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EM-Boykott-Diskussion der Ukraine Bitte nerven Sie vor Ort


Soll die Politik wegen der Mísshandlung von Julia Timoschenko die EM-Spiele in der Ukraine boykottieren? Nein. Denn der Fall der Ex-Regierungschefin schreit förmlich nach einem Besuch des Turniers.
Ein Kommentar von Niels Kruse

Große Fußballturniere sind immer eine dankbare Bühne für die Politik. Wer erinnert sich nicht an die Bilder von Angela Merkel, wie sie sich bei der Frauen-Fußball 2011 im Berliner Olympiastadion in die Herzen der Deutschen jubelte. Ob die Kanzlerin die DFB-Elf bei ihren EM-Vorrundenspielen in der Ukraine anfeuern wird, ist längst noch nicht ausgemacht. Zu schwer wiegt der Umgang des Landes mit derEx-Regierungschefin Julia Timoschenko , als dass sich auf den teuren Plätzen sorglos ein Fußballfest feiern ließe. Der CDU-Außenexperte Ruprecht Polenz jedenfalls glaubt, dass man sich als Politiker oder Staatschef nicht einfach auf die Haupttribüne setzen könne, um so zu tun, als wäre nichts.

Recht hat er. Nur seine Konsequenz ist falsch. Denn Herr Polenz will, wie andere Politiker auch, der EM einfach fernbleiben. Er vergisst: Nichtstun ist nicht die einzige Alternative. Denn der Fall der inhaftierten und misshandelten Timoschenko schreit geradezu danach, nach Kiew, nach Charkow, nach Lwiw oder Donezk zu reisen, um dort vor Ort Haltung zu zeigen. Ein Boykott mag ein einfacher Weg des Protests sein - nur leider bringt er nichts. Denn er bedeutet auch den Verzicht auf die dringend notwendige Konfrontation. Und seine Symbolik verliert sich ohnehin, wenn nur ein kleiner Teil aus der Riege der Politik und Staatslenker fernbleibt. Oder Entscheidern aus der zweiten Reihe, deren Fehlen ohnehin niemandem auffällt.

Innenminister Friedrich will Timoschenko treffen

Natürlich liefert jeder halbwegs prominente Staatsgast dem Autokraten Viktor Janukowitsch genau die Bilder, die seiner Person, seinem Land und seinem Regime eine Extraportion Prestige verleihen. Einen Vorschlag, wie man dieses Schaulaufen für eine Semidiktatur untergräbt, hat etwa Bundesinnen- und Sportminister Hans-Peter Friedrich geliefert: Er wolle zum Spiel Deutschland gegen die Niederlande in Charkow fahren, sagte er nun. Und: "Sollte Frau Timoschenko bis dahin noch in Haft sein, möchte ich mit ihr sprechen." Auch dieses Treffen dürfte Bilder liefern. Allerdings solche, die Viktor Janukowitsch nicht gerne sehen wird. Und der Druck auf Janukowitsch würde sich noch mehr erhöhen, folgten weitere Politiker dem Beispiel Friedrichs.

Das Turnier sportlich zu boykottieren, ist die schlechteste aller Möglichkeiten. Als die Uefa 2007 die Europameisterschaft nach Polen und in die Ukraine vergab, stand in der Ex-Sowjetrepublik noch der prowestliche Viktor Juschtschenko an der Staatsspitze, das Land war auf dem Weg, sein postsowjetisches Erbe abzuschütteln. Dass fünf Jahre später sein Nachfolger Viktor Janukowitsch die Ukraine in eine mit harter Hand geführte Autokratie verwandeln würde, war nicht abzusehen. Wünschenswert wäre es natürlich, wenn der DFB sich (symbolisch) mit der nur wenige Kilometer vom Spielort Charkow einsitzenden Timoschenko solidarisierte - allerdings ist es nicht die dringlichste Aufgabe von Sportlern, politisch Flagge zu zeigen.

Die Zustände in der Ukraine sind ein Fall für die Politik

Es hilft nichts - die desolate Menschenrechtslage in der Ukraine fällt zu allererst in den Beritt der Politik. Ein Boykott wäre nur ein Paukenschlag, der zu schnell verhallt. Eine Stippvisite vor Ort aber, mit nervigem Gebohre in den Wunden des Regimes, ist allemal nachhaltiger und schmerzvoller für Viktor Janukowitsch und seine mafiaähnliche Regierung.


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