungsriege des Militärs zu schaffen. Erdogan, umgeben von seinen Generälen im Oval Office, das ist in der Geschichte der amerikanisch-türkischen Beziehungen noch nicht da gewesen. Unmissverständlich macht er damit klar: Bei diesem Treffen wird nicht nur Mokka getrunken, sondern Tacheles geredet.

"Konkrete, dringende Schritte" verlangte Erdogan, bevor er ins Flugzeug stieg, im Gepäck eine Liste mit Forderungen: Die Amerikaner sollen dafür sorgen, dass die Camps der PKK im Nordirak geschlossen und ihre Mitglieder an die Türkei übergeben werden. Geschehe das nicht, sehe man sich zu einem Militärschlag gezwungen. Untermalt wird diese Drohung vom Aufmarschlärm der rund 100.000 Soldaten, die in den vergangenen Tagen öffentlichkeitswirksam an die türkisch-irakische Grenze verlegt wurden.

US-amerikanische Gratwanderung

Für die USA ist das eine Gratwanderung: Weder will man die Türkei verlieren, die Nato-Partner, Vorzeigedemokratie der muslimischen Welt und wichtigster Stützpunkt für den Irakeinsatz ist; noch den Kurdenführer Massoud Barsani im relativ stabilen Nordirak verprellen. "Die Amerikaner können einen Einmarsch der Türken im Nordirak nicht unterstützen", versichert der Politikwissenschaftler Hüseyin Bagci. "Seit Jahren versprechen sie Hilfe gegen die PKK, aber nichts passiert. Ich glaube, dass die Amerikaner bereits beschlossen haben, die Kurden im Irak zu unterstützen."

Das mag auch daran liegen, dass die Beziehung der beiden Länder mehr als zerrüttet ist. So nimmt George W. Bush es Erdogan noch immer übel, dass das türkische Parlament im Jahr 2003 in letzter Sekunde den amerikanischen Einmarsch in den Irak durchkreuzt hat, der daraufhin statt von der Türkei von Kuwait aus erfolgen musste. Die Amerikaner revanchierten sich mit Missachtung und Provokationen wie der vor drei Wochen, als der Auswärtige Ausschuss des Repräsentantenhauses beschloss, den Tod von rund 1,5 Millionen Armeniern während des Ersten Weltkriegs als Genozid zu bezeichnen, was bei den Türken einen Sturm der Entrüstung entfachte. Die, einst sehr proamerikanisch, sehen laut einer Umfrage mittlerweile die USA als größte Gefahr für ihre nationale Sicherheit.

Mit der türkischenGeduld ist es endgültig vorbei

Tief kränkt es viele, dass Amerikas "War on Terror" nicht der als Terrororganisation eingestuften PKK gilt, die in den vergangenen Jahren vom Nordirak aus türkische Militärposten angegriffen hat. Allein im vergangenen Monat sind 47 Menschen durch PKK-Angriffe gestorben. Seit vor zwei Wochen acht türkische Soldaten in der Grenzprovinz Hakkari entführt und weitere Soldaten getötet worden waren, ist es mit der Geduld der Türken jedoch endgültig vorbei. "Es reicht!", riefen die Teilnehmer der seither täglich stattfindenden Demonstrationen, während das Parlament dem Regierungschef umgehend eine einjährige Blankovollmacht für einen Militäreinsatz erteilte.

Von dem lauten Säbelgerassel sollte man sich jedoch nicht täuschen lassen: Erdogan und seine Militärs wissen um die Schwierigkeiten eines Einmarschs im Nordirak, der die Türkei in einen zermürbenden Stellungskrieg verwickeln und die ganze Region von Syrien bis Iran in Brand setzen könnte. Gering wären die Aussichten, die geschätzten 5000 PKK-Kämpfer endgültig von dort zu vertreiben, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass viele türkische Kurden, die bei den letzten Wahlen Erdogans AKP gewählt haben, sich mit der Terrororganisation solidarisierten.

PKK zum "gemeinsamen Feind" deklariert

Ernst nimmt man die türkische Kriegsdrohung in Washington jedoch sehr wohl, und so wurde am Freitag Außenministerin Condoleezza Rice nach Ankara vorgeschickt, um Druck aus dem heutigen Treffen zu nehmen. Umgehend deklarierte sie die PKK zum "gemeinsamen Feind" und versprach die Verstärkung des "Informationsaustausches", womit Luftaufnahmen von den PKK-Stellungen gemeint sein dürften. Hinter den Kulissen scheint die amerikanische Krisendiplomatie gute Arbeit geleistet zu haben, denn auf der anschließenden Irak-Nachbarschaftskonferenz in Istanbul sagte der irakische Außenminister Hosni Zebari die Verfolgung der PKK zu. Kurz darauf konnten sich die Türken im Fernsehen von der Ernsthaftigkeit dieses Versprechens überzeugen: Die Abendnachrichten zeigten, wie nordirakische Polizisten PKK-Verbindungsbüros schlossen. Und dass Sonntagmorgen dann noch die PKK die acht entführten türkischen Soldaten freiließ, geschah wohl auch nicht ganz ohne Einmischung der Amerikaner.

Gut möglich also, dass das Treffen zwischen Erdogan und Bush harmonischer als gedacht verlaufen wird und der amerikanische Präsident einer begrenzten türkischen Militäroperation zustimmt, zum Beispiel gezielten Luftangriffen. Damit hätte der türkische Gast seine Mission erfolgreich erledigt: Er käme mit einem Angebot zurück, das sich der kriegslüsternden Bevölkerung daheim als Erfolg verkaufen lässt. Auch wenn Beobachter die derzeitige Situation oft mit der vor dem Einmarsch in Nordzypern 1974 vergleichen: Einen massiven Einmarsch wird Erdoğan sicher nicht ohne Not riskieren. "Das würde die Türkei zum Aggressorstaat machen, und das kann sich die Regierung nicht leisten", sagt Hüseyin Bagci. Außerdem weiß auch Erdogan: Mit einem Einmarschbefehl würde er in die Falle der PKK tappen, die sich schon lange bemüht, wieder die internationale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und einen feixenden Abdullah Öcalan auf der Gefängnisinsel Imrali - das ist wirklich das letzte, was die türkische Regierung sich wünscht.