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Interview

Europa: "Deutschland gehört auf die Kommandobrücke"

Der Brite Lord Stephen Green hat ein verblüffendes Buch über Deutschland geschrieben. Er fordert in “Dear Germany" mehr Führung in Europa. Mit dem Londoner stern-Korrespondenten sprach Green über sein Faible für deutsche Geschichte und Kultur. Und seine tiefe Abneigung gegen den Brexit.

 

Der Autor und frühere britische Handelsminister Lord Stephen Green bei der Vorstellung seines Buches im September

Der Autor und frühere britische Handelsminister Lord Stephen Green bei der Vorstellung seines Buches im September

Lord Green, Sie haben mit “Dear Germany“ eine 300 Seiten lange Liebeserklärung an geschrieben. Woher rührt diese Leidenschaft?

Ich habe deutsch schon in der Schule gelernt und später auch studiert, neben Politik und Wirtschaft. Ich bin sehr viel durch Deutschland gereist und besitze sogar eine kleine Wohnung in . Ich hatte von Jugend an ein großes Faible für die Philosophie, die Denker, die Literatur, die Musik, die deutsche Kultur.

… von der Sie schreiben, keine Nation auf der Welt habe eine reichere. Das sind verblüffende Worte für einen Briten.

Sie spiegeln aber meine feste Überzeugung. Ich wollte ein tieferes Verständnis für dieses Land erreichen. Ein Verständnis, das über die Nazi-Zeit hinausgeht. Wenn Sie in britische Buchhandlungen gehen, stellen Sie fest, dass Deutschland immer noch weitgehend auf die Nazi-Zeit reduziert wird. Das wird den Deutschen aber nicht gerecht.

Sie kommen nach einem Parforceritt durch die Geschichte von Hermann, dem Cherusker, bis Merkel, der Kanzlerin, zu dem Schluss, dass dieses Deutschland mehr internationale Verantwortung übernehmen muss. Es gehöre, wie Sie schreiben, "auf die europäische ".

So ist es. Die Führung Europas oblag bis zu unserem traurigen Brexit einem Dreieck. Das Trio Frankreich, und Deutschland verlieh Stabilität. Nun aber fallen wir weg, und eine Achse bleibt übrig. Diese Achse wiederum hat ein stärkeres und ein schwächeres Ende. Das stärkere ist fraglos Deutschland, schon allein wegen seiner Wirtschaftskraft.

Das sehen die Franzosen etwas anders. Auch der “Economist“ erschien vor wenigen Wochen mit einer Titelgeschichte über das wiedererstarkte . Auf dem Cover sieht man Macron im Rampenlicht und Merkel am Bühnenrand im Schatten …

Das ist aber keine akkurate Beschreibung des Ist-Zustandes. Alle Wege führen über Berlin, ob das den Deutschen oder Franzosen gefällt oder nicht. Ich kann im Übrigen verstehen, dass die Regierung in Berlin auf Macrons Reformvorschläge eher reserviert reagiert. Man muss mal abwarten, ob sich dahinter nicht in Wahrheit ein französischer Hegemonie-Anspruch verbirgt.

Aber Sie wissen selbst, dass viele Deutsche vom europäischen Führungsanspruch nichts halten und regelrecht allergisch darauf reagieren.

Das habe ich in Berlin bei einer Diskussion vor kurzem erst wieder erlebt. Es gibt bei Ihnen eine regelrechte Obsession darin, das Thema Führung zu umgehen. Die ist in Teilen nachvollziehbar. Aber an den Tatsachen kommt nun mal niemand vorbei: Ihr Deutschen seid die mit Abstand stärkste Wirtschaftsmacht, das Land ist stabil, liegt in der geographischen Mitte des Kontinents, ergo das Zentrum des neuen Europas. Es ist unausweichlich, sich dem auch zu stellen.

Sie sagen unausweichlich. Aber die kleineren Nationen in Europa fühlen sich schon jetzt von den wirtschaftlich dominanten Deutschen an den Rand gedrückt.

Natürlich muss es um Konsens gehen, das ist doch klar. Auf einer Kommandobrücke ist man ja auch nie allein. Aber wenn ich den Satz höre “Wir sind nur eines von 27 Mitgliedsländern der EU“, kann ich nur sagen: Unfug. Deutschland ist eben kein ganz normales Mitgliedsland. Mit dieser Meinung stehe ich längst nicht allein. Der frühere polnische Außenminister Radoslaw Sikorski fordert schon seit Jahren mehr deutsche Führung und Verantwortung. Ein Pole sagt das. Das zeigt doch, wie weit Ihr Land gekommen ist.

Als Deutschland Führung zeigte und die Türen öffnete für 1,5 Millionen Flüchtlinge wurde es dafür prompt als naiv kritisiert. 

Das stimmt. Aber es gab auch damals Leute in Deutschland und außerhalb, die das als eine große humanitäre Geste betrachteten. Ich treffe gerade viele junge Deutsche, die darauf stolz sind. Zu Recht, wie ich meine. Der Aufschwung der AfD hat natürlich mit der Flüchtlingspolitik zu tun. Aber mit den Rechtspopulisten wird das Land schon fertig. Es hat ganz andere Herausforderungen gemeistert.

Bei aller Liebe für die Deutschen: Zeichnen Sie nicht ein zu rosiges Bild?

Das glaube ich nicht. Ich betrachte Führung als Langzeitprojekt. Auf lange Sicht geht es um die Frage, wie sich Europa auf der Weltbühne präsentiert. Wie geht man geopolitisch mit Russland um, wie mit der Türkei, wie mit dem erstarkten Asien – und auch mit den USA. Dafür ist keine Nation besser gewappnet als Deutschland mit seiner turbulenten Geschichte. Und das in einem Europa, das sich obendrein ständig weiterentwickelt.

Sie vergleichen die europäische Vision mit dem Bau einer Kathedrale … 

Weil wir zu unseren Lebzeiten eine vollendete EU nicht erleben werden. Das ist in der Tat so wie früher beim Bau einer Kathedrale. Man legt den Grundstein, weiß aber nicht, wie die Kathedrale am Ende aussehen wird.

Ihr Land fällt als Baumeister dieser Kathedrale nun weg.

Eine Tragödie, die man hätte vermeiden können.

Wie denn?

Der große Fehler der politischen Klasse in Großbritannien war, dass man nie über die Erfolgsgeschichte der EU gesprochen hat, nie über die Schönheit der Vision und die Modernisierung der Staaten. Spanien, Irland, Portugal und – trotz aller Schwierigkeiten – auch Osteuropa. Die EU gab und gibt diesen Ländern eine Zuversicht. Das wird in Großbritannien kaum wahrgenommen.

Das alte Lied von der insularen Sicht auf die Welt?

Auch, aber nicht nur. Napoleon nannte uns Briten schon eine Nation von Krämerseelen. Er zielte damit auf den materialistischen Pragmatismus. Dazu kommt aber eine bereits Jahrzehnte währende Unehrlichkeit über die wahren strategischen Optionen Großbritanniens. Wir haben unsere Vergangenheit nicht richtig aufgearbeitet. Im Übrigen ganz im Gegensatz zu den Deutschen. Man redet hierzulande viel über die speziellen Beziehungen zu den USA und dem Commonwealth. Alles gut und schön.

Aber?

Das sind alles keine Alternativen zu Europa. Wir teilen seit tausend Jahren eine Kultur. Wir teilen Geschichte, Werte und gemeinsame Interessen. Wir sind alle Europäer und sollten die europäische Idee feiern.

Viele Deutsche glauben immer noch an einen Exit vom Brexit. Sie auch? 

Nein, das wäre naiv. Ich hoffe, wenn es einigermaßen gut geht, auf ein engmaschiges Netz aus Verbindungen beim Handel, in der Wissenschaft und in der Bildung. Und ich hoffe, dass Historiker in hundert Jahren sagen werden, dass die Briten zwar die EU verlassen haben. Aber doch Teil dieses Europas geblieben sind.