VG-Wort Pixel

Ex-Präsident und QAnon "Wie eine Geheimarmee": Donald Trumps Flirt mit einem kruden Verschwörungskult

Donald Trump auf einer Wahlkampfveranstaltung anlässlich der Zwischenwahlen im November in Warren, Michigan
Donald Trump auf einer Wahlkampfveranstaltung anlässlich der Zwischenwahlen im November in Warren, Michigan
© Emily Elconin / Getty Images / AFP
Donald Trump nimmt es mit der Wahrheit nicht sonderlich genau. Kein Wunder, dass der ehemalige Präsident für Anhänger von Verschwörungstheorien als eine Art Heilsbringer gilt. Und es scheint, dass Trump ihnen nun immer näher rückt.

Schon seit Jahren bemüht sich Donald Trump, Anhänger der Verschwörungstheorie QAnon zumindest nicht zu verärgern. Doch wenige Wochen vor den wichtigen Parlamentswahlen Anfang November flirtet der frühere Präsident mit der kruden Bewegung offensiver als zuvor. So teilte Trump jüngst mit den mehr als vier Millionen Followern in seinem hauseigenen Twitter-Ersatz Truth Social eine Zeichnung, die ein anderer Nutzer gepostet hatte. Sie zeigt Trump mit einem Q-Symbol am Jackett. Auf dem Bild steht außerdem: "WWG1WGA" – die Abkürzung des QAnon-Mottos "Wo einer von uns hingeht, werden wir gemeinsam hingehen". Ähnlich offensichtlich war die Botschaft in einem auf Trumps Account geteilten Video mit einem riesige "Q" über seinem Gesicht. Der Text: "Informationskriegsführung. Es ist Zeit, aufzuwachen."

Team von Donald Trump hält QAnon nicht mehr auf Abstand

Anhänger der rechtsextremen QAnon-Theorie wittern hinter allem, was auf der Welt passiert, eine Clique, die die Fäden in der Hand hält. Dazu sollen etwa die Regierungsbeamten im sogenannten "Deep State" gehören, die angeblich Trump in seiner Amtszeit entgegenwirkten. Auch sind QAnon-Anhänger der Auffassung, dass Trump systematischen Kindesmissbrauch durch satanistische Politikerinnen und Politiker der US-Demokraten sowie Hollywood-Promis aufzudecken versucht. Die Verschwörungstheorie ist antisemitisch und hat kultartige Züge. Sie entstand vor rund fünf Jahren im Netz. Vorläufer war "Pizzagate", das einen Mann dazu veranlasste, bewaffnet in eine Pizzeria in Washington zu stürmen, um dort angeblich im (gar nicht existierenden) Keller von Demokraten festgehaltene Kinder zu befreien. Auch in Deutschland fand die QAnon-Ideologie vor allem im Zuge der Corona-Pandemie Verbreitung.

Verschwörungstheorien sind Trump nicht fremd. Die von ihm am häufigsten wiederholte Lüge ist, dass er – und nicht sein demokratischer Herausforderer Joe Biden – die Präsidentenwahl 2020 gewonnen habe und der Sieg ihm durch Betrug genommen worden sei. Viele seiner Anhänger glauben fest daran. Keine Scheu hat der 76-Jährige auch vor der "ReAwaken America Tour" – einer Art Konferenz von Verschwörungstheoretikern, die durch die USA zieht. Trumps Sohn Eric spricht dort regelmäßig.

Früher habe das Team um Trump QAnon zumindest etwas auf Abstand gehalten, sagt die Wissenschaftlerin und Autorin Mia Bloom im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Washington. Sie ist Professorin an der Georgia State University und forscht unter anderem zu QAnon. Besonders einprägsam war eine Szene aus dem Wahlkampf im Herbst 2020. Damals fragte eine Journalistin Trump nach der Gruppe. Der antwortete vor laufenden Kameras: "Ich weiß nicht viel über die Bewegung, außer dass sie mich sehr mögen – was ich zu schätzen weiß." Davon, dass die QAnon-Anhänger glaubten, er würde die Welt vor einem satanischen Kult von Pädophilen retten, habe er nichts gehört. "Aber soll das was Schlechtes sein?"

Es habe immer eine Art "glaubhafte Abstreitbarkeit" gegeben – also Trump habe irgendwie behaupten können, nichts mit QAnon am Hut zu haben – ob überzeugend oder nicht, sagt Bloom. Das habe sich mittlerweile geändert.

"Ich glaube, dass Trump sich im Moment isoliert fühlt"

Und Trumps QAnon-Fans treten aus dem Schatten. So sorgte ein Vorfall vor zwei Wochen bei einer Rede des 76-Jährigen im US-Bundesstaat Ohio für Schlagzeilen. Die Veranstalter spielten ein Lied, das einige Menschen in der Menge dazu inspirierte, mit erhobenen Zeigefingern zu reagieren – möglicherweise als Symbol für die "1" im QAnon-Motto. Wieso das Lied überhaupt mit der Bewegung in Zusammenhang gebracht wurde, ist etwas verworren. Anhängerinnen und Anhänger von QAnon interpretierten die Verwendung des instrumentalen Songs aber als eine an sie gerichtete Botschaft, wie die "Washington Post" schrieb.

Berichten zufolge soll Trumps Team von dem seltsamen Zeigefinger-Gruß überrascht gewesen sein. Das hielt es aber nicht davon ab, das Lied weiterhin zu nutzen. Bei der jüngsten Rede des Republikaners in der Nacht zum Sonntag auf einer Wahlkampfveranstaltung in Warren, im Bundesstaat Michigan, waren zumindest in der TV-Übertragung aber keine QAnon-Symbole in der Menge erkennbar.

Doch warum flirtet Trump gerade jetzt so offen mit QAnon? "Ich glaube, dass er sich im Moment ein bisschen isoliert fühlt", sagt Bloom mit Blick auf die FBI-Durchsuchung seines Anwesens Mar-a-Lago im US-Bundesstaat Florida und die diversen juristischen Probleme, mit denen er aktuell zu kämpfen hat. QAnon-Verfechter seien "die treuesten Anhänger, fanatisch, fast wie eine Sekte". Von ihnen bekomme er Liebe und Unterstützung –und Spendengelder.

Wie gefährlich ist das alles? Die Bundespolizei FBI hat QAnon bereits seit Jahren auf dem Schirm. Anhänger könnten in der realen Welt gewalttätig werden, warnte das FBI vergangenes Jahr in einem Bericht, der mehreren US-Medien vorlag. Auch unter dem Mob, der am 6. Januar 2021 das US-Kapitol während der formellen Bestätigung von Bidens Wahlsieg stürmte, waren QAnon-Anhänger.

Forscherin Bloom glaubt zwar nicht, dass alle Anhängerinnen und Anhänger der Bewegung gewaltbereit sind. Besonders gefährlich sei es aber, wenn gewaltbereite QAnon-Anhänger etwa eine militärische Ausbildung hätten oder die Anhängerschaft Militär und Behörden unterwandere. "Ich denke, Trump glaubt, dass QAnon wie eine Geheimarmee ist", sagt sie. Diese könne sicher nicht gegen das US-Militär gewinnen, aber dennoch eine Menge Schaden anrichten. Für den 76-Jährigen sei QAnon eine Karte, die er in der Hinterhand habe. "Es ist wie ein Kult", sagt sie. "Sie glauben alles, was er sagt."

mad / Julia Naue, Andrej Sokolow, DPA

Mehr zum Thema

Newsticker