Terror in Russland Putin kennt nur die Sprache der Härte


Mit seinem Mitgefühl für die Angehörigen der Geiseltragödie von Beslan hielt sich Präsident Wladimir Putin nicht lange auf.

"In der Geschichte Russlands gab es nicht wenige tragische Seiten und schwere Ereignisse", betonte der Kremlchef, um dann zum eigentlichen Anliegen seiner Fernsehansprache zu kommen. Der internationale Terrorismus habe Russland einen "totalen, brutalen und allumfassenden Krieg erklärt", bekräftigte Putin. Niemand in Russland dürfe erwarten, dass das Leiden schon bald ein Ende habe.

Dem Schmerz, der Trauer und der Wut der Angehörigen ging Putin bei seinem Kurzbesuch in Beslan aus dem Weg. Noch in der Nacht nach der gewaltsamen Erstürmung des Schulgebäudes war er aus dem rund 1.500 Kilometer entfernten Moskau für ein paar Stunden angereist. Das Staatsfernsehen zeigte Putins hilflose Gesten beim Versuch, im Krankenhaus Worte an apathisch wirkende Opfer zu richten.

Laut Einsatzstab hätten die Terroristen keine Forderung gestellt

Später, bei einer improvisierten Krisensitzung mit den Sicherheitsorganen der Region, kam Putin kein öffentliches Wort der Kritik über die Lippen. Dabei deutet vieles darauf hin, dass auch bei dieser Geiselnahme vieles in Wahrheit nicht so war, wie es die Sicherheitskräfte in der Öffentlichkeit darstellten.

Wieso, fragen russische Journalisten in Moskau, gab es im Interesse der Kinder, Eltern und Lehrer keine Verhandlungen mit den Terroristen? Die Geiselnehmer hätten keine Forderungen gestellt, behauptete der Einsatzstab. Doch das ist offensichtlich gelogen. Selbst ein Berater Putins vor Ort bestätigte, dass die Terroristen Kampfgenossen aus den Gefängnissen in der Region freipressen wollten. Diese Spur führt nicht zu dem von Putin propagierten "internationalen Terrorismus", sondern zum hausgemachten Konflikt im Nordkaukasus, der sich über die Grenzen Tschetscheniens längst auch auf das benachbarte Inguschetien ausgebreitet hat.

Geiseln bestätigen ausländische Identität der Terroristen nicht

Der Verlauf der Tragödie wirft ein äußerst schlechtes Licht auf die vom Kreml in den Teilrepubliken installierten Statthalter. Obwohl die Terroristen ein Gespräch mit dem inguschetischen Präsidenten Murat Sjasikow verlangten, ließ sich der frühere Geheimdienstgeneral nicht in Beslan blicken. Auch der noch zu Wochenbeginn vom Kreml als großer Sieger bei der Tschetschenienwahl gefeierte Alu Alchanow war nicht zur Stelle, um mit Tschetschenen unter den Terroristen über eine Freilassung der Geiseln zu verhandeln.

Wenn der Kremlchef das Geiseldrama von Beslan als Werk des internationalen Terrorismus sehen möchte, ist dies seinen Sicherheitskräften Befehl. Die letzten Gefechte zwischen geflohenen Geiselnehmern und Einsatzkräften waren noch im Gange, als der Geheimdienst schon ganz genau über die Identität der Terroristen Auskunft gab. Neun Araber und ein Schwarzer seien darunter, hieß es. Doch auch zwei Tage nach dem Ende des Dramas kann sich keine der Geiseln an ausländische Terroristen in der Schule erinnern.

Hat die El Kaida sich den Nordkaukasus als Betätigungsfeld ausgesucht?

Selbst Kritiker der Politik Putins bezweifeln nicht, dass Terrornetzwerke wie El Kaida sich auch den Nordkaukasus als Betätigungsfeld ausgesucht haben, um dort die Lage zu destabilisieren. Zaghafte Überlegungen, vielleicht eine internationale Schutztruppe unter UN-Mandat zur Beruhigung der Lage in den Nordkaukasus zu lassen, werden vom Kreml im Keim erstickt.

Präsident Putin hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Großmacht Russland nach dem Chaos der post-sowjetischen Jahre wieder auferstehen zu lassen. Der Kremlchef genießt dafür weiterhin großen Rückhalt in der Bevölkerung, wenngleich dieser Großmacht-Status auch im fünften Amtsjahr Putins nur eine Illusion ist.

Stefan Voß, dpa


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