Geheimdienst-Affäre CIA entführte auch in Schweden


Hanan Attia konne nicht glauben, dass ihrem Mann etwas Schlimmes zugestoßen sein sollte - schließlich lebte sie in Schweden, einem freien Land. Doch am 18. Dezember 2001 wurden Ahmed Agiza und andere mutmaßliche Terroristen von der CIA entführt, nach Kairo geflogen und gefoltert.
Von Steffen Gassel

"Unser Asylantrag ist abgelehnt. Ruf den Anwalt an." Das sind die letzten Worte, die Hanan Attia ihren Mann sagen hört. Dann wird die Leitung unterbrochen. Es ist der 18. Dezember 2001, kurz nach 17 Uhr. Eigentlich hätte Ahmed Agiza jeden Moment von seinem Sprachkurs nach Hause kommen müssen. Stattdessen hält ein Auto mit drei Männern vor der Sozialwohnung im westschwedischen Karlstadt. Sie wollen die Medikamente abholen, die Ahmed wegen eines Darmgeschwürs täglich einnehmen muss. Hanan schickt ihren zehnjährigen Sohn mit der Packung nach draußen.

"Wir sind ja im sicheren Schweden - hier hat schon alles seine Ordnung"

Hanan bekommt es mit der Angst zu tun. Sie ruft den Anwalt an. Der weiß nichts von einem negativen Bescheid auf den Asylantrag. Auch die Dame von der schwedischen Sektion von Amnesty International beruhigt sie: "Solange ihr keinen offiziellen Brief bekommen habt, kann euch nichts passieren." Da beruhigt sich Hanan ein wenig. 'Wir sind ja im sicheren Schweden', denkt sie sich. 'Hier hat schon alles seine Ordnung'."

Heute weiß die 41-jährige Ägypterin es besser. Denn heute weiß sie, was an jenem Winterabend vor vier Jahren geschah.

Um 16.55 nimmt ein Greiftrupp der Geheimpolizei Ahmed Agiza, damals 39 Jahre alt, auf dem Heimweg fest. Fünf Minuten nach Agizas Verhaftung greift die Säpo noch einmal zu: In Stockholm wird ein weiterer Ägypter, Mohammed al Zery, an seinem Arbeitsplatz verhaftet. Gegen halb neun am selben Abend treffen Wagen mit beiden Gefangenen am dem Flughafen Bromma in der schwedischen Hauptstadt ein. Kurz vor 21 Uhr landet dort ein Gulfstream-Jet mit der US-Registrierungsnummer N379P. An Bord: Sieben oder acht vermummte US-Agenten, ein Arzt und zwei ägyptische Offizielle.

"Mir war klar: Das machen die nicht zum ersten Mal"

Von nun an übernehmen die Amerikaner die Kontrolle: In der Polizeistation des Flughafens schneiden sie den Gefangenen mit Scheren die Kleider vom Leib, untersuchen ihre Haare, Ohren und Zähne. Sie zwingen die Männer, sich vorwärts zu lehnen, verabreichen ihnen Zäpfchen mit einem Beruhigungsmittel und legen ihnen Windeln an. Anschließend stecken sie die Ägypter in Overalls, fotografieren sie, verbinden ihnen dann die Augen und ziehen ihnen dunkle Säcke über die Köpfe. Während der Prozedur wird kaum gesprochen, jeder Handgriff der Amerikaner sitzt.

"Mir war klar: Das machen die nicht zum ersten Mal", sagt ein schwedischer Flughafenpolizist später, einer der wenigen Zeugen der Aktion. Trotz der eisigen Kälte werden die Gefangenen barfuß über die Landebahn zum wartenden Flugzeug der Amerikaner geführt. Kurz vor 22 Uhr hebt der Jet in Bromma ab. Flugziel: Kairo. In ägyptischen Gefängnissen werden Ahmed Agiza und Mohammed al Zery in den folgenden Monaten mit Elektroschocks, Schlägen und Schlafentzug schwer gefoltert. Als Agizas Eltern ihren Sohn Ende Januar 2002 das erste Mal in der Haft besuchen dürfen, ist sein Gesicht verschwollen und seine Nase von Blutergüssen entstellt. Er zieht ein Bein beim Gehen nach und ist zu schwach, seinem Vater die Hand zu geben.

Die schwedische Regierung wollte von Folter erstmal nichts wissen

Auch der schwedische Botschafter, der am selben Tag ins Gefängnis kommt, berichtet nach Hause, Agiza habe ihm von Folterungen erzählt. Doch auf Nachfrage des UN-Anti-Folter-Komitees CAT, das sich inzwischen mit dem Fall beschäftigt, erklärt die Regierung in Stockholm zunächst, von Folter habe man nichts gehört. Im Gegenteil: Die ägyptische Regierung habe versprochen, Agiza und al Zery nicht zu foltern. Dabei wissen die schwedischen Behörden: Die beiden Männer haben ihre Heimat verlassen, weil sie als Angehörige der islamistischen Opposition gegen das Regime in Kairo jahrelang verfolgt worden waren.

Ahmed Agiza hatte nach der Ermordung des Präsidenten Anwar Sadat Anfang der 80er Jahre eineinhalb Jahre in ägyptischen Kerkern verbracht und war dort gefoltert worden.

Dass die CIA in den Fall verwickelt ist, kommt erst 2004 ans Licht. Reporter des schwedischen Fernsehkanals TV4 verfolgen die Spur des Gulfstream-Jets. Die Registrierungsnummer führt zu einer Firma im US-Bundesstaat Virginia. Das Flugzeug sei auf längere Zeit an die US-Regierung vermietet, heißt es dort.

Der Justiz-Ombudsmann des schwedischen Parlaments übt im März dieses Jahres scharfe Kritik an Regierung und Polizei: Die Behörden hätten schwedische Hoheitsrechte preisgegeben, die Ägypter seien erniedrigend behandelt worden, die Behörden hätten sich den Amerikanern gegenüber viel zu passiv verhalten. Verantwortung für den Skandal will in Schweden aber immer noch niemand übernehmen. Ein dunkler Schatten fällt auf das Erbe der ermordeten Außenministern Anna Lindh. Sie soll grünes Licht für die Abschiebung und die Übergabe der Ägypter an die CIA gegeben haben. Das Außenministerium bestreitet das.

Ahmed Agiza erhielt in Ägypten 15 Jahre Gefängnis

Auf welcher Grundlage die schwedische Regierung beschloss, die Männer auszuweisen, ist bis heute nicht klar. Lindhs Nachfolger Dahlgren gibt 2004 zu Protokoll, die beiden Ägypter hätten in Schweden einen Anschlag geplant. Beweise bleibt er schuldig.

Mohammed al Zery wird 2003 aus dem Gefängnis entlassen, ohne Gerichtsurteil. Trotzdem darf er Ägypten nicht verlassen und steht weiter unter Beobachtung des ägyptischen Geheimdienstes. Journalisten dürfen nicht mit ihm sprechen. Ahmed Agiza wird von einem ägyptischen Militärgericht zu 25 Jahren Haft verurteilt. Später reduzieren die Behörden die Strafe auf 15 Jahre.

Hanan Attia versteckt sich nach der Entführung ihres Mannes mit ihren Kindern monatelang bei Bekannten. 2003 bekommt sie Asyl zunächst "aus humanitären Gründen". Erst später, nach einer Revision, erkennen die Behörden an, dass sie in ihrer Heimat politisch verfolgt wurde. Schwedische Freunde beglückwünschen sie mit einem geflochtenen Kranz aus Kornblumen und Rosen in Gelb und Blau, den schwedischen Nationalfarben. Der hängt immer noch an der Wand in ihrem Wohnzimmer.

Mit Hilfe von Menschenrechtsorganisationen kämpft sie weiter für die Freilassung ihres Mannes. "Ich fühle mich zu Hause hier", sagt Hanan Attia. "Ich mag die Schweden. Das sind sehr warmherzige und höfliche Menschen. Manchmal suche ich sogar nach einer Entschuldigung für das, was ihre Regierung uns angetan hat. Aber das gelingt mit nicht."


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