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Worldwide Demonstration Deutsche Verschwörungsgruppe soll Lockdown-Proteste in Australien koordiniert haben

Anti-Lockdown-Kundgebung am Samstag in Sydney: Die nicht genehmigte Veranstaltung wurde auch von Deutschland aus beworben.
Anti-Lockdown-Kundgebung am Samstag in Sydney: Die nicht genehmigte Veranstaltung wurde auch von Deutschland aus beworben.
© Steven Saphore / AFP
In Australien haben am Wochenende Tausende auf einer illegalen Demonstration gegen die Corona-Politik der Regierung protestiert. Dabei kam es auch zu Gewalt. Organisiert wurden die Proteste offenbar auch aus Kassel heraus.

Australien schien in der Corona-Pandemie lange Zeit glimpflich davonzukommen. Strikte Grenzschließungen und strenge lokale Lockdowns bereits bei wenigen Covid-19-Fällen sorgten für sehr niedrige Infektionswerte. Doch dann gingen auch in Down Under die Ansteckungszahlen in die Höhe und machten weitreichendere Maßnahmen erforderlich. Mittlerweile befindet sich fast die Hälfte der 25 Millionen Einwohner Australiens im Lockdown.

Vor allem Sydney bekommt seit Wochen einen Ausbruch des Virus nicht in den Griff. Angesichts der weiter steigenden Corona-Infektionen riefen die Behörden des Bundesstaats New South Wales, dessen Hauptstadt Sydney ist, am vergangenen Freitag den Notstand aus. Regierungschefin Gladys Berejiklian hatte zuvor bereits angedeutet, dass die seit rund einem Monat geltenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens wohl noch weiter gelten würden – was dann auch so beschlossen wurde: Die geltenden Maßnahmen würden bis zum 28. August verlängert, teilten die Behörden an diesem Mittwoch mit. 

Polizei überrascht über "das Ausmaß an Gewalt"

Schon die Ankündigung war jedoch nicht bei allen Bewohnern der bevölkerungsreichsten Stadt Australiens gut angekommen. Am Samstag hatten sich mehrere Tausend Menschen in Sydney zu einer nicht genehmigten Demonstration gegen den Lockdown versammelt. Dabei war es auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen. Protestierende hatten die Sicherheitskräfte mit Flaschen und Blumentöpfen beworfen, wie AFP-Reporter berichteten. Die Polizei war nach eigenen Angaben überrascht über "das Ausmaß an Gewalt, das die Menschen bereit waren anzuwenden" und nahm mehr als 60 Personen fest.

Auch in Melbourne, der zweitgrößten Metropole des Landes, und weiteren australischen Städten war Lokalmedien und dem britischen "Guardian" zufolge am Samstag gegen die Covid-Beschränkungen demonstriert worden.

Koordiniert wurden die Aktionen nach Angaben der Zeitung von einem losen Netzwerk verschwörungsorientierter Gruppen, von denen einige Verbindungen zur extremen Rechten haben sollen. Sie hätten die Proteste als "Freiheits"-Kundgebung betitelt und auf Telegram, Instagram und Facebook beworben. Von Accounts, die regelmäßig Falschnachrichten über Impfstoffe und Verschwörungstheorien posteten und während der Pandemie Zehntausende von Anhängern angesammelt hätten, seien die Protestaufrufe weiterverbreitet worden.

Verschwörungsmythen, Islamophobie, QAnon-Propaganda

Wie der "Guardian" weiter berichtet, hat das Netzwerk hat auch Mitglieder in Deutschland. "Die jüngsten Kundgebungen haben die Rolle einer in Deutschland ansässigen Gruppe namens Worldwide Demonstration hervorgehoben, die dazu beigetragen hat, die Proteste auf der ganzen Welt zu koordinieren, auch in verschiedenen australischen Städten", schreibt die Zeitung.

Worldwide Demonstration hat allein auf seinen Hauptkonten auf Facebook und Telegram mehr als 45.000 Follower und fast 40.000 Likes bzw. 70.000 Abonnenten, und noch weitere auf speziellen Accounts, die für einzelne Länder eingerichtet wurden. Die Betreiber der Facebook-Seite nennen sich "Freie Bürger Kassel" und geben im Impressum eine Anschrift in der Kasseler Nordstadt an. Laut dem "Guardian" wird die Seite von zwei Deutschen und einer dritten Person aus Großbritannien verwaltet.

Die verschiedenen Facebook- und Telegram-Seiten der Gruppe sind demnach voll von Anti-Impfstoff- und Corona-Verschwörungsmythen. Außerdem fänden sich dort islamophobe Posts und Propaganda des QAnon-Kultes.

Obwohl einige der Organisatoren der Proteste in Australien Verbindungen zu rechtsextremen Elementen hätten, sind diese aber offenbar keineswegs Versammlungen von Rechtsextremisten. Zwar gebe es Elemente rechtsextremer Rhetorik unter den Demonstranten, was sie aber tatsächlich gemeinsam hätten, sei ein gewisses Maß an Ausgrenzung und Misstrauen gegenüber Autoritäten, sagte der Extremismusforscher Josh Roose von der Deakin University in Melbourne der Zeitung.

"Es gibt einige inhaltliche Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten mit der extremen Rechten, aber diese Proteste werden nicht von der extremen Rechten per se angetrieben", erklärte Roose. Was diese Art von Protestgruppen eindeutig von der extremen Rechten unterscheide, sei, dass sie sehr multikulturell seien und sich nicht nur aus wütenden, patriotischen Männern, sondern auch aus Frauen zusammensetzten.

Umstrittene Impfwerbung: Horror-Szenario als COVID-Kampagne in Australien

"Sowohl in Melbourne als auch in Sydney sind die Menschen und Gebiete vertreten, die besonders stark von der Pandemie betroffen sind", zitiert der "Guardian" den Wissenschaftler. "Hier gibt es auch Probleme mit den Kulturen und Gemeinschaften, die oft ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber der Regierung haben, oft aus gutem Grund."

Nur rund zwölf Prozent der Australier geimpft

Tatsächlich sieht sich die Regierung von Premierminister Scott Morrison derzeit wegen ihrer Gesundheitspolitik unter wachsendem Druck. Zwar sind die Infektionszahlen trotz ihres Anstiegs im Vergleich mit europäischen Ländern weiterhin auf niedrigem Niveau, doch angesichts der Zunahme der Corona-Fälle wachsen die grundlegenden Zweifel an der Abschottungs- und Lockdown-Strategie der Behörden. Zudem läuft die Impfkampagne nur langsam an: Bislang sind nur rund zwölf Prozent der Menschen in Australien geimpft – das ist eine der niedrigsten Impfraten unter den reicheren Ländern.

Stephen Jones, Abgeordneter des australischen Parlaments für New South Wales, hält die Protestaktionen dennoch für völlig inakzeptabel. Die Demonstranten seien "egoistische, rücksichtslose Idioten" schimpfte er. "Niemand will den Lockdown", aber wegen solcher Aktionen werde er wohl in Kraft bleiben müssen.

Quellen: "The Guardian", News.com.au, Worldwide Demonstration auf Facebook, AFP


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