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Interview

Michael D'Antonio im Gespräch: Trump-Biograf: "Es ist verstörend, er ist ein gefährlicher Mensch"

Donald Trump wird 70. Pünktlich zu seinem Geburtstag erscheint die Biografie über den Präsidentschaftskandidaten. Im stern-Gespräch warnt der Autor Michael D'Antonio eindringlich vor der Gefährlichkeit des Milliardärs.

Donald Trump

Harte Schale, kein weicher Kern: Donald Trump, Präsidentschaftsbewerber der Republikaner

Herr D'Antonio, wird Donald Trump der nächste Präsident der Vereinigten Staaten werden?
Möglich ist das natürlich, aber ich glaube nicht daran.

Was macht sie so optimistisch?
Ich vertraue den Amerikanern, die im Zweifel vernünftige Entscheidungen treffen. Wir tendieren vielleicht zu Extremen, aber am Ende pegelt sich alles in der Mitte ein.

Sie haben vor drei Jahren mit dem Buch über Donald Trump angefangen. Hätten Sie damals damit gerechnet, dass sie eine Biografie über den Präsidentschaftskandidaten Trump schreiben würden?

Er interessiert sich ja schon sehr lange für Politik. Seine früheren, wenn auch halbherzigen Versuche, sich um die Präsidentschaft zu bemühen (1988 und 2000, d.Red.) hatten allerdings eher den Zweck, Werbung für seine Produkte oder besser: für die Marke Donald Trump zu machen. Das hatte sich vorher noch keiner getraut.

Allerdings hat ihn damals niemand ernst genommen. Genaugenommen hat ihn selbst bis vor wenigen Wochen niemand ernst genommen.

Ja, das ging wohl den meisten so. Wir hatten uns für das Buch-Projekt fünf Mal miteinander verabredet. Ich wurde hellhörig, als er begann, vom Echo in den sozialen Medien zu reden. Er erzählte, wie ihn die Menschen ermutigt hätten, sich um die Präsidentschaft zu bewerben. Ich fand das erst lächerlich, aber er wiederholte die Geschichten bei jedem unserer Treffen. Offenbar hatte er mit seinen Anti-Obama-Tiraden einen Nerv getroffen und ist wieder auf den Geschmack gekommen.

Donald Trump Biograf Michael D'Antonio

Michael D'Antonio ist preisgekrönter Autor und Drehbuchschreiber. Er veröffentlichte mehr als ein Dutzend Bücher, Als Journalist gewann er den prestigeträchtigen Pulitzerpreis. D'Antonio lebt in New York und arbeitet derzeit an einer Biografie über Barack Obama. 


Donald Trump zweifelt daran, dass Barack Obama ein legitimer Präsident sei, weil er angeblich nicht in den USA geboren wurde…

Genau. Donald Trump hat jahrelang versucht nachzuweisen, dass Obama kein echter US-Bürger ist. Natürlich ist das absurd, aber er meint es ernst. Für Trump ist der Hass auf Obama eine persönliche Angelegenheit. Und jede Attacke auf das Staatsoberhaupt sichert ihm zudem große Aufmerksamkeit - seine allerwichtigste Währung.

Was für einen Menschen haben sie kennengelernt?

Jemanden, der extrem sensibel ist, alles persönlich nimmt, der nichts davon versteht, wie Menschlichkeit funktioniert, der jede Gelegenheit zu seinem Vorteil ausnutzt, jemand, der sehr oft mit Einschüchterung und Drohung arbeitet. Es ist verstörend, er ist ein gefährlicher Mensch.

Keine guten Seiten? Humor? Charme?

Oh, er verfügt über Humor. Nur über sehr, sehr wenig. Die meisten Menschen haben ein "Observing Ego", wie meine Frau, eine Psychologin, das nennt. Das heißt, sie betrachten sich selbst, ihr Verhalten und richten es an die Umgebung aus. Donald Trump kann das nicht. Es ist ihm unmöglich, sich selbst dabei zu beobachten, wie er auf andere Menschen wirkt. Daraus folgt eine beispiellose Rücksichtslosigkeit, er macht Leute nieder, verspottet sie, ruft sogar zur Gewalt gegen Demonstranten auf - das ist wirklich neu in der amerikanischen Politik.

Woher kommt diese Härte und Brutalität?
Menschen, die seinen Vater und seinen Großvater kannten, erzählen, dass sie beide sehr kalt waren, sehr zurückgezogen. Wenn sie die Kinder sehen wollten, haben sie sie mit zur Arbeit genommen. Donald Trump war ein schwieriges Kind und wurde von seinen Eltern deswegen auf die New York Military Academy geschickt. Ein Internat, das für seinen militärischen Drill und seine unerbittliche Härte berüchtigt war. Für den Teenager, der er damals war, war die Zeit schlicht eine Ausbildung in Brutalität.

Ist eine gewisse Unerbittlichkeit für Geschäftsmänner wie Trump nicht hilfreich?

Vermutlich. Aber nehmen sie das Beispiel der Trump-Universitäten. 35.000 Dollar kostet die die Teilnahme. Viele, einfache Menschen haben sich dafür völlig überschuldet. Als Gegenleistung gab es dafür: nichts. Wissen Sie, als junger Mann hat Trump vom Vater Hunderte von Millionen von Dollar geerbt, aber bis dahin selbst nichts erreicht. Jetzt ist er jemand, der anderen Menschen mit linken Methoden das Geld abzockt und sie anschließend noch als Versager beschimpft.

Wie erklären Sie sich, dass jemand der gegen alle Regeln verstößt, der sich auf Kosten der Armen und Schwachen profiliert und darüber hinaus nicht einmal ein Sympathieträger ist, trotzdem so erfolgreich ist?
Er ist ein guter Entertainer und weiß wie die Medien funktionieren, er hat ja jahrelang selbst TV-Shows gemacht. Und er ist ein skrupelloser Populist - solche Leute kennen Sie ja aus Europa zur Genüge. Ich glaube, die Menschen sehnen sich gerade nach einem Erlöser, der sie vom Bösen befreit. Hier in den USA sind das zurzeit die Regierung sowie linke, liberale Kräfte. Dazu kommt die schwierige wirtschaftliche Situation. Mittlerweile haben viele Arbeiter die längsten Arbeitswochen aller entwickelten Länder, nur um sich alltägliche Dinge leisten zu können - nur ohne das Gefühl zu haben, abgesichert zu sein. Einem erfolgreichen Geschäftsmann wie Trump trauen die Menschen am ehesten zu, die Dinge wieder ins Lot zu bringen.

Trumps Berater versuchen, ihn etwas präsidialer aussehen zu lassen. Etwas weniger Egomaschine, etwas mehr Gelassenheit. Glauben Sie, dass das gelingt?

Ich kann mir vorstellen, dass man ihm einige Zugeständnisse abringen wird. Etwa ausgewogenere Reden halten, vom Teleprompter ablesen. Was aber sicher nicht gelingen wird, ist es, die Impulsivität aus ihm rauszukriegen, seine aggressive Art bei Debatten und Konfrontationen. Dann wird der echte Trump durchkommen. Das ist die gute und die schlechte Nachricht: Trump kann sich nur selbst schlagen.

Buch Donald Trump

"Die Wahrheit über Donald Trump" (im Original: "Never Enough: Donald Trump and the Pursuit of Success") ist im Ullstein-Verlag erschienen, umfasst 544 Seiten und kostet 24 Euro.


Angenommen, Donald Trump wird doch zum Präsidenten gewählt. Können Sie sich vorstellen, dass der Politbetrieb in Washington ihn einnordet und auf eine gemäßigtere Linie bringt?
Ja, davon gehe ich aus. Sehen Sie, der Unterschied zwischen dem, was er sagt und dem, was machbar ist, ist riesig. Und ich glaube, dass seine Wähler das auch wissen. Wir haben eine lange Tradition darin, kühne, ja dreiste Menschen zu bewundern - aber sie dürfen eben auch nicht zu weit gehen. Das heißt, selbst Trumps Wähler erwarten von ihm, dass er im Weißen Haus mildere Töne anschlägt. Und man darf nicht vergessen: Donald Trump ist ja durchaus in der Lage, vernünftige Dinge zu tun. Nichtsdestotrotz ist und bleibt er ein gefährlicher Mensch.

Klingt ein wenig wie die Faszination vieler Menschen nach dem bösen Buben mit dem weichen Kern.

So ähnlich. Ich habe mit Trumps zweiter Frau Marla Maples gesprochen. Sie sagte zur mir, sie habe sich in den aufregenden Bad Boy verliebt, hinter dem sich ein guter Junge verbirgt. Die Ehe endete unschön. Vermutlich gibt es einfach keinen weichen Kern hinter der harten Schale.

Erwarten Sie noch Überraschungen, die den Wahlkampf verändern könnten?
Eher nicht. Es wird sicher nicht seine Steuererklärung veröffentlichen, auch wenn es alle von ihm erwarten. Möglicherweise werden sich noch ein paar Menschen zu Wort melden, die sich von ihm übervorteilt fühlen, vielleicht kommen auch noch ein paar mehr Prozesse ans Tageslicht. Aber alles in allem dürften die Dinge, die ihm gefährlich werden könnten, bekannt sein.

Gespräch: Niels Kruse