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Entführung in Afghanistan: Anwalt glaubt nicht an Familienstreit

Der in Afghanistan vermisste Deutsche ist wohl wirklich entführt worden. Dies bestätigte das Auswärtige Amt. Dort hat der Krisenstab nun seine Arbeit aufgenommen. Sein Anwalt glaubt nicht, dass ein Familienstreit der Grund für die Verschleppung ist.

Das Schicksal des in Afghanistan entführten Deutschen ist weiter unklar. "Wir gehen weiterhin den sich verdichtenden Hinweisen nach und bemühen uns um Aufklärung", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amts in Berlin. Der 42-jährige Schreiner Harald K. aus der Oberpfalz war den bisherigen Erkenntnissen zufolge am Wochenende in der westafghanischen Provinz Herat von mehreren bewaffneten Männern in seinem Auto überfallen und verschleppt worden. Ein politischer Erpressungsversuch gilt bislang als unwahrscheinlich.

Die afghanische Polizei ging in ersten Erklärungen von familiären Gründen für die Tat aus. Nach Angaben des Polizeichefs der Provinz Herat, Juma Khan Adeel, heiratete er Deutsche vor zwei Jahren eine afghanische Frau, die sich zuvor von ihrem Cousin getrennt hatte. Dadurch sei es zu einem Zerwürfnis in der Familie gekommen, das letztlich zu der Verschleppung geführt habe.

Harald K.s Rechtsanwalt Georg Seidenschwand, der in den vergangenen Jahren regelmäßig telefonischen Kontakt mit seinem Mandanten hatte, meldete jedoch Zweifel an dieser Version an. "So weit ich es immer gehört habe, schienen die familiären Spannungen schon seit langer Zeit ausgeräumt", sagte der Anwalt der Nachrichtenagentur AP. "Der Cousin soll damals eine finanzielle Entschädigung für die ursprünglich ihm versprochene Ehe mit der Frau bekommen haben."

Kein Kommentar des Anwalts zu Anschuldigungen

Seidenschwand hält einen Familienstreit, politische Gründe oder auch rein kriminelle Motive der Entführung für möglich: "Vielleicht haben einfach Kriminelle gedacht, bei einem Ausländer, der ein eigenes Haus hat, ist was zu holen." Dass sein in Deutschland mit Haftbefehl gesuchter Mandant selbst etwas mit der Entführung zu tun haben könnte, schloss Seidenschwand aus: "Ich glaube kaum, dass er eine größere Öffentlichkeit auf seinen Aufenthaltsort in Afghanistan richten wollte." Vielmehr habe der Schreiner in den vergangenen Monaten sondiert, ob er zumindest für einen Besuch nach Deutschland zurückkehren könne. "Ob der Grund dafür Heimweh oder die Sorge um die eigene Sicherheit in Afghanistan war, kann ich nicht sagen." Auf jeden Fall habe K. Frau und Kind nach Deutschland mitbringen wollen.

Zu Vorwürfen gegen den Schreiner, er habe Hilfsgelder in Afghanistan veruntreut, wollte sein Anwalt nicht Stellung nehmen. "Ich habe davon das erste Mal erst jetzt in Zusammenhang mit der Entführung gehört", sagte Seidenschwand. K. hatte von 2003 bis 2005 für die Hilfsorganisation Grünhelme von Rupert Neudeck gearbeitet und war am Bau von 26 Schulen beteiligt. Die Bonner Staatsanwaltschaft bestätigte, dass gegen K. eine Strafanzeige seitens der Hilfsorganisation vorliege. Die Behörde habe das Verfahren jedoch vorläufig eingestellt, da der Aufenthaltsort des Beschuldigten nicht festzustellen gewesen sei.

Immer wieder Ausländer Opfer von Entführungen

In Afghanistan wurden in den vergangenen Monaten immer wieder Ausländer entführt, darunter auch mehrere Deutsche. Zwei Deutsche kamen im vergangenen Sommer nach wenigen Tagen Geiselhaft frei. Tragisch verlief dagegen die Entführung zweier deutscher Bauingenieure und ihrer fünf afghanischen Kollegen durch die radikalislamischen Taliban. Der 43-jährige Rüdiger Diedrich wurde am 21. Juli erschossen aufgefunden. Sein Kollege Rudolf Blechschmidt kam erst nach fast drei Monaten am 10. Oktober frei.

DPA/AP / AP / DPA