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Einmal Shanghai, bitte!: Auf nach Usbekistan

Wer von Shanghai nach Usbekistan reisen will, muss einige Hindernisse überwinden: Bereits der Weg zum Reisebüro erinnert an einen James-Bond-Film.

Von Tilman Wörtz

"Ich kenne Sie nicht", sagt Herr Warinam. Er klingt genervt. "Ich sollte Sie doch anrufen", entgegne ich. "Warum?" fragt Herr Warinam mit hartem, usbekischem Akzent. "Ich möchte ein Ticket bei Ihnen kaufen, das habe ich Ihnen doch gestern erklärt." Wohin wollen sie? "Nach Usbekistan." Herr Warinam verkauft ausschließlich Tickets nach Usbekistan. "Rufen sie mich morgen früh nochmal an."

"Herr Warinam?

Kenne ich nicht", sagt eine Stimme am nächsten Morgen in Herrn Warinams Handy. Ich bestehe darauf, dass dies die Nummer von Herrn Warinam sein muss, Uzbekistan Airlines in Peking habe sie mir gegeben. Ein neues Office habe die Firma in Shanghai gegründet. Am neunten März war der erste Flug von Shanghai nach Taschkent. Herr Warinam kümmert sich darum. "Rufen sie um vier Uhr nochmal an."

Endlich habe ich Glück. "Kommen sie in das Jiang Pu Hotel", sagt nun wieder die Stimme mit dem harten usbekischen Akzent und gibt weitere Anweisungen: "Warten Sie in der Lobby. Bringen Sie 820 Dollar mit." 820 Dollar? Das Büro in Peking sagte 620. "Dann hab' ich mich verrechnet", lenkt Herr Warinam schnell ein. Woran ich ihn in der Lobby erkenne? "Ich erkenne Sie", sagt er. Genau in dem Moment, als mein Taxi vor dem Hotel hält, klingelt wieder mein Handy: "Zimmer 507".

Alte Holzdielen

knarren im Jiang Pu-Hotel, die Gänge messen drei Meter Höhe. Das Jiang Pu-Hotel ist nicht irgendein Hotel. Es eröffnete 1846 als erstes ausländisch geführtes Hotel der Stadt, kurz nachdem die Engländer von den Chinesen Handelsrechte erbombt hatten. Von den Suiten blickt man direkt auf den Bund, die berühmte Uferpromenade. Shanghais Lage als Hafen an der Mündung des größten Flusses Asiens machte es zur größten Handelsmetropole des Kontinents. Es kamen französische, amerikanische und deutsche Geschäftsleute, Juden, die vor den Nazis flohen, Weißrussen, die vor den Kommunisten, Kriminelle, die vor der Polizei flohen. Und Intellektuelle, die dem Einerlei im Westen entkommen wollten. Eine Plakette am Eingang zu Zimmer 310 besagt: "Hier wohnte 1920 der britische Philosoph Betrand Russel”. Auch Einstein und Charly Chaplin waren hier. Jetzt also Warinam. Shanghai wird langsam wieder zu dem, was es mal war.

Die Tür zu Zimmer 507 steht offen. Durch die Gardinen der Suite fallen staubschwere Lichtstrahlen. Das Bett ist zerwühlt. Zeitungen liegen auf dem Boden, auf dem Tisch ein Aktenkoffer. Warinam sitzt auf der Couch. Er hat unerwartet feine Gesichtszüge, trägt einen grauen Anzug und eine Krawatte. Nur das weiße, langärmlige Unterhemd, das aus beiden Jackettärmeln ragt, verrät seine Herkunft aus einer unwirtlichen Gegend.

"Haben Sie das Geld?"

fragt er und zieht bedrohlich seine Brauen in die Höhe. Ich lege ihm 620 Dollar auf den Tisch. Warinam stellt Flugtickets per Handschrift aus. "Reisen Sie geschäftlich?" Viele Geschäftsleute wollten jetzt von Usbekistan nach Shanghai fliegen, nachdem die chinesische und usbekische Regierung Handelsverträge geschlossen hätten. Gold und Baumwolle gingen Richtung China, Textilien und Elektrowaren kämen zurück. Warinam zieht wieder die Brauen hoch. Drei zentralasiatische Staaten, Russland und China hätten die gemeinsame Organisation "Shanghai-Fünf" mit Sitz in selbiger Stadt ins Leben gerufen. "Merken sie was?"

Als Kind habe er miterlebt, wie sich "die Chefs" der Volksrepublik China und der Sowjetunion gestritten hätten. Deshalb ging nichts über die Grenze. Doch diese Zeiten seien vorbei. "Bald werden wir zwei Mal die Woche fliegen, ohne Zwischenstopp in Peking."” Als Sohn Usbekistans, dem Land der Seidenstraße, sei er quasi von Geburt an Experte für Handelsrouten. Und er könne mir versichern, dass heute nichts so billig sei wie die Schifffahrt und kaum ein Hafen größer als der von Shanghai.

Herr Warinam zieht immer noch die Augenbrauen bedrohlich in die Höhe und mir wird klar, dass es sich um einen nervösen Tick handeln muss. Wie die Beziehung zwischen Usbekistan und China wird sich vielleicht auch bald Herrn Warinams Brauenmuskulatur normalisiert haben, wenn er erst mal ein richtiges Office hat, mit eigenem Telefonanschluss, Computer und einem Drucker, der anständige Tickets ausstellt.

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