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Pressestimmen

TV-Ansprache nach Massakern: "Trump benutzt wie selbstverständlich Formulierungen aus dem Wörterbuch des Unmenschen"

Donald Trump wendet sich nach den Massakern von Texas und Ohio in einer Fernsehansprache an die Nation und verurteilt die Täter. Die Presse in Europa aber geht mit dem US-Präsidenten hart ins Gericht – und mit seiner Rhetorik gegen Minderheiten.

Waffen-Angriffe in den USA: Trump verurteilt nach Bluttat von El Paso Rassismus – und kritisiert Computerspiele

US-Präsident Donald Trump hat nach den Schusswaffenangriffen in Texas und Ohio ungewohnt deutlich Rassismus und die Ideologie weißer Vorherrschaft verurteilt. "Diese finsteren Ideologien müssen besiegt werden. Hass hat keinen Platz in Amerika", sagte Trump am Montag in einer Fernsehansprache in Washington. Er forderte zudem, die Verantwortlichen solcher Taten "schnell" hinzurichten.

Zwei Massaker mit Schusswaffen innerhalb weniger Stunden hatten am Wochenende die USA erschüttert. In einem Einkaufszentrum in El Paso an der Grenze zu Mexiko tötete ein 21-jähriger Weißer am Samstagmorgen dutzende Menschen, darunter sieben Mexikaner. Ermittler vermuten ein rassistisches Motiv hinter der Tat.

Die europäische Presse beurteilt Trumps Reaktionen auf die Massaker überwiegend negativ: Der US-Präsident rede selbst dem Hass das Wort, und ein Durchgreifen gegen die laxen Waffengesetze werde des mit diesem Präsidenten nicht geben.

Die Pressestimmen aus Deutschland zur TV-Ansprache von Donald Trump

"Mannheimer Morgen": "Es gibt keine Hoffnung, dass die Politiker, die sich dieser Hetze bedienen, darauf verzichten werden. Ist sie doch ein perfektes Instrument, um Wähler zu gewinnen. Trump wird sie in seinem Wahlkampf für eine zweite Präsidentschaft nutzen. Und in Deutschland stehen in mehreren Bundesländern Wahlen an. Doch es bewegt sich etwas, zumindest hierzulande: Mehr und mehr werden gefährliche Hass-Botschaften schärfer juristisch verfolgt und gezielter von Internet-Seiten entfernt. Das sind wichtige Schritte."


"Stuttgarter Zeitung": "Präsident Trump benutzt wie selbstverständlich Formulierungen aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Er weckt Assoziationen zwischen Flüchtlingen und Ungeziefer, spricht von Verseuchung oder empfiehlt nichtweißen Amerikaner 'zurückzugehen'. Ja wohin denn eigentlich? Statt nun Gebete anzubieten oder die Geschlossenheit der Nation zu fordern, sollte Trump auf verbale Ausfälle gegen Latinos, Muslime und Schwarze verzichten."

"Die Welt" (Berlin): "Auch wenn es für den neu aufgeschüttelten Antiamerikanismus schwer zu ertragen ist: Die USA waren schon vor der Wahl von US-Präsident Donald Trump ein zerrissenes Land. Seine Wahl ist das Ergebnis dieser Zerrissenheit, und die Bluttaten von Dayton und El Paso sind weniger ein Produkt trumpscher Rhetorik als eine jener Gewalttaten, die verdeutlichen, wie sehr diesem Land länger schon Mäßigung und Mitte fehlen. Wenn Trump nach den 30 Toten von El Paso und Dayton jetzt erklärt, dass Hass in den Vereinigten Staaten keinen Platz habe, ist das wichtig, aber leider keine Realität. Wenn Trump davon spricht, der Verherrlichung von Gewalt in der amerikanischen Gesellschaft ein Ende zu bereiten, legt er die Latte für sich und seine Administration hoch. Trump ahnt, dass er das Land wieder zusammenbringen muss. Es ist nicht seine Stärke. Dass er darüber anfängt nachzudenken, kann nicht schaden."

"Rheinpfalz" (Ludwigshafen): "Insofern liegt es nahe, dass Trumps politische Gegner am Wochenende sofort den US-Präsidenten angriffen. Aber sie tun damit niemandem einen Gefallen, außer vielleicht Trump selber, der übrigens für seine Verhältnisse zügig und klar von einer abscheulichen Tat sprach. Trump wird Trump bleiben. Von ihm darf niemand erwarten, dass er ein Barack Obama wird. Aber von den US-Demokraten, die zu Recht Trumps rechte Neigungen beklagen, muss Besseres erwartet werden als billige Schuldzuweisung. So trägt sie nur zu jener Polarisierung bei, die Trump nützt und die er so meisterlich pflegt.“

"Allgemeine Zeitung" (Mainz): "Neues aus Absurdistan. Der amerikanische Präsident verurteilt Rassismus auf das Schärfste. Ausgerechnet Trump. Er beklagt, der Amokschütze von El Paso sei von Hass verzehrt gewesen. Er fordert die Nation auf, sich gegen die Ideologie zu stellen, die "Vorherrschaft der Weißen" heißt. Dabei verkörpert Trump diese Ideologie mit jeder Faser, er lebt und propagiert sie. Im streng juristischen Sinn ist er nicht verantwortlich für rassistische Amokläufe. Aber er forciert ein geistiges Klima, das geprägt ist von Hass, Niedertracht, Verrohung und Spaltung.“

"Augsburger Allgemeine": "Der US-Präsident hat über Jahre Neonazi-Umtriebe verharmlost, weiße Extremisten als prima Leute dargestellt, gerade erst das überwiegend schwarze Baltimore mit einem Rattenloch verglichen. Aus seinem Abscheu für Mexiko hat er nie einen Hehl gemacht - und an der Grenze zu Mexiko wurden nun beim Massaker von El Paso offenbar gezielt Latinos gejagt. Vor allem aber hat Trump besagte ureigenste Pflicht jedes US-Präsidenten unterlassen: den Versuch, das Land - und damit auch ein wenig die Welt - irgendwie zu einen. Bislang hatte er daran kein Interesse. Je zerstrittener die Nation, desto besser schienen seine (Wieder-) Wahlchancen."

"Neue Osnabrücker Zeitung": "Natürlich ist Trump nicht direkt verantwortlich für die Gewalttaten von El Paso und Dayton. Indirekt aber trägt er mit seiner verantwortungslosen Rhetorik massiv bei zu einem Klima von Hass und Menschenverachtung. Die laxen Waffengesetze tun ein Übriges, die USA zu einem Brennpunkt der Gewalt zu machen. Und nun? In der Vergangenheit sind die USA nach einer Welle der Empörung stets schnell zur Tagesordnung übergegangen. Dieses Mal könnte es anders kommen. Die Präsidentschaftswahlen stehen bevor. Und die Demokraten haben sofort begriffen, welches Potenzial das Thema hat. Auch Trump selbst will jetzt angeblich durchgreifen. Verschärfte Waffengesetze knüpft er allerdings an Bedingungen. Selbst der Tod vieler Menschen hält ihn nicht von seinen Deals ab - widerwärtig."

"Mittelbayerische Zeitung" (Regensburg): "Donald Trump benutzt wie selbstverständlich Formulierungen aus dem Wörterbuch eines Unmenschen. Er vergleicht Flüchtlinge mit Ungeziefer, spricht von Verseuchung oder empfiehlt nicht-weißen Amerikanern, "zurückzugehen". Ja wohin denn eigentlich? Statt Gebete anzubieten, sollte Trump lieber auf die Ausfälle gegen Latinos, Muslime und Schwarze verzichten. Leider sieht wenig danach aus. Denn seine Präsidentschaft basiert auf einem im Kern rassistischen Appell, in dem die "wahren Amerikaner" das Opfer sind."

Reaktionen aus der Schweiz, Frankreich und Spanien

"Neue Züricher Zeitung": "Aber es lässt sich kaum bestreiten, dass Trump mit der Anstachelung xenophober Emotionen auf Stimmenfang geht und damit die moralische Autorität seines Amtes untergraben hat. Die Neonazis von Charlottesville versuchte er einst mit dem Ausdruck 'prima Leute auf beiden Seiten' salonfähig zu machen; das Problem des weißen Extremismus tat er nach dem Attentat von Christchurch als geringfügig ab. Erst kürzlich hat er mit seinen Angriffen auf vier nichtweiße Abgeordnete, denen er die 'Rückkehr' in die Heimat ihrer Vorfahren nahelegte, deutlich gemacht, dass er in seinem Kampf um die Wiederwahl maßgeblich um die Stimmen nationalistischer Weißer buhlt. Welche Worte auch immer seine Redenschreiber ihm nach den beiden Attentaten nun vorlegen - als glaubwürdige Stimme gegen Rassenhass und für nationale Versöhnung taugt Trump nicht."

"L'Alsace" (Mülhausen): "Wenn die USA so oft der Schauplatz von Schießereien sind, dann vor allem wegen der Gesetzgebung, die es jedem Bürger erlaubt, Waffen zu kaufen, einschließlich Automatikwaffen. Donald Trump verstärkt zunehmend seinen Diskurs, um seinen Wählern zu schmeicheln, (die) Mitglieder der allmächtigen (Waffenlobbyorganisation) National Rifle Association (NRA) sind. Aus Mangel an politischem Mut irrt sich der amerikanische Präsident wieder einmal in seinem Ziel."

"La Vanguardia" (Madrid): “Der allmächtige amerikanische Präsident hat die Erwartungen nicht enttäuscht. In seinem Aufruf an die Nation, die makabren Ereignisse vom Wochenende in Texas und Ohio zu verurteilen, hat er nicht nur keine greifbare Lösung für die Notwendigkeit präsentiert, den Einsatz von Schusswaffen in seinem Land zu regulieren - er hat sich auch erlaubt, Terrorismus und Einwanderung in Beziehung zu setzen. Es gab bereits wahllose Morde in den Vereinigten Staaten, bevor Trump an die Macht gekommen ist, aber es ist offensichtlich, dass seine Reden nichts dazu beitragen, eine Wiederholung dieser grausamen Aktionen zu verhindern. Seine fortwährenden Aussagen und Tweets gegen die Einwanderung, die Hass und Rassismus schüren, haben leider viele Anhänger in seinem Land (...)."

anb / DPA / AFP