Geisel-Schicksal Dramatische Suche nach der Wahrheit


Verwirrung um die beiden deutschen Geiseln in Afghanistan: Sie seien hingerichtet worden, meldeten die Taliban am Morgen. Eine Geisel sei an Erschöpfung gestorben, die andere lebe, hieß es danach aus Kabul. Waren die Erpresser, die den Abzug der Deutschen aus Afghanistan forderten, nur Trittbrettfahrer?

Das Drama eskaliert im Stundentakt. Mit Bangen sieht man am frühen Samstagmorgen im Auswärtigen Amt in Berlin die Zeiger der Uhren vorrücken. Tag und Nacht arbeitet dort in einem bunkerähnlichen Kellerraum das Lagezentrum, der Krisenstab tagt. Um 9.30 Uhr deutscher Zeit soll das Ultimatum ablaufen, das ein Mann am Vortag im Namen der radikal-islamischen Taliban gestellt hat: Wenn es bis dahin kein Signal für den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan gebe, würden die beiden am Mittwoch im Süden des Landes entführten deutschen Bauingeniere getötet, hatte er gedroht.

Todesdrohung per Telefon

Über die beiden Männer, die neben 5 Afghanen und 18 Südkoreanern als Geiseln genommen wurden, ist der Öffentlichkeit zu der Zeit nur wenig bekannt. Sie sollen für ein in Kabul ansässiges Unternehmen an einem Dammbauprojekt beteiligt gewesen sein. Auch über die Identität des Taliban-Sprechers besteht Ungewissheit - das Auswärtige Amt hatte noch am Freitag Skepsis erkennen lassen, dass dieser Jussif Ahmadi tatsächlich für die Taliban spricht.

Doch wenige Minuten vor Ablauf des Ultimatums meldet er sich am Samstag erneut. Kurz nach 9 Uhr bekräftigt er in einem Telefonat mit der Deutschen Presse-Agentur DPA und anderen Nachrichtenagenturen seine Todesdrohung. Dann - eine knappe Stunde später - in einem weiteren Telefonat die bestürzende Nachricht: "Eine der Geiseln wurde um 12.05 Uhr afghanischer Zeit (9.35 deutscher Zeit) getötet."

Verhandeln ja, politisch nachgeben nein

Doch für Trauer und Erschütterung bleibt den Beamten im Auswärtigen Amt und den einbezogenen Experten der Geheimdienste keine Zeit. Sie brauchen dringend eine unabhängige Bestätigung für die Aussage. Und Ahmadi erhöht den Druck noch. Eine Stunde gibt er der Bundesregierung, um die Forderung zu erfüllen - um 10.30 Uhr deutscher Zeit werde sonst die zweite Geisel erschossen. Um 11.21 Uhr ist er dann erneut am Telefon: Die Taliban hätten 20 Minuten nach Ablauf ihres zweiten Ultimatums auch den zweiten Deutschen erschossen, so sagt er.

Die Morde begründet Ahmadi mit einer Äußerung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in der "Passauer Neuen Presse", die die Nachrichtenagenturen in der Nacht zuvor verbreitet hatten. Darin hatte sie die Forderung der Geiselnehmer zurückgewiesen: "Wir dürfen jetzt nicht mit unseren Anstrengungen nachlassen", sagte sie mit Blick auf das deutsche Engagement in Afghanistan.

Merkel selbst hat sich bereits früh auf eine solche Lage vorbereitet, wie sie alle Kanzler in den vergangenen 30 Jahren durchmachen mussten. Wie sie 2005 in kleinem Kreis berichtete, beschäftigte sie sich besonders mit der Situation Helmut Schmidts 1977, als erst Arbeitgeber-Präsident Hanns-Martin Schleyer von der RAF und wenig später eine Lufthansa-Maschine von arabischen Terroristen entführt wurde. Er traf damals die nach eigenem Bekunden schwerste Entscheidung seines Lebens und blieb hart: Ein Polizeikommando stürmte das Flugzeug und befreite die Geiseln - die RAF ermordete Schleyer.

Inzwischen ist Merkel mehrfach mit Geiselnahmen konfrontiert gewesen, bei denen auch politische Forderungen erhoben wurden. Trotz unbestätigter Berichte über Lösegeldzahlungen blieb die Haltung der Bundesregierung dabei stets klar: Verhandeln ja, politisch nachgeben nein.

Hoffnung aus Kabul

Unklar bleibt dagegen am Samstag zunächst das tatsächliche Schicksal der Geiseln in Afghanistan. Eine unabhängige Bestätigung für ihren Tod gibt es nicht. Am Nachmittag keimt dann ein wenig Hoffnung: Das Außenministerium in Kabul berichtet, einer der beiden Männer sei erkrankt gewesen und bereits am Freitag an Erschöpfung gestorben, der andere aber lebe. Die Bemühungen um seine Freilassung gingen weiter, heißt es aus Kabul. Aus dem Krisenstab in Berlin dringt weiter nichts nach außen.

Allerdings ließe der Druck auf die Bundesregierung selbst bei erfolgreicher Verhandlung nicht nach: Im Irak ist noch der Sohn der vor kurzem freigelassenen Hannelore Krause entführt - die Forderung der Geiselnehmer ist identisch mit der der Entführer am Hindukusch: Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan.

Christian Andresen/DPA DPA

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