Flughafen Dubai Gestrandet im goldenen Käfig


Sie bezahlten das 140fache ihres Monatslohns für den Traum im Ausland arbeiten zu können. Doch auf dem Weg dorthin war plötzlich in Dubai Schluss. Rund 100 Nepalesen hingen anderthalb Monate am Flughafen fest - geschlagen von der Polizei, ignoriert von der eigenen Botschaft.
Von Tim Banning

"Einige von uns sitzen schon seit über vierzig Tagen in der Transit-Zone. Das Geld reicht bei vielen nur noch für eine kleine Packung Kekse und eine Cola. Am Tag. Täglich sind eine Handvoll meiner Freunde so krank, dass sie sich nicht mehr auf den Beinen halten können." Puran Giri, 34, Lehrer aus Kathmandu erleben, ist kurz davor die Hoffnung zu verlieren. Seit mehr als 40 Tagen hängt er am Flughafen von Dubai fest - ohne das Gefühl, hier je wieder wegzukommen.

Giri ist nicht allein. Für ihn und 100 andere Nepalesen ist die luxuriöse Scheinwelt am Airport zum Gefängnis geworden. Fast wie in Steven Spielbergs Film "Terminal". Darin spielt Tom Hanks Viktor Navorski, der in die Fänge der US-Einwanderungsbehörden gerät, weil seine Papiere nach einem Putsch in seiner Heimat ungültig geworden waren.

Die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben

Den Nepalesen steht die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Auch wenn sie auf den ersten Blick nicht weiter auffallen, zu sehr ähneln sie irgendeiner beliebigen Reisegruppe, wie sie dutzendfach auf den Flughäfen dieser Welt rumhängen: kartenspielend sitzen sie in Gruppen zusammen oder schlafen in den kleinen Ruhezonen.

Die Nepalesen sind in ihrer Heimat Opfer einer betrügerischen Jobagentur geworden. Sie versprachen ihnen Arbeit in Bagdad und verlangten dafür eine "Vermittlungsgebühr" von rund 2500 Euro - das durchschnittliche Monatseinkommen in Nepal beträgt gerade einmal 18 Euro. Im Gegenzug händigte die Agentur One-Way-Tickets nach Dubai aus. Von dort sollte der Transport in den Irak organisiert werden. Außerdem würde die Agentur die Verpflegung während der gesamten Reise garantieren. Doch der "Service" endete im goldenen Käfig des Dubai International Airport.

Denn ohne gültiges Ticket für einen Anschlussflug dürfen sie sich eigentlich nicht in der Transit-Zone aufhalten. Warum sie trotzdem reingelassen wurden, ist ihnen schleierhaft. "Die Polizei hat uns nach einiger Zeit die Pässe abgenommen", sagt Puran, "und sie hat uns beschimpft. Am 10. März bin ich in einem separaten Raum von Beamten am Kopf geschlagen worden", so Puran. Seinen Freunden ging es nicht anders. Auf die Frage, was mit ihnen geschehen werde, wie sie nach Nepal kommen sollen, antworteten die Beamten, man werde sie "nur tot zurückschicken".

Beistand erfuhren Puran und die übrigen Nepalesen auch nicht von der nepalesischen Botschaft in Abu Dhabi. Dort fragte man die Gestrandeten nur, wieso sie überhaupt nach Dubai gekommen seien. Ein Sprecher der Botschaft stritt sogar ab, jemals von seinen Landsleuten kontaktiert worden zu sein.

Was schon für normale Gäste der Transitzone nach wenigen Stunden zur Belastung wird, ist für die Nepalesen zum unerträglichen Alltag geworden. "Man findet hier einfach keine Ruhe. Ständig hasten Hunderte von Reisenden an uns vorüber. Niemand spricht mit uns. Dazu verliert man völlig den Überblick über Tageszeit und Datum. Es ist immer hell, ein Tag gleicht dem anderen nur unsere Körper werden immer schwächer, sagt Puran. "Der Gang zur Toilette oder zum Cola-Automaten sind die einzige Abwechslung - neben dem ewigen Kartenspielen. Für längere Spaziergänge durch den Flughafen habe ich nur noch selten Kraft."

Zwischen vier und sechs Uhr früh nimmt der Verkehr in der Transitzone etwas ab. Das sei die Zeit, in der er etwas ausruhen könne, sagt Puran. Er bete dann meistens für seine Freunde und seine Familie in Kathmandu. Täglich fragt er seine E-Mails am kostenlosen Internetportal ab und hofft auf ein Zeichen seiner Regierung oder der nepalesischen Botschaft in Abu Dhabi. Täglich werden die Nachrichten an seine Familie schwieriger. Puran weiss, dass seine Frau mittlerweile Mühe hat die Kinder mit dem Nötigsten zu versorgen und dass sie das Schulgeld für ihren Sohn bald nicht mehr zahlen kann.

Mit der Zeit wurde der Zustand des Wartens und der Hilflosigkeit immer unerträglicher, sagt er. "Es gab Zeiten, in denen ich jede Hoffnung auf eine Rückkehr aufgegeben hatte. Es gab für uns einfach keinen Ausweg". Die Wende kommt überraschend. Vor einigen Wochen habe man ihn und seine Freunde zurück nach Kathmandu geflogen, berichtet Puran per E-mail. Warum genau, weiß er immer noch nicht, vermutet aber, dass der Flughafenbetreiber kein Interesse an schlechter Presse hatte. Einige Passagiere hatten sich doch für die Gestranden interessiert. Und dann wurde ja auch noch das neue Terminal 3 eröffnet.

Noch immer stranden Nepalesen in Dubai

Besonders frustrierend ist für Puran, dass immer noch weitere Nepalesen mit Hilfe der betrügerischen Agentur nach Dubai kommen. Obwohl er den nepalesischen Medien von deren Masche erzählt hat. Noch schlimmer aber: Es gibt nicht einmal eine eindeutige Gesetzeslage für solche Fälle - und bis es eine Regelung gibt, wird sich das leidvolle Schicksal der Nepalesen wiederholen - immer wieder.


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