Dmitrij Medwedew Kuschelkandidat für den Kreml


Er ist der Wunschkandidat Wladimir Putins für den Posten des russischen Präsidenten - und damit fast schon gewählt. Dabei ist allein Putins Entscheidung für Dmitrij Medwedew eine Überraschung. Denn noch fehlt dem schüchternen Gasprom-Aufsichtsratschef der Habitus des Machtmenschen. Noch.
Von Andreas Albes, Moskau

Im August fragte der stern Dmitrij Medwedew im Interview, ob er Russlands künftiger Präsident sei. Da beteuerte er mit seinem typischen schüchternen Lächeln, wie glücklich ihn sein Amt als Vize-Premier mache und wie verantwortungsvoll diese Aufgabe sei. Was man als Politiker eben so sagt in solchen Momenten.

Seine Wahl ist abgemachte Sache

Medwedew gilt in Russland als Liberaler, er ist Jurist ohne KGB-Vergangenheit. Wladimir Putin und er kennen sich seit 17 Jahren aus ihrer gemeinsamen Zeit in der Sankt Petersburger Stadtverwaltung. "Ich unterstütze seine Kandidatur voll und ganz", sagte Putin heute im Staatsfernsehen. Damit ist Medwedews Wahl zum Präsidenten quasi abgemachte Sache. Wobei Putins Entscheidung unerwartet kam. Denn in den letzten Wochen sah es eher danach aus, als ob ein Geheimdienstler, einer der Hardliner aus der russischen Führungsriege, das Rennen machen würde.

Von allen bislang diskutierten Kandidaten ist Medwedew sicher nicht die schlechteste Wahl. Vor allem ist er jung. Gerade mal 42. Es sieht also nicht danach aus, als ob er nur Platzhalter wäre, um Putin den Rückweg an die Macht zu sichern. Anderseits wird er vermutlich ein fairer Nachfolger sein, der seine Loyalität zum Ex-Präsidenten nicht über Nacht vergisst und ihn für alle Fehlentwicklungen im Land verantwortlich macht - so wie Putin es mit Boris Jelzin tat.

Einige werden sich darüber mokieren, dass Medwedew Charisma und Aggressivität fehlen. Denn wenn er auftritt, ist nicht nur sein Lächeln schüchtern. Er ist generell ein unaufdringlicher und höflicher Zeitgenosse, der für die Fußballmannschaft von Zenit Petersburg schwärmt, viel liest und gerne fotografiert. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Wenn er nach seinen Wünschen für die Zukunft gefragt wird, erwidert er: Vater eines zweiten Kindes werden. Seine Mitarbeiter schätzen die Zusammenarbeit mit ihm, er gilt als offen und zugänglich.

Putins Kontrolleur im Kampf gegen die Korruption

Doch sollte man ihn nicht unterschätzen und einen Fehler begehen, den so mancher schon bei Putin beging. Denn Medwedew ist bei aller Diplomatie hartnäckig. Er gilt als Putins Kontrolleur im Kampf gegen die Korruption. Dass er dabei nicht so erfolgreich ist, wie er gerne wäre, führt er auf den generellen Nihilismus in Russland zurück. Seine Landsleute würden es einfach nicht als Unrecht empfinden, Schmiergeld anzunehmen oder keine Steuern zu zahlen, sagt er. "Jeder Beamte, vom Milizionär bis zum Richter, muss begreifen, dass Korruption seine Karriere sofort beendet", so Medwedew im stern-Interview, das nun in fast allen russischen Medien zitiert wird. "Aber schärfere Gesetze allein helfen nicht. Sehr viel wichtiger ist, dass wir den allgemeinen Lebensstandard heben. Wir müssen so viel Stabilität im Land schaffen, dass niemand mehr Angst vor der Zukunft hat."

Zu Medwedews größten politischen Erfolgen zählt die Einführung des sogenannten Mutterkapitals: 7500 Euro, die jede Familie für das zweite und dritte Kind bekommt, Geld das fest an die Verwendung zur Wohnraumsicherung oder Ausbildung gebunden ist. So will Medwedew die negative demografische Entwicklung Russlands stoppen, dessen Bevölkerung jedes Jahr um 700.000 Menschen schrumpft. Außerdem ist er für das "Nationale Projekt" verantwortlich und damit für die Entwicklung in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Wohnraum und Landwirtschaft. Der Erfolg dieses Projekts ist mäßig, denn um zu verhindern, dass die Gelder wie üblich in den Taschen korrupter Beamter landen, wird die Vergabe streng kontrolliert, was eine unflexible Bürokratie geschaffen hat.

Enge Zusammenarbeit mit Schröder

Der Westen beachtete Medwedew bisher vor allem in seiner Eigenschaft als Aufsichtsratsvorsitzender von Gasprom. Er verteidigt streng Putins Linie, das Unternehmen im Staatsbesitz zu belassen. Ganz Russland hänge von Gasprom ab, sagt er, da könnte man es nicht einfach "an ein Dutzend Privateigentümer" verkaufen. Solche Aussagen machen klar, dass seine Liberalität vor allem eine Liberalität im russischen Verständnis ist. Auch dass Gasprom mehrere TV-Sender und Zeitungen kontrolliert, hält er für legitim. Man würde sich nicht von den Medien trennen, solange sie Gewinne machen.

Medwedew arbeitet eng mit Gerhard Schröder zusammen, den er als "talentierten Manager" schätzt. In der russischen Ausgabe schrieb er sogar das Vorwort für Schröders Buch. Aggressive Töne gegenüber dem Westen waren von ihm noch nicht zu hören. Er versichert, dass sich Westeuropa auch in Zukunft auf russische Gaslieferungen verlassen kann.

60 Prozent wollen Medwedew wählen

Nach jüngsten Umfragen haben bereits 60 Prozent der Russen erklärt, dass sie Putins Wunschkandidat bei den Wahlen am 2. März ihre Stimme geben würden. Bei den jungen Wählern war Medwedew schon immer beliebter als seine potenziellen Konkurrenten. In seinem zurückhaltenden und jovialen Auftreten wird er sich jedoch bestimmt bald verändern, um dem Wunsch der russischen Mehrheit zu entsprechen, die als legitimen Herrscher eher einen Autokraten akzeptiert.

Ob Medwedew auch ein erfolgreicher Präsident wird, hängt vor allem davon ab, wie er mit dem fragilen politischen System aus Oligarchen, Geheimdienstlern und korrupten Beamten fertig wird, die in ihren mächtigen Klans die Strippen hinter den Kulissen im Kreml ziehen. Medwedews Kandidatur hat sicher die meisten überrascht. Jetzt ist entscheidend, wie schnell er aus Putins Schatten tritt, ohne dessen Unterstützung zu verlieren.


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