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Laura Poitras' "Citizenfour": Der Film, der Edward Snowden beim Enthüllen zusah

Sie war dabei, als Edward Snowden die NSA-Schnüffeleien enthüllte. Nun hat Laura Poitras ihre Dokumentation über den Whistleblower vorgestellt. Begegnung mit einer Frau, die keine Heldin sein will.

Von Norbert Höfler, New York

Filmszene aus "Citizenfour": Er heißt Edward Joseph Snowden, man nennt ihn Ed

Filmszene aus "Citizenfour": Er heißt Edward Joseph Snowden, man nennt ihn Ed

Im "Mayday" in Brooklyn wurde kürzlich der Protestmarsch von 300.000 Demonstranten während des UN-Klimagipfels vorbereitet. Das Kulturzentrum wird mehr und mehr zum neuen Treffpunkt all jener die in New York links und kritisch sind. Laura Poitras hat sich das "Mayday" für eine besondere Premiere ausgesucht. Hier zeigt sie das erste Mal den Trailer ihres Films "Citizenfour", ihre Dokumentation über den Whistleblower Edward Snowden.

Poitras, die dieses Jahr den Henri-Nannen-Preis verliehen bekam, ist leise, unauffällig sogar ein wenig schüchtern. Und aufgeregt. Sie wollte unter Freunden sein, wenn sie das erste Mal über ihren Film spricht. Die 114-Minuten-Dokumentation wurde einen Tag später vor ausverkauftem Haus beim 52. New York Film Festival gezeigt.

Premiere mit Freunden und Fans

Ihr Kollege Glenn Greenwald, mit dem sie zu Snowden nach Hongkong flog, ist gekommen. Der US-Journalist Jeremy Scahill, der die Geschäfte der Privatarmee von Blackwater aufgedeckt hat, ist da. Thomas Drake sitzt in der dritten Reihe. Er ist der Mann, der beim Geheimdienst NSA arbeitete und schon vor Snowden geheime Überwachungsmethoden öffentlich machte.

Im Publikum sitzen neben den Freunden, auch Unterstützer und Fans. Es gibt Bier und Wein, der Erlös geht an einen guten Zweck. Laura Poitras gibt ihr Okay, der kurze Film beginnt: "Ich heiße Ed Snowden, äh, Edward Joseph Snowden ist mein bürgerlicher Name. Man nennt mich Ed ..."

Poitras zeigt in ihrem Film den Menschen Snowden. Den jungen Mann, der in Hongkong dabei ist, mit seinen Informationen, die er als NSA-Mitarbeiter gesammelt und unter seinem Pseudonym "Citizenfour" in der Welt verteilt, die Mächtigen herauszufordern. Der weiß, in welche Gefahr er sich selbst und alle bringt, die mit ihm zusammenarbeiten. Die ersten Kontakt-Anbahnungen zwischen der Filmemacherin und dem Whistleblower fanden im Frühjahr 2013 statt, zunächst über verschlüsselte Mails, die das US-Magazin "Wired" in Teilen veröffentlicht hat.

Whistleblower riskieren alles

Unter Freunden im "Mayday" erzählt Laura von ihrer Arbeit mit Snowden und anderen Whistleblowern. Nicht sie selbst, oder Greenwald oder Scahill sind dabei die Helden. Laura Poitras richtet den Scheinwerfer auf die, "die ihre berufliche Existenz für die Wahrheit riskiert haben". Das sind nicht die Journalisten. Ja, sie selbst sei auch an Flughäfen verhört und gefilzt worden. Ihre Computer wurden geflöht. Aber das sei kein Vergleich zu den Risiken, die die Whistleblower eingehen.

Scahill sagt in New York, nicht die Journalisten sind das Hauptziel, die Behörden wollen die Quellen enttarnen, verfolgen und bestrafen. Das sind die, die ihre Freiheit riskieren. "Der Journalist trägt 0,0001 Prozent des Risikos, der Whistleblower trägt die große ganze Last." Die Regierung verfolge jene, die mit den Journalisten sprechen. "Was wir am Wochenende tun, welche Bücher wir lesen, ist denen egal. Sie wollen unsere Quellen."

Cheney hat sich in Obama verwandelt

Da ist es auch egal, ob rechte Republikaner oder linke Demokraten im Weißen Haus säßen. Nur eines habe sich in der Zeit nach George W. Bush verändert: "Dick Cheney hat sich auf geheimnisvolle Weise in den Friedensnobelpreisträger Obama verwandelt."

Als das Treffen der Freunde und Fans zu Ende geht, erzählt Scahill eine Geschichte, die gar keinen Zweifel daran lässt, wer der wahre Held und wer eben doch nur ein Journalist ist:

"Glenn rief mich via Skype an. Wir hatten eine Cyber-Beziehung.

Jeremy! Jeremy wir können nicht lange sprechen.

Was ist los?

Morgen steige ich in ein Flugzeug und fliege um die halbe Welt.

Toll!

Nein, nein, ich fahre an einen Ort, treffe jemand, der hat ein Menge geheime Sachen.

Das klingt sehr vage?!

Das Ding ist so groß. Ich könnte entführt oder umgebracht werden.

Du machst Witze. Hast du getrunken?

Ich kann mich doch bei dir die nächsten Tage regelmäßig melden, nur um sicher zu stellen, dass mir nichts passiert ist.

Klar, Glenn. Immer. Jederzeit.

Als Glenn sich dann aus Hongkong meldetet, sagte er: Mein Leben wird nie wieder so sein wie früher.

Ich habe einen unglaublichen Menschen getroffen. Dem geht es um die Wahrheit. Nicht um sich selbst. Ed Snowden."

"Liebesgrüße aus Moskau"

Den vollständigen Augenzeugenbericht der jungen Australierin Clair MacDougall mit Aufnahmen der französischen Fotografin Bénédicte Kurzen finden Sie im aktuellen stern.

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Lesen Sie mehr über die private Seite des Whistleblowers Snowden und den Film "Citizenfour" im neuen stern