General Egon Ramms "Wir müssen nicht ganz Afghanistan einnehmen"


Über die Lage in Afghanistan und die Unterschiede zwischen Nato-Einsätzen und der Terroristenjagd von US-Truppen sprach der stern mit dem deutschen Vier-Sterne-General Egon Ramms.

General Ramms, zwölfmal sind Sie vergangenes Jahr in Afghanistan gewesen, zuletzt im Dezember. Allein in den zwei Tagen Ihres Aufenthalts in Kandahar und Helmand starben dort fünf Isaf-Soldaten, weitere wurden verwundet. Wie entwickelt sich die Lage?

Uneinheitlich. Die Provinz Helmand etwa ist sicher noch weit davon entfernt, unter Kontrolle zu sein. Aber nehmen Sie, direkt daneben, Orusgan, die Heimatprovinz des Taliban-Führers Mullah Omar: Die dort verantwortlichen Holländer haben sich von Anfang an bemüht, mit Verwaltungs-, Entwicklungs- und Landwirtschaftsexperten die Lage zu verbessern. Dort wird es stetig ruhiger, viele Hilfsorganisationen sind zurückgekehrt, unter ihnen die deutsche GTZ. Straßen, Schulen werden gebaut, die Stromversorgung verbessert. Wir können die Unterstützung der Bevölkerung nur finden, wenn wir in der Lage sind, den Menschen solche positiven Entwicklungen zu bieten. Das ist der Ansatz, den wir entwickelt haben. Die Nato-Spitze hat ihn gebilligt, wenn auch erst im zweiten Anlauf. Und die allermeisten europäischen Verbündeten und Kanada tragen ihn voll mit.

Wo bleibt da, was die US-Militärführung als den "kinetischen Aspekt" bezeichnet: das Bekämpfen und Erschießen der Taliban?

Es kann keinen Selbstzweck geben, Dörfer zu bombardieren oder auf Zivilisten zu schießen. Wir schießen zurück, wenn wir angegriffen werden. Im Wesentlichen sollten wir uns ohnehin auf die Kontrolle der Bevölkerungszentren konzentrieren. Wir müssen nicht das ganze Land flächendeckend einnehmen, sondern dort Sicherheit schaffen, wo der Großteil der Menschen lebt.

Wie verträgt sich das mit den amerikanischen Meldungen, die immer noch stolz die Zahlen präsentieren, wie viele Aufständische jeweils getötet wurden?

Das widerspricht jedem humanitären Denken. Wir töten doch nicht Aufständische zum Selbstzweck! Das Zählen von Getöteten oder die Meldungen darüber sind der falsche Ansatz.

Steht den westlichen Truppen mit den Taliban denn ein geeinter Gegner gegenüber?

Nein, da ist immer klarer zu trennen zwischen ortsansässigen Aufständischen und eingesickerten. Die hiesigen haben ein Interesse, weiter hier zu leben. Diese Rücksichtnahme fehlt den Eingeschleusten. Die werden überwiegend in Pakistan ausgebildet, kommen zum Teil aus anderen Staaten und sind allein beseelt von der Idee, Ungläubige zu töten. Ohne Rücksicht auf die Bevölkerung. Das führt zu massiven Konflikten untereinander. Ich möchte ohnehin davor warnen, alle Aufständischen als Taliban zu bezeichnen! Da werden auch viele Warlords, Drogenhändler und andere Kriminelle unter eine Bewegung zusammengefasst, die zumindest vom Ausgangspunkt her nicht als kriminell zu bezeichnen ist.

Was wäre die Konsequenz aus dieser Kluft zwischen Einheimischen und Ausländern?

Man müsste die spalten, die einheimischen Aufständischen auf die Seite der Regierung ziehen und mit ihnen langfristig einen Frieden schließen.

Deutschland hat seine Beteiligung an der amerikanischen "Operation Enduring Freedom" (OEF) beendet. Widerspricht deren aggressive Kriegsführung nicht auch Ihren Prinzipien?

Im August 2007 schon hat das zuständige US-Führungskommando Centcom eine Weisung herausgegeben, dass sich die OEF-Truppen an die gleichen Restriktionen halten müssen wie die Soldaten unter dem Isaf-Kommando. Da sollte es keine Unterschiede mehr geben.

Aber halten sich die OEF-Soldaten daran?

Leider nicht immer. Wir sehen bisweilen Fehlentwicklungen, die weder gesundem Menschenverstand entsprechen noch rechtlich in Ordnung sind.

Kann sich die Nato denn Kritik an der US-Operation erlauben?

Es ist sicher so, dass wir bei der Aufklärung wie der militärischen Unterstützung mehr von OEF abhängen als die von Isaf.

Fordern Sie weiterhin mehr Nato-Truppen für den Einsatz?

Ja – aber gar nicht so viele. Die USA wollen rund 25.000 Soldaten mehr in Afghanistan haben. Wir sind innerhalb der Nato nach sehr sorgfältiger Analyse dazu gekommen, dass wir höchstens 8000 bis 10.000 Soldaten mehr brauchen. Und 2000 kurzzeitig zur Absicherung der Wahlen im nächsten Jahr.

Sie hatten Probleme beim Start in Kandahar?

Es kam zu Verzögerungen beim Auftanken, da es offenbar Missverständnisse über eine noch ausstehende Rechnung zwischen dem Treibstofflieferanten und Deutschland gab. Aber wenn bei über 40 Nationen im Isaf-Einsatz alle anderen Flüge gut funktioniert haben, ist so eine Verzögerung wirklich kein Beinbruch.

Interview: Christoph Reuter print

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