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Mord an Anna Politkowskaja: "Wir wollen nicht länger Sklaven sein"

Sie war die mutigste Journalistin Russlands, und sie hatte Angst um ihr Leben. Doch nie wäre ihr in den Sinn gekommen aufzuhören. Jetzt wurde Anna Politkowskaja in Moskau mit zwei Schüssen aus einer Makarow-Pistole ermordet.

Ein Nachruf von Bettina Sengling und Katja Gloger

Es ist nicht so, dass Anna Politkowskaja mit dem Tod nicht gerechnet hätte. Natürlich habe sie "fürchterliche Angst" um ihr Leben, sagte sie uns noch vor wenigen Monaten. Anna Politkowskaja wusste, wie gefährlich die neue Zeit des Wladimir Putin ist, die der alten sowjetischen Zeit immer ähnlicher wird.

Zu oft ist sie denen, die hinter ihr her waren, schon abgehauen. 2002 jagte der russische Geheimdienst FSB die unbequeme Journalistin in Tschetschenien. Man wollte sie verhaften, sie floh, lief nachts zu Fuß durch das fremde Land, in der Hoffnung auf ein Wunder. "Ich bin gerannt, weil ich leben wollte", erklärte sie kurz, denn sie mochte es nicht, zu viel von sich zu sprechen.

Sie kämpfte sich immer durch

2004 wäre sie beinahe durch einen Giftanschlag ums Leben gekommen. Sie war gerade auf dem Weg nach Beslan, zu der von tschetschenischen Terroristen besetzten Grundschule, die Hunderte Kinder als Geisel genommen hatten. Zunächst wollte ihr Chefredakteur sie nicht fahren lassen, aus Angst um sie. Dann fand sich im Flugzeug kein Platz für sie. Sie kämpfte sich durch - wie immer.

Sie nahm sich ihr Essen immer selbst mit

Damals hatte sich Anna schon länger angewöhnt, in der Öffentlichkeit nicht zu essen - aus Furcht vor Gift. "Ich nehme alles von zuhause mit", erzählte sie bei unserer letzten Begegnung, "eine Vorsichtsmaßnahme". Im Flugzeug aß sie nur einen Joghurt, sie hatte ihn in ihrer Tasche aus Moskau mitgebracht. Aber sie hatte Durst und bestellte bei der Stewardeß Tee. "Das war unvorsichtig und ein Fehler", urteilte sie später streng über sich. Sie brach zusammen, sie starb fast. "Es waren wunderbare und mutige Ärzte in Rostow, denen ich mein Leben verdanke." Nie wurde geklärt, wer sie töten wollte, aber Anna war sich sicher, es war der russische Geheimdienst.

Hoffen auf den Schutz der Öffentlichkeit

Sie machte sich keine Illusionen darüber, wie wenig ein Mensch im neuen Russland noch zählt. Vor wenigen Monaten, auf offener Straße in Moskau, da hatten Unbekannte versucht, sie aus dem Auto zu zerren. Immer öfter drängten ihre erwachsenen Kinder, ein Sohn und Tochter, ihre Mutter möge endlich aufhören mit diesem gefährlichen Job. Aber das ging nicht. Sie hoffte, die Öffentlichkeit werde ihr Schutz geben. Das war auch der Grund, warum sie Preise, Ehrungen annahm, dafür ins Ausland reiste.

Unauffällige Erscheinung

Sie war so klein, so unauffällig, die Haare schon grau, die unmodische Brille, auf der Straße würde man sie übersehen. Doch ihr Auftreten war glasklar und fest entschlossen. Freundlich, hilfsbereit und stets vollkommen kompromisslos, wenn es um die Sache ging. Um das, was man Wahrheit nennt. Sie war niemals käuflich. Und das machte Anna Stepanowna Politkowskaja zu einer moralischen Instanz in einem Land, in dem sonst alles käuflich ist. Die Macht ebenso wie die Moral.

Moralische Instanz in Russland

Sie bekümmerte das Leid anderer Menschen. Der unschuldigen Opfer in den Kriegen um die Macht. Sie bewunderte den Mut, mit dem ihre Landsleute dem russischen Leben und dem immer allmächtigeren Staat trotzten, jeder auf seine Art. Sie half vielen, doch immer fanden sich Menschen, die auch ihr halfen. Die Risiken auf sich nahmen, um ihre Arbeit zu ermöglichen. Sie hätte ausreisen können. Ihre Eltern hatten bei der sowjetischen Vertretung der UN gearbeitet, sie wurde in den USA geboren und hatte deshalb auch einen amerikanischen Pass. Aber Russland verlassen, das wäre ihr nie in den Sinn gekommen.

Folter, Korruption und Krieg waren ihre Themen

Sie schreibe lediglich emotionale Randnotizen zum Leben im heutigen Russland, sagte sie einmal. Das war maßlos untertrieben. Anna schrieb Hunderte erstklassige Enthüllungsgeschichten, ausgewachsene Reportagen, sie spekulierte nicht, sie hatte Fakten. Dutzende Male reiste sie in den Mehrfrontenkrieg nach Tschetschenien, ihr großes Thema. Berichtete über die Schandtaten der russischen Armee und des Geheimdienstes, über Folter, Korruption, die Entführungsindustrie. Sie berichtete über die Schandtaten der tschetschenischen Warlords, über deren Folter, Korruption, die Entführungsindustrie. Warum sie immer weitermachte, allen Gefahren zum trotz? "Nado", sagte sie knapp. "Es muss eben sein."

Hoffnungsträger für Unterdrückte

Die Geschichten der Anna Politkowskaja waren auch ihre Aufgaben. Das klingt altmodisch. Doch es stimmt. Sie schrieb über misshandelte tschetschenische Häftlinge und über die jungen, russischen Soldaten, die in der Armee von Offizieren zu Tode gequält werden. Sie berichtete über verschwundene Kriegsgefangene, über Opfer von Polizeigewalt und Willkür, über vergewaltigte Frauen. Sie konnte auch privat lange und ausführlich von ihren Fällen berichten, sie verfolgte sie ausnahmslos, sie half mit Anwälten und ging den Behörden beharrlich auf die Nerven. Sie wählte nie den leichtesten Weg. Mit den notorisch korrupten Moskauer Verkehrspolizisten stritt sie aus Prinzip so lange, bis diese entnervt aufgaben.

Als Unterhändlerin bei Musical-Geiselnahme

Wo sie war, atmeten Menschen auf. Das klingt kitschig, doch es stimmt. Wenn sie berichten würde, könnte es Hoffnung auf ein bisschen Gerechtigkeit geben. So war es im grausamen Oktober 2002, als tschetschenische Terroristen Hunderte Besucher des Moskauer Musicals "Nord-Ost" als Geisel nahmen. Sie forderten Anna Politkowskaja als Unterhändlerin für Verhandlungen. Sie konnte den Sturm der russischen Armee nicht verhindern, den Tod von beinahe 200 Menschen. Doch sie recherchierte, sie schrieb, hartnäckig, jahrelang. Sie klagte an - bis zuletzt.

Sie vergaß nichts, sie erinnerte Namen und Orte, beinahe detailversessen zitierte sie Gerichtsbeschlüsse und Einsprüche mit Datum. Immer wieder recherchierte sie über Verbrechen des Geheimdienstes FSB. Sie vermutete, dass der FSB hinter Bombenexplosionen im Kaukasus steckte, die angeblich Terroristen begangen hatten. Sie fragte sich, warum der tschetschenische Präsident Aslan Maschadow getötet wurde - als dieser gerade einen Friedensprozess begann. Sie verdächtigte den Geheimdienst, den Sturm auf die Beslaner Grundschule begonnen zu haben, bei dem Hunderte Kinder starben. Sie hielt den Staat für mitleidlos. Sie hasste Putins Russland.

Terminkalender eines Managers

Sie war gnadenlos anspruchsvoll gegenüber sich selbst, diktierte sich oft den Stundenplan eines Managers, ihre Tage waren über Wochen ausgebucht. Am Schreibtisch in ihrem Moskauer Redaktionsbüro wirkte sie manchmal wie getrieben. Längst war sie Ansprechpartner und Hoffnung für viel zu viele Menschen. Was sie sich vorgenommen hatte, war kaum zu schaffen.

Sie fürchtete, ihre Zeitung "Nowaja Gaseta" könne aus irgendeinem Vorwand heraus eingestellt werden: In der gleichgeschalteten Moskauer Presselandschaft wirkt sie wie ein Fremdkörper, es ist das letzte durch und durch kritische Blatt. "Manchmal wissen wir nicht, ob eine Ausgabe erscheinen kann oder nicht", sagte sie. Sie würde weitermachen, so lange es geht.

Geld interessierte sie nicht

Ruhm, Ehre, das interessierte sie nicht sonderlich. Auch Geld nicht, obwohl sie als Redakteurin umgerechnet kaum tausend Euro verdiente. Als sie während einer Podiumsdiskussion bei Gruner und Jahr in Hamburg im vergangenen Jahr gefragt wurde, wie sich ihr Buch "In Putins Russland" verkaufe, verstand sie die Frage kaum. "Das weiß ich nicht", sagte sie und fügte dann hinzu: "Das war auch nicht der Grund, warum ich es geschrieben habe."

Verzweiflung über Europas Desinteresse

Sie verzweifelte über die elende Doppelmoral des Westens und seine geschmeidigen Politiker. "Europa gewährt uns das Recht, unter Putin allein vor uns hin zu sterben", schrieb sie wütend in ihrem Buch, das bislang in Russland nicht erschien. "Wir wollen aber nicht sterben, wir schlagen um uns, wir versuchen, freizukommen, zu überleben, unsere neu gewonnene Demokratie zu retten. Wir wollen nicht länger Sklaven sein. Wir bestehen auf persönlicher Freiheit. Wir fordern sie. Wir lieben sie so sehr, wie Sie sie lieben."

Anna Politkowskaja war mutig, aber nicht todesmutig, sie liebte das Leben. "Ich möchte in einer Welt leben, in der jedes Individuum geachtet ist", sagte sie einmal. Und einen anderen Traum hatte sie auch. Sie hätte sehr gerne Enkel gehabt. Anna Politkowskaja wurde 48 Jahre alt.

Bettina Sengling und Katja Gloger arbeiteten als Stern-Korrespondentinnen in Moskau, sie kannten Anna Politkowskaja lange.