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Geiseldrama: Beslan beerdigt seine Toten

Nach dem beispiellosen Blutbad in der Schule von Beslan haben die Einwohner der Kaukasus-Stadt am Sonntag damit begonnen, Abschied von ihren Toten zu nehmen.

Hunderte von Menschen versammelten sich auf dem Friedhof, als die erste Trauerprozession eintraf. Die Zahl der Opfer wurde offiziell mit 338 angegeben. Das Gesundheitsministerium der Teilrepublik Nordossetien ging inoffiziell sogar von 460 Todesopfern aus, wie die Internetzeitung "gazeta.ru" berichtete. Landesweit wurde in russisch-orthodoxen Kirchen für die Opfer von Beslan gebetet.

Unter Tränen verfolgten Männer und Frauen, wie die Särge der Schwestern Ira (13) und Alina Tetowa (16) in die Erde gesenkt wurden. Als der Sarg des 16-jährigen Alan Gajtow in das Grab herabgelassen wurde, fiel dessen Mutter mit lautem Wehklagen auf die Knie. «Schießt doch auf mich, aber ermordet keine Kinder», rief sie anklagend. Insgesamt wollten am Sonntag 20 Familien in Beslan ihre toten Angehörigen beerdigen. Vertreter des Kremls waren nicht zu den Begräbnissen gekommen.

Präsident Wladimir Putin gestand in einer Fernsehansprache Schwächen bei der Erkennung und Begegnung der terroristischen Gefahr ein. Moskau sei nicht in der Lage gewesen, auf diese Gefahren angemessen zu reagieren. Putin kündigte als erste Konsequenz eine Umgruppierung der Sicherheitskräfte im gesamten Kaukasus an. Der internationale Terrorismus führe einen "totalen und brutalen Krieg" gegen Russland. Niemand in Russland dürfe erwarten, dass das Leiden schon bald ein Ende habe. Für Montag und Dienstag ordnete er Staatstrauer an.

Der liberale russische Oppositionspolitiker Wladimir Ryschkow forderte einen unabhängigen Untersuchungsausschuss. Sonst werde das russische Volk "die Wahrheit nie erfahren", sagte der Duma-Abgeordnete dem "Handelsblatt".

Fast 200 Menschen werden noch vermisst

In den Kliniken Beslans und der Teilrepublik Nord-Ossetien am Sonntag noch 447 Verletzte behandelt. Der Gesundheitszustand von 58 Patienten wurde von den Ärzten als kritisch beschrieben. Insgesamt hatten die Terroristen am vergangenen Mittwoch nach offiziellen Angaben 1.180 Menschen in ihre Gewalt gebracht. Von ihnen galten 191 am Sonntag noch als vermisst. In den Krankenhäusern und Leichenschauhäusern suchten verzweifelte Angehörige weiter nach Angehörigen.

Die Behörden korrigierten unterdessen erneut die Zahl der beteiligten Terroristen. Nach Angaben von Russlands Vize-Generalstaatsanwalt Sergej Fridinski waren in der Schule 32 Geiselnehmer. "Bisher haben wir die Leichen von 30 Terroristen entdeckt", sagte er. Neben Tschetschenen, Inguschen, Kasachen und Arabern hätten auch Vertreter "slawischer Nationalität" zu den Terroristen gehört.

Innenminister tritt zurück

Im Zusammenhang mit der Geiseltragödie wurden am Sonntag in Beslan zwei Männer und eine Frau festgenommen. Alle drei seien "geständig", hieß es dazu aus dem nordossetischen Innenministerium. Von ihren Aussagen erhofften sich die Behörden Hinweise auf die Drahtzieher der Geiselnahme. Schon am Vortag hatten Ermittler erklärt, dass die Aktion der Terroristen offenbar von langer Hand vorbereitet worden sei. Als Indiz dafür führten sie große Mengen an Waffen und Sprengstoff an, die schon "einige Zeit" vor der Aktion, die am ersten Schultag in Russland begonnen hatte, in dem Gebäude versteckt worden seien.

In einer ersten politischen Reaktion auf die Tragödie reichte am Sonntag der nordossetische Innenminister Kasbek Dsantijew seinen Rücktritt ein. "Nach allem, was geschehen ist, kann ich es als Offizier nicht verantworten, noch auf diesem Posten zu bleiben", sagte er.

Der blutige Ausgang des Geiseldramas löste weltweit Erschütterung aus

In Moskau wollte der Föderationsrat über eine Verschärfung der Anti-Terror-Gesetze beraten. "Es geht beispielsweise um härtere Strafen für den Transport von Sprengstoffen, Unterstützung von Terroristen und der Vorbereitung von Terroranschlägen", erklärte Senator Stanislaw Wawilow die Pläne der Regionenvertretung.

Der blutige Ausgang des Geiseldramas löste weltweit Erschütterung aus. US-Präsident George W. Bush sicherte Russland Unterstützung beim Kampf gegen Terroristen zu. Papst Johannes Paul II. äußerte sich entsetzt. Zugleich warnte Johannes Paul II. Moskau indirekt vor einer weiteren Zuspitzung der Lage im Kaukasus: "Die Spirale von Hass und Gewalt darf nicht die Oberhand gewinnen."