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Für Fidel zum 80.: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Seit rund zehn Jahren lebt der Journalist Henky Hentschel in Kuba. Auch wenn der Alltag dort mit Hindernissen gespickt ist, genießt er die Errungenschaften der Revolution. Fidel Castro wünscht er deshalb auch einen angenehmen Geburtstag.

Vielleicht ist es ja tatsächlich so weit, dass die Amis kommen, dass die Waffen sprechen und die kubanische Revolution auf dem Scheiterhaufen der Geschichte landet. Natürlich denkt ein Vater in dieser Situation erst einmal an seine siebenjährige Tochter. Die geht auf eine Sonderschule für sehbehinderte Kinder, hat den ganzen Tag eine Augenärztin in ihrer Nähe, wird mit dem Schulbus von zu Hause abgeholt und bekommt in der Schule auch noch ihr Mittagessen. Die Kosten dafür: null. Das Werk der Revolution. Eines ihrer Werke. Bush hat angekündigt, dass er die Revolution zerstören wird. Sollte es ihm das gelingen und sollte danach noch jemand am Leben sein, muss ich meiner Tochter eine andere, garantiert sehr teure Schule suchen, und die Ärztin wird auch nicht billig kommen, vom Mittagessen und dem Transport ganz zu schweigen. Ich könnte es mir nicht leisten.

Meine Gedanken wandern zurück ins Jahr 1966: Die Bundesrepublik begann gerade, ein wenig Farbe zu gewinnen. Die APO, die außerparlamentarische Opposition, steuerte die rötlichen Töne bei. Fidel Castro war unser unbestrittener Held. Damals wurde er vierzig. Ich hatte einen guten Job beim Fernsehen, aber ich wollte nach Kuba. Nach allem, was so bekannt wurde, gingen da außerordentliche Dinge vor sich.

Ich schrieb einen Brief an Castro. Ich könne leidlich Filme machen, schrieb ich und fragte an, ob man auf der Insel einen wie mich brauchen könne. Ein Freund gab den Brief in der kubanischen Botschaft in Ost-Berlin ab. Nach zehn Wochen empfing ich ein Schreiben, das aussah, als sei es ein Privatbrief. Im Kuvert fand ich eine Adresse und die Aufforderung, mich in Verbindung zu setzen. Ich schrieb zurück.

Der Verfassungsschutz kam in sportlicher Kleidung

Zwei Wochen später kam der Verfassungsschutz in Form zweier Männer und sportlicher Kleidung. Man wolle keine Kommunisten in dieser Republik, und schon gar keine, die mit dem Ausland konspirierten, teilten mir die Männer mit. Dies hier sei ein demokratisches Land. Sie drohten mit "Maßnahmen", falls ich nicht aufhörte, Briefe an Fidel Castro zu schreiben. Ich verstand, und so erledigte sich mein Versuch, meinem Idol an die Hand zu gehen, von selbst.

Es sollte 28 Jahre dauern, bis das Leben mir eine zweite Chance bot. Ich lebte mit einer pechschwarzen Guatemaltin aus dem Stamm der Garifunas zusammen. Mayra hatte zwei Söhnchen. Der Vater, ein Franzos, war ein Habenichts. Aber mit oder ohne Geld - die Kinder hatten wegen ihrer Hautfarbe in Guatemala keine Zukunft. Aber wohin mit ihnen? Es gab zwei Möglichkeiten: Brasilien oder Kuba.

In Brasilien sprach und spricht man Portugiesisch - ein Hindernis. Außerdem war das Land weit weg. Kuba und seine Revolution waren nach Ansicht der gesamten Weltpresse bereits tot. Es war nur eine Frage der Zeit, wie lange Castro und sein Volk noch Widerstand leisten konnten.

Die Insel lag am Boden

Ich flog nach Havanna, um mir einen Eindruck zu verschaffen. Es stimmte, die Insel lag am Boden. Was die Menschen an Kalorien auftreiben konnten, reichte nicht zum Leben, war aber zu viel, um zu sterben. Der Dollar kostete 150 kubanische Pesos, und dafür gab es außer Speiseeis und Zigaretten nichts zu kaufen. Die Läden standen leer, oder waren geschlossen. Die Straßen lagen verwaist, denn für die Autos gab es kein Benzin mehr. Periodo Especial hieß diese Zeit im Sprachgebrauch der Regierung, die Besondere Zeit. Gemeint war damit Kriegswirtschaft in Friedenszeiten. Permanente Stromausfälle machten die Nächte noch dunkler.

"Das wird er nicht überstehen", dachte ich in meinen ersten Tagen in Havanna. "Das wird er nicht ueberstehen", verkündete die Weltpresse täglich aufs Neue. Die Spatzen pfiffen es von den Dächern, aber Castro überstand. Nach einer Woche glaubte ich zu verstehen: die Menschen hier waren daran gewöhnt zu kämpfen und zu darben. Sie hatten einiges hinter sich in diesem Jahrhundert: Machad, Batista, die Revolution. Und sie vertrauten Fidel Castro. Nach einigen weiteren Tagen in Havanna wurde mir noch etwas klar: diese von Kultur überbordende Stadt war auch ein Hort von Überzeugungen und, man kann es kaum glauben, von Lebenslust. In jeder Pfütze Licht in den dunklen Strassen sangen und tanzten die Menschen.

Lässig gekleidete schöne Frauen, genossen von Touristen, mit denen sie durch die wenigen Bars zogen. Und die Geldsendungen der Verwandten im Ausland hielten ein vages Gleichgewicht zwischen Entbehrungen und Lustgewinn aufrecht.

Meine Wahl war getroffen: Ich setzte auf die Kubaner und ihren Fidel. Mayra, die Kinder und ich brachen alle Zelte hinter uns ab und zogen um nach Havanna. Zogen um ins Reich Castros, der wie ein König herrschte.

Langsam, sehr langsam ging es dann wieder aufwärts mit der Insel. Die Stromausfälle wurden kürzer. In den Regalen der Geschäfte standen wieder Dinge, die man kaufen konnte. Neue Touristenhotels öffneten und brachten Arbeit. Irgendwann gab es auch wieder Benzin, Taxis und Lastwagen voller Obst und Gemuese. Die Prostitution dämmte der Staat nach ihrem Boom Mitte und Ende der neunziger Jahre auf Normalmass ein. Es kamen mehr und mehr Touristen.

Jetzt wird er achtzig und liegt im Bett

Fidel Castro hatte den Kampf seines Lebens gewonnen. Jetzt wird er achtzig und liegt im Bett. In Miami haben die Anticastristen zum soundsovielten Mall die Messer gewetzt und die Koffer gepackt. Aber dem alten Mann in seinem Krankenhausbett erweist au dem ganzen Erdball ein großer Teil der Menschen Zuneigung und Bewunderung.

Ich denke, es war richtig, hierher zu ziehen. Das Leben hier, der schlichte Alltag, ist gespickt mit Hindernissen, und über allem hängt weiterhin das Damoklesschwert der Invasion. Mit Fidels Krankheit haben die Hardliner in Washington und Miami dieses Schwert wieder ein Stückchen herunter gelassen.

Castro hat erst einmal seinen Geburtstag vom 13. August auf den 2. Dezember, verlegt, den 50. Jahrestag der Landung der Yacht Granma. Bis dahin will er wieder gesund sein. Zuzutrauen wäre es ihm. Ich wünsche ihm einen angenehmen Geburtstag, ob verschoben oder nicht.

Henky Hentschel
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