Geiseldrama Schröder lehnt öffentliche Kritik an Putin ab


Für das blutige Ende des Geiseldramas in Beslan sind nach Überzeugung der Bundesregierung die Terroristen verantwortlich. Bundeskanzler Schröder lehnte öffentliche Kritik an der Tschetschenien-Politik Putins ab.

Nach dem blutigen Ende des Geiseldramas im Kaukasus hat Bundeskanzler Gerhard Schröder erneut öffentliche Kritik an der Tschetschenien-Politik des russischen Präsidenten Wladimir Putin abgelehnt. Jetzt sei nicht die Zeit für Ratschläge, sagte Schröder am Samstag nach der Kabinettsklausur in Bonn. Er erneuerte sein Angebot, ein Lazarettflugzeug der Bundeswehr bereitzustellen. "Wir sind gerne bereit, alles zur Verfügung zu stellen, was erforderlich ist." Die außenpolitischen Sprecher der Fraktionen von SPD, Grünen und CDU/CSU warnten vor einer vorschnellen Kritik an Putin. Gleichzeitig zeigten sie sich aber besorgt über dessen Tschetschenien-Politik.

Schröder sagte: "Wir haben immer vertreten, dass es eine politische Lösung geben muss." Dies setze jedoch voraus, dass es Verhandlungspartner gebe. Terroristen, die auf fliehende Kinder schießen, zählten nicht dazu. Einen Tag nach dem Ende des Geiseldramas in Beslan ist am Samstag die Zahl der Opfer drastisch gestiegen. Bis zum Nachmittag wurden aus der Schule, in der Terroristen tagelang ihre Geiseln gehalten hatten, mehr als 320 Leichen geborgen. Unter ihnen waren 155 Kinder. Die Zahl der Verletzten bezifferten die Behörden auf 704, darunter mehr als 200 Kinder.

"Putin konnte sich auf so etwas nicht einlassen"

Der Russland-Experte der SPD und Fraktions-Vize, Gernot Erler, sagte der "Berliner Zeitung", die EU und Deutschland müssten in Russland weiter für eine Veränderung der Tschetschenien-Politik werben: "Wir brauchen eine besonnene Korrektur, denn noch würde die Bevölkerung in Russland jedem martialischen Schritt zustimmen." Der SPD-Außenexperte Gert Weisskirchen sagte dem NDR: "Es ist eine Katastrophe, die da eingetreten ist, aber diese ist nicht Putin zuzuschreiben." Gleichzeitig kritisierte er jedoch, dass Putin das Problem mit Gewalt zu lösen versuche.

Der außenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Ludger Vollmer, sagte dem RBB, eine friedliche Lösung sei wegen der Gewaltbereitschaft der Geiselnehmer praktisch ausgeschlossen gewesen. Ein Nachgeben sei aber ebenfalls nicht in Frage gekommen. "Putin konnte sich auf so etwas nicht einlassen. Er war in einer Zwickmühle, in einem grauenhaften Dilemma, und wir sollten uns mit vorschnellen Urteilen etwas zurückhalten." Nach Vollmers Ansicht sind in Tschetschenien inzwischen vor allem "Kräfte von außen" am Werk, beispielsweise das internationale Terrornetzwerk el Kaida.

Internationale Lösung gefordert

Ähnlich argumentierte der außenpolitische Sprecher der Unions- Fraktion, Friedbert Pflüger (CDU). Er forderte Putin im NDR auf, die Angebote der internationalen Staatengemeinschaft anzunehmen. "Spätestens seitdem er (der Konflikt) islamisiert worden ist. Seitdem wir auch arabische Kämpfer dort haben, arabisches Geld dort haben, ist es ein internationaler Konflikt." Putin sollte deshalb die Angebote nutzen, "um hier an einer friedlichen Lösung des Konflikts mitzuwirken".

Der Ratvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, forderte die in Deutschland lebenden Muslime auf, sich noch deutlicher gegen den islamistischen Terror zu wenden. In der "Bild am Sonntag" nannte er als Beispiel französische Muslime, die sich im Irak für die Freilassung von zwei entführten Journalisten eingesetzt haben und dabei klar gemacht hätten, dass auch die Kritik am Verbot des Kopftuchs an Frankreichs Schulen niemals Entführung und Geiselnahme rechtfertigen könne. "Solche Klarheit wünsche ich mir auch von Muslimen in Deutschland. Ich bin sicher: Die Bilder aus Beslan haben sie genauso fassungslos verfolgt wie ich selbst", schrieb Huber.


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