Geiseldrama in Russland 50 Kinder für einen toten Terroristen


Am ersten Tag im neuen Schuljahr haben Terroristen im russischen Nordkaukasus eine Schule überfallen und hunderte Geiseln genommen. Mittlerweile befinden sich noch 132 Kinder sowie Eltern und Lehrer in ihrer Gewalt. Und für jeden ihrer getöteten Mitkämpfer drohen die Entführer mit fünfzigfacher Vergeltung.

Am ersten Tag des neuen Schuljahres haben Terroristen im russischen Nordkaukasus eine Schule überfallen und bis zu 300 Kinder, Eltern und Lehrer in ihre Gewalt gebracht. Bei Schießereien starben am Mittwoch nach abweichenden Angaben zwei bis acht Geiseln.

Die mit Sprengstoffgürteln und Granatwerfern bewaffneten maskierten Terroristen forderten nach ersten Berichten den Abzug der russischen Armee aus Tschetschenien und die Freilassung von Gesinnungsgenossen aus dem Gefängnis.

Die Behörden sprachen am Abend von insgesamt 132 Kindern in der Gewalt der Geiselnehmer, unter denen sich auch Frauen befinden. "Nach konkretisierten Angaben halten sich in der überfallenen Schule in Beslan nicht wie ursprünglich gemeldet 150, sondern mehr als 300 Geiseln auf", teilte der Polizeichef von Nordossetien, Kasbek Dsantijew, mit. Unter den Geiseln sind viele Eltern und Lehrer. Die Polizei hat die Schule weiträumig abgesperrt. Es gelang ihr, Verhandlungen mit den Terroristen aufzunehmen.

Für einen getöteten Rebellen drohen sie 50 Kinder zu erschießen

Mehreren Kindern war unmittelbar nach dem Überfall die Flucht gelungen. Für den Fall eines Polizeieinsatzes drohten die Terroristen Vergeltung an. "Für jeden getöteten Rebellen wollen sie 50 Kinder töten und für jeden Verletzten 20 Kinder", sagte der Polizeichef von Nordossetien, Kasbek Dsantijew, nach Angaben von Itar-Tass. Viele der Geiseln seien Erst- und Zweitklässler

Unter den toten Geiseln in der Stadt Beslan sind nach Behördenangaben keine Kinder. Ein Terrorist soll bei einem Schusswechsel mit Wachpersonal getötet worden sein. Der Einsatzstab dementierte eine Meldung der Agentur Itar-Tass, wonach am Nachmittag eine Gruppe von 15 Kindern das Gebäude verlassen durfte.

Einsatzkräfte von Polizei und Inlandsgeheimdienst FSB riegelten die Schule in Beslan, 50 Kilometer westlich von Tschetschenien, weiträumig ab. Die Geiselnehmer forderten direkte Verhandlungen mit den Führern der Teilrepubliken Nordossetien und Inguschetien. Russische Sprecher dementierten später, dass die Terroristen die politische Forderung nach einem Truppenabzug erhoben hätten.

Überall Minen und Sprengfallen

"Die Lage der Geiseln ist extrem angespannt", teilte ein Sprecher des nordossetischen Präsidenten Alexander Dsasochow mit. In ersten Berichten vom Tatort war von bis zu 400 Geiseln die Rede, davon die Hälfte Kinder. Die etwa 15 bis 25 Terroristen trieben ihre Opfer in der Turnhalle der Schule zusammen. Kinder wurden als lebende Schutzschilde in die Fenster gestellt, berichtete die Polizei. "Die ganze Schule ist vermint, überall sind Sprengfallen installiert", sagte der russische Parlamentsabgeordnete Michail Markelow vor Ort.

Mehrere schwere Terroranschläge in den letzten Tagen

Es handelte sich um den dritten schweren Terroranschlag in Russland innerhalb von acht Tagen. Russland beantragte deshalb eine Dringlichkeitssitzung des Weltsicherheitsrates in New York. Erst am Dienstagabend waren bei einem Selbstmordanschlag im Norden Moskaus mindestens zehn Menschen gestorben. In der Vorwoche kamen 90 Menschen bei Anschlägen auf zwei russische Flugzeuge ums Leben.

Präsident Wladimir Putin traf sich in Moskau mit der Führung von Polizei und Geheimdienst. Der Überfall erinnert an die Geiselnahme im Moskauer Musicaltheater "Nordost" vor zwei Jahren, als tschetschenische Terroristen mehr als 800 Menschen in ihre Gewalt brachten. Nach drei Tagen Nervenkrieg stürmte die Polizei mit Hilfe eines Betäubungsgases das Gebäude. Damals kamen 129 Geiseln und alle 41 Terroristen ums Leben.

"Kriegserklärung an Russland"

Verteidigungsminister Sergej Iwanow sprach von einer "Kriegserklärung des internationalen Terrorismus an Russland". Am Vorabend hatte sich eine mutmaßlich aus Tschetschenien stammende Attentäterin vor dem belebten U-Bahnhof "Rischskaja" im Norden des Moskauer Stadtzentrums in die Luft gesprengt. Dabei wurden neben der Terroristin mindestens neun Passanten getötet und mehr als 50 verletzt.

Die Ermittler sehen nach Angaben der Moskauer Staatsanwaltschaft eine Verbindung zwischen der Bombenexplosion vom Dienstagabend und den Terroranschlägen auf zwei Passagierflugzeuge mit 90 Toten. Die mutmaßlichen Täterinnen sollen sich gekannt haben und gemeinsam nach Moskau gereist sein, hieß es. Die Verantwortung für die beiden Anschläge übernahm nach Medienberichten die in Russland bis dahin unbekannte Terrorgruppe "Islambuli-Brigade der El Kaida".

Russland hielt inzwischen den deutschen Behörden vor, zu nachsichtig mit tschetschenischen Attentätern zu verfahren. Organisationen wie die Deutsch-Kaukasische Gesellschaft könnten ungehindert auf Veranstaltungen für die Ziele dieser Terrorgruppen werben und sie materiell unterstützen. Dies sagte der russische Botschafter in Deutschland, Wladimir Kotenjew, am Mittwoch in Berlin.

DPA

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