HOME
Meinung

US-Wahl 2020: Die absehbare Niederlage von Bernie Sanders ist eine gute Nachricht für die Demokraten

Bernie Sanders ist der Ex-Kandidat der Herzen. Nach den jüngsten US-Vorwahlen zeichnet sich ab, dass Joe Biden gegen Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl antreten wird. Je früher die Entscheidung, desto besser für die Partei.

Joe Biden und Bernie Sanders

Joe Biden (l.) und Bernie Sanders beim TV-Duell Mitte Januar

AFP

Wenige Tage nach dem Super Tuesday, dem turbulenten Vorwahltag mit mehr als einem Dutzend Abstimmungen, tritt Bernie Sanders im Kongresszentrum von Detroit auf die Bühne. Seinen Anhängern, überwiegend weiße Mittelschichts-Studenten, verkündet er, dass er und Kontrahent Joe Biden vereinbart hätten, den Sieger der Kandidatennominierung uneingeschränkt zu unterstützen. "Es geht nicht um Joe oder mich", ruft der selbsternannte "demokratische Sozialist" kämpferisch in die Menge, "es geht darum, den gefährlichsten Präsidenten der Vereinigten Staaten abzuwählen." Tosender Applaus. Für einen kurzen Moment scheint es so, als wären die für ihre Unerbittlichkeit gegenüber dem Establishment bekannten Fans bereit, einen Burgfrieden mit Joe Biden zu schließen.

Bernie Sanders' Kampf geht zu Ende

Doch an diesem März-Freitagabend ist bereits zu spüren, wie Sanders langsam die Kräfte verlassen. Die Niederlagen in den wichtigen Bundesstaaten machten seinen Auftritt in der Arbeiterstadt Detroit zu einem tragischen Showkampf. Genau den Joe Biden, den er im Falle seiner Niederlage würde uneingeschränkt unterstützen wollen, griff er mit Pro-forma-Parolen an: Biden werde von der Wallstreet unterstützt, Biden habe für rassistische und frauenfeindliche Gesetze gestimmt, Biden sei nicht die Zukunft, sondern das Gestern. So sehr die Zuschauer jedes seiner Worte lautstark bejubelten, so sehr war auch zu spüren, wie schief Bernie Sanders‘ Spagat zwischen Revolution und Staatsmann mittlerweile wirkt.

Nur wenige Tage später verlor Bernie Sanders dann den Bundestaat Michigan, in dem Detroit liegt, an Joe Biden. Genau wie Mississippi. Und Missouri. Mittlerweile auch Illinois. Florida. Und Arizona. Der Senator, 78 Jahre alt, ist noch nicht, aber so gut wie gescheitert. Er wolle nun seine als Präsidentschaftskandidatur neu überdenken. Für die demokratische Partei sollte das eine gute Nachricht sein.

Wie Sanders gegen Clinton verlor

Sanders trat bereits vor vier Jahren zu den Vorwahlen an. Seine Gegnerin damals: Hillary Clinton. Vielen galt die Grande Dame angesichts ihrer Erfahrung und Geschichte als gesetzte Kandidatin. Doch der damals schon nicht mehr ganz junge Senator eroberte überraschend schnell, überraschend viele Herzen – vor allem die der jungen Wähler aus den Städten. Sein Erfolg aber hatte eine Kehrseite: Bis zum Schluss verbissen sich die Kandidaten Clinton und Sanders in einem aufreibenden Zweikampf, der tiefe Gräben in der demokratischen Partei hinterließ. Selbst Manipulationsvorwürfe gegen das Clinton-Lager machten die Runde. Letztlich wurde die frühere Außenministerin entgegen den Gepflogenheiten durch Akklamation zur Kandidatin ernannt.

Bernie Sanders will Donald Trump aus dem Weißen Haus schmeißen: Doch seine Koalition kommt nicht zusammen.

Später stellte sich zudem heraus, dass die Parteiführung Sanders im Vorwahlkampf absichtlich benachteiligt hatte – was wiederum der Kandidat der Republikaner, Donald Trump dazu nutzte, die Demokraten als korrupt, undemokratisch und verlogen zu schmähen. Nicht, dass diese Unterstellungen zutrafen, aber es half ihm, den etablierten Institutionen wieder ein Stückchen Vertrauen abzugraben. Vermutlich hätte sich der Amtsinhaber über eine weitere Selbstzerfleischung der Demokraten gefreut, so wie er auch Bernie Sanders als Gegner Joe Biden vorgezogen hätte. Trump und Sanders eint ihr populistisches Auftreten und ihre Ansichten über die Probleme des Landes - etwa internationale Freihandelsabkommen. Nur düften Trumps Lösungen amerikanischer sein als die des Senators aus Vermont.

Joe Biden braucht die geballte Kraft der Partei

Sollte es Sanders ernst meinen mit seinem Kampf gegen den "gefährlichsten aller US-Präsidenten", dann zieht er sich nun zurück und unterstützt, wie versprochen, den Kontrahenten. Glaubt man den Umfragen, hat der ohnehin bessere Chancen gegen Donald Trump. Zumindest über das vergangene halbe Jahr betrachtet, lag der Ex-Vizepräsident im Umfragendurchschnitt sowohl vor Sanders als auch vor Trump. Dennoch wird der 77-jährige Biden die ganze Kraft seiner Partei brauchen, wenn er im November den Amtsinhaber schlagen will. Nicht nur, weil er zu zuweilen peinlichen Aussetzern und Gedächtnislücken neigt, er braucht zudem noch eine beliebte weibliche Vizepräsidentschaftskandidatin, und nebenbei wird der Mann im Weißen Haus gegen Joe Biden wegen dessen angeblicher Verwicklung in die Ukraine-Affäre feuern. Der US-Wahlkampf kann beginnen.