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US-Präsident in der Pandemie Trumps Pressebriefings: stundenlang Eigenlob und Attacken – nur wenige Minuten für die Coronaopfer

Donald Trump, Präsident der USA, bei einer seiner Pressekonferenz zur Coronakrise im Weißen Haus
Donald Trump, Präsident der USA, bei einer seiner Pressekonferenz zur Coronakrise im Weißen Haus
© Alex Brandon / DPA
In der Coronakrise ist Donald Trump bislang fast täglich vor die Presse getreten und hat dabei immer wieder für Wirbel gesorgt. Die "Washington Post" hat sich die Auftritte des US-Präsidenten genauer angesehen - mit interessantem Resultat.

Donald Trump will dem Anschein nach keine täglichen Pressekonferenzen zur Coronakrise mehr abhalten. Dafür sei seine Zeit zu kostbar, verkündete der US-Präsident am Samstag auf Twitter. Nach Trumps Ansicht profitierten die Medien durch Rekordeinschaltquoten von seinen Auftritten, lieferten dem Volk aber nichts als Fake News. "Das ist die Zeit und Mühe nicht wert!" Hintergrund von Trumps Unmut ist die Berichterstattung über seine Äußerungen über mögliche Desinfektionsmittel-Injektionen für Corona-Patienten am vergangenen Donnerstag, die für Fassungslosigkeit und Spott gesorgt haben.

Am Freitag stelle sich Trump denn auch gerade mal 19 Minuten lang im Weißen Haus vor die Presse und am Wochenende fanden gar keine derartigen Veranstaltungen statt. An diesen Montag steht für 17 Uhr Ortszeit (23 Uhr MESZ) das übliche Medienbriefing durch die Corona-Taskforce der US-Regierung wieder in Trumps Terminkalender - ob er daran aber teilnimmt, ist völlig unklar.

Trump beanspruchte 63 Prozent der Redezeit für sich

 Die "Washington Post" hat den Wirbel um die Auftritte des US-Präsidenten zum Anlass genommen, um genauer zu untersuchen, wie Trumps bisherige Corona-Statements abliefen: "Was als tägliche Briefings zur Vermittlung von Informationen über die öffentliche Gesundheit begann, hat sich de facto zu politischen Kundgebungen entwickelt, die vom Westflügel des Weißen Hauses aus durchgeführt werden", urteilt die Zeitung. Der Präsident habe nur wenig an akkurater medizinischer Information oder Einfühlungsvermögen für Coronavirus-Opfer geboten, sondern sich stattdessen darauf konzentriert, seine Feinde anzugreifen und sich selbst und seine Verbündeten zu loben.

Das wenig schmeichelhafte Urteil der "Washington Post" beruht auf vom Datenanalysten Factbase angefertigten Transkripten der Briefings, mit deren Hilfe sie festgestellt hat, wie viel Zeit Trump bei seinen Auftritten bestimmten Themenbereichen widmete: Der Präsident habe in den 35 Briefings, die seit dem 16. März abgehalten wurden, mehr als 28 Stunden gesprochen und damit 63 Prozent der Redezeit für sich beansprucht, so das Ergebnis der "Post"-Autoren Philip Bump und Ashley Parker.

Bei ihrer Untersuchung der Pressekonferenzen aus den vergangenen drei Wochen kamen Bump und Parker auf 13 Stunden Redezeit von Trump. Im Vergleich dazu seien die führende Corona-Expertin der Regierung, Dr. Deborah Birx, 6 Stunden lang und der führende Virus-Experten der US-Regierung, Anthony Fauci, nur 2 Stunden lang zu Wort gekommen. Seine Redezeit nutzte Trump demnach folgendermaßen:

  • 45 Minuten Selbstbeweihräucherung, unter anderem mithilfe dreier Videos, in denen Trump sich selbst und die Bemühungen seiner Regierung lobte, und von denen ein Clip weithin als vom Weißen Haus auf Kosten der Steuerzahler produzierte Wahlkampfpropaganda verspottet wurde.
  • 9 Minuten Werbung für Hydroxychloroquin, ein Malaria-Medikament, das Trump immer wieder als mögliches Wundermittel gegen das Coronavirus anpries, vor dem Experten aber wegen möglicher Gesundheitsrisiken warnen und dessen Wirkung gegen Sars-Cov-2 nicht erwiesen ist.
  • 4,5 Minuten Beileid für die Opfer der Corona-Pandemie

In fast einem Viertel seiner vorbereiteten Kommentare oder Antworten auf Fragen habe Trump zudem falsche oder irreführende Aussagen gemacht, so die Analyse. Und von 346 der Fragen, die ihm gestellt wurden, habe er 113 mit einem Angriff auf jemanden oder etwas beantwortet. Die häufigsten Ziele dieser Angriffe waren der Analyse zufolge:

  • Die oppositionellen Demokraten, darunter Ex-Präsident Barack Obama und Oppositionsführerin Nancy Pelosi  (48 Angriffe in 30 Minuten)
  • Die Medien (37 Angriffe in 25 Minuten)
  • Gouverneure der US-Bundesstaaten (34 Attacken in 22 Minuten)
  • China (31 Angriffe in 21 Minuten)

Ein Kommentator der "New York Times" hatte kürzlich gefordert, Trumps Pressekonferenzen sollten nicht mehr live übertragen werden. Sie ungefiltert zu senden, sei unverantwortlich und grenze an "journalistisches Fehlverhalten". Andere Trump-Kritiker halten dagegen, der Präsident rede sich bei den Briefings um Kopf und Kragen und schmälere damit seine Chancen auf eine Wiederwahl. Dieser Zwist hat sich jetzt womöglich erledigt.

Quellen: "Washington Post", "Mother Jones", Factbase

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