Falschen Feind gejagt Neue Terrorgruppe für Anschläge in Pakistan verantwortlich


Pakistanische Anti-Terror-Einheiten haben in den vergangenen Jahren offenbar den falschen Feind gejagt. Die blutige Erstürmung der Roten Moschee in Islamabad 2007 war die Geburtsstunde einer neuen Organisation, die sich Ghazi-Truppe nennt und anscheinend für mehrere tödliche Anschläge in den vergangenen drei Jahren verantwortlich ist.

Pakistanische Anti-Terror-Einheiten haben in den vergangenen Jahren offenbar den falschen Feind gejagt. Die blutige Erstürmung der Roten Moschee in Islamabad 2007 war die Geburtsstunde einer neuen Organisation, die sich Ghazi-Truppe nennt und anscheinend für mehrere tödliche Anschläge in den vergangenen drei Jahren verantwortlich ist. Bisher wurden die Anschläge den Taliban zugeschrieben.

Die Terrorgruppe rekrutiert sich hauptsächlich aus Angehörigen von Koranschülern, die bei der Erstürmung der Moschee getötet wurden. Ihr mutmaßlicher Anführer, Maulana Niaz Raheem, ist selbst ein ehemaliger Schüler der Roten Moschee. Die Angriffe des Terrorkommandos hätten sich vor allem gegen die Streitkräfte und den Geheimdienst ISI gerichtet, sagt der Polizeichef von Islamabad, Kalim Imam.

So soll die Ghazi-Truppe den Beamten angeworben haben, der sich im vergangenen Oktober im Büro des Welternährungsprogramms (WFP) in die Luft sprengte. Dabei kamen fünf Menschen ums Leben. Sie hätten außerdem im September 2007 einen Selbstmordattentäter in die Kantine der Spezialeinheit geschleust, die die Rote Moschee gestürmt hatte. 22 Menschen wurden hierbei getötet. Außerdem könnten Mitglieder der Organisation an einem Überfall auf einen Konvoi mit NATO-Nachschub am 9. Juni beteiligt gewesen sein, sagt Imam. Sieben Soldaten seien dabei getötet und 60 Fahrzeuge zerstört worden.

Die pakistanische Regierung und der Geheimdienst gehörten nicht immer zum Feindbild der Extremisten. Vielmehr war es inoffizielle Politik des Staates, die Radikalen zu unterstützen. Streitkräfte und Geheimdienst sahen in ihnen ein Machtinstrument, mit dem der pakistanische Einfluss über die Landesgrenzen hinaus ausgedehnt werden konnte. So mancher Mudschahedin, der in den 80er Jahren in Afghanistan gegen die Sowjets kämpfte, begann seine Reise in der Roten Moschee.

Nach dem US-Einmarsch in Afghanistan wurde die Rote Moschee zunehmend zu einem Zentrum des Widerstands gegen die USA-freundliche Politik des damaligen pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf. Im Juli 2007 kam es zur Eskalation. Regierungstruppen umstellten das Gelände. Etwa 1.300 Menschen verließen die Moschee und die angeschlossenen Religionsschulen friedlich. Doch einige Dutzend Religionsschüler leisteten unter der Führung des Geistlichen Abdul Rashid Ghazi Widerstand. Bei den zweitägigen Kämpfen kamen nach offiziellen Angaben mehr als 100 Menschen ums Leben, darunter auch Ghazi, nach dem die neue Organisation benannt wurde. Viele strenggläubige Pakistaner waren empört und enttäuscht. Sie fühlten sich verraten von dem Staat, der sie bisher unterstützt hatte.

Nun offenbart sich, dass der Geheimdienst und die Streitkräfte große Teile der Extremisten nicht mehr kontrollieren können. Und doch will Pakistan nicht alle Verbindungen zu den Islamisten kappen.

Der Sprecher der Streitkräfte, Generalmajor Athar Abbas, bestreitet, dass die Streitkräfte militante Gruppe unterstützen. Doch Experten sind überzeugt, dass die Streitkräfte immer noch einen gemäßigten Kurs gegenüber den sogenannten "guten Extremisten" fahren und nur die "schlechten Extremisten" bekämpfen.

"Die Streitkräfte verfolgen nur die, die dem Staat offen den Krieg erklärt haben und bei denen sie nicht damit rechnen, dass sie sich jemals wieder dem Staat unterordnen", sagt der Terrorexperte Manzar Jameel. "Von anderen glauben sie immer noch, dass sie sie kontrollieren können und dass sie ihnen noch einmal nützlich sein werden.

Auch Anatol Lieven vom Institut für Militärstudien am Londoner Kings College sagt, dass der Geheimdienst ISI immer noch einige militante Gruppen schütze, auch wenn er andere habe fallenlassen. Im amerikanischen Institut Rand Corporation ist man ebenso der Überzeugung, dass der pakistanische Geheimdienst einige militante Gruppen als "ein Werkzeug seiner Außen- und Innenpolitik" unterstützt.

Kathy Gannon, APN APN

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker