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Ex-Manager im Nachrichtenexil: Der Mann, den Donald Trump die herrliche Langeweile lehrte

Donald Trumps Wahlsieg hat ihn so schockiert, dass Erik Hagerman seitdem sämtliche Nachrichten meidet. Die "New York Times" porträtiert einen Mann, der seine Bestimmung in der Ignoranz gefunden hat.

Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten war das Beste, was Erik Hagerman seit Langem passiert ist. Obwohl oder vielleicht genau weil ihn das Ereignis so geschockt hat. Nach diesem Tag im November 2016 jedenfalls hat Hagerman beschlossen, auf Entzug zu gehen. Keine Nachrichten. Kein Social-Media. Keine Diskussionen. Ein "stiller Protest" sollte es werden, ein Selbstschutz, für ein paar Tage, erstmal. Aus diesen paar Tagen ist nun mehr als ein Jahr geworden. Die "New York Times", die den Informationsaussteiger besucht hat, nennt Hagerman, den "Mann, der zu wenig wusste". Ein Porträt, das sich liest, als gäbe es auch Gewinner dieser Präsidentschaft.

Auch für die britische "Times" ist Hagerman ein Thema

"Es war nicht so, dass ich mich einfach hätte von abwenden können oder einfach die Unterhaltung wechseln. Es war, als sei ich ein Vampir und jedes Photon von Trump hätte mich zu Staub zerfallen lassen", sagte Erik Hagerman der Zeitung. Von all den Kapriolen im Weißen Haus, dem Personalchaos, und den Twitter-Ausfällen hat der 51-Jährige nichts mitbekommen. Hagerman lebt auf einem alten Schweinehof irgendwo im Niemandsland von Ohio. "Ich schaue mir das Wetter an. Eigentlich ganz unterhaltsam", sagt er.

Früher war Hagerman Manager bei Nike, Waltmart, Disney, sein Terminkalender pickepackevoll. "Jahrzehntelang habe ich Nachrichten konsumiert, aber eigentlich konnte ich nie etwas damit anfangen." Irgendwann habe er sich dann gefragt, welchen Wert diese ständige Medienübersättigung hat, und ob daraus etwas Gutes folge. Als sein Experiment dann lief, suchte er einen Namen dafür. Embargo klang ihm zu vorübergehend, Boykott zu weinerlich, also entschied er sich für "Blockade". Seitdem fühle er sich emotional gesünder als je zuvor.

Der Ex-Manager macht jetzt Kunst

Hagermans Abnabelungsprozess von fast allem begann vor drei Jahren. Sei Job mag zermürbend gewesen sein, aber er bescherte ihm so viel Geld, dass er aussteigen konnte. Der Nicht-mehr-Manager überreichte seine Finanzen an einen Anlagemensch aus San Francisco, zog auf die alte Farm in den Mittleren Westen, wo er aufgewachsen war und macht nun Kunst. Malt Bilder, entwirft Installationen, bastelt Reliefs.

Sein Tag beginnt mit einer halbstündigen Autofahrt in den nächsten Ort, wo er den immer gleichen Kaffee trinkt und wo die Leute wissen, dass er mit nichts behelligt werden möchte, was auch nur annährend mit den Geschehnissen in dieser Welt da draußen zu tun hat. Er habe sich eine Festung um sich herum errichtet, selbst "kleine Krümmel an Informationen können gefährlich sein", sagt er. Damit Hagerman vor den Gesprächsfetzen der anderen Café-Gäste sicher ist, trägt er immer geräuschreduzierende Kopfhörer.

Hagerman hat die Langeweile wieder erlernt

Auch sein Umfeld, Freunde, Nachbarn, seine Mutter, die um die Ecke lebt, nehmen Rücksicht auf die "Blockade". Und es sei ja nicht so, als wäre Erik Hagerman auch ein emotionaler Einsiedler. Eher im Gegenteil. "NYT"-Reporter Sam Dolnick beschreibt den 51-Jährigen als jemanden, der gerne und viel gestikuliert und grimassiert, wenn er über englische Architektur, Schweine-Nahrung oder die Cleveland Cavaliers spricht, der Lieblingsbasketballmannschaft seiner Mutter.

Da draußen weit ab von so vielem, was die meisten Menschen aufregend finden, hat er etwas völlig Vergessenes wiedererlernt: Langeweile. "Mir ist langweilig", sagt er, "aber es stört mich nicht." Doch natürlich habe die Selbstisolation auch vieles verändert. Mit einer Arbeitskollegin und Freundin von ihm, der als Neu-Amerikanerin Trumps Politik besonders nahe geht, hätte er sich beinahe überworfen. Jetzt sagt sie, dass es eigentlich ganz schön sei, auch mal nicht über Politik zu sprechen.

Frei von finanziellen Sorgen

Erik Hagerman ist sich durchaus bewusst darüber, was für ein privilegiertes Leben er im Grunde führt, ein Leben relativ frei von materiellen Sorgen, vor allem aber eines nach seinen eigenen Regeln. Vor einem dreiviertel Jahr hat ein riesiges Stück Land in seiner Nähe gekauft, 18 Hektar groß, eine alte Mine. Es ist vollkommen verwildert und renaturiert sowie sein neues und vielleicht auch letztes großes Abenteuer. Der Ex-Manager will daraus eine Art gestalteten Kunst-Wildpark machen. Für sich und die Öffentlichkeit. Hagerman beschäftigt dafür sogar einen Landschaftsarchitekten, die ersten 3D-Modelle ihrer Ideen existieren bereits. "The Lake" heißt das Projekt, Hagerman möchte sein letztes Geld darin investieren und den Menschen etwas Erbauliches schenken. Immerhin: So sind Donald Trumps Präsidentschaft und Erik Hagermans Blockade doch zu etwas gut.

nik