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Gestohlene Generation: Australien sagt Sorry

Über mehrere Generationen hinweg wurden in Australien Aborigines-Familien systematisch ihrer Kinder beraubt. Sie wuchsen bei Weißen auf, verloren dadurch ihre Kultur und ihre Identität. Für das traurige Kapitel will sich erstmals ein Ministerpräsident entschuldigen.

Von Brigitte Zander, Canberra

Bruce Trevorrow war 13 Monate alt, als er 1957 an Weihnachten mit heftigen Bauchschmerzen in die Kinderklinik seiner Heimatstadt Coorong in Südaustralien gebracht wurde. Danach sah der kleine Aboriginal-Junge seine Familie zehn Jahre lang nicht wieder. Das Sozialamt brachte das Baby bei einer weißen Pflegefamilie unter, die ihm "weiße Werte" anerziehen sollte. Mit tragischen Folgen: Bruce, heute 50 Jahre alt, ist ein gebrochener Mann. Ein psychisch kranker, heimatloser Gelegenheitsarbeiter, der sich weder den Weißen noch den Schwarzen zugehörig fühlt. Anfang dieses Jahres errang der entwurzelte Ureinwohner einen bedeutenden Sieg: Der Oberste Gerichtshof von Adelaide sprach ihm nach zehnjährigem juristischem Hickhack endgültig eine Entschädigung von umgerechnet einer halben Million Euro zu.

Betroffene hoffen auf positive Urteile

Bruce Trevorrow ist der erste Kläger der sogenannten "Stolen Generation", der für den Verlust seiner kulturellen Identität eine so hohe Summe erstritten hat. Andere Klagen von Rassismus-Opfern sind seit langem anhängig. Die Marschrichtung der neuen Labor-Regierung lässt die Betroffenen auf schnellere, positive Urteile hoffen. Ministerpräsident Kevin Rudd will sich nun im Namen seiner Regierung für die Misshandlung der Ureinwohner entschuldigen. Ob das gesamte Parlament hinter ihm steht, ist noch ungewiss. Die liberal-nationale Regierung seines Vorgängers John Howard hatte ein "Sorry", eine Entschuldigung, elf Jahre lang abgelehnt.

Die grausame Verfolgung der Ureinwohner gehört zur dunkelsten Geschichte Australiens. Die europäischen Einwanderer wollten die "Wilden" ausrotten. Sie wurden bekämpft, vertrieben, misshandelt, ermordet, vergiftet, eingekerkert und ausgehungert. Wer nicht bei dem landesweiten Massaker starb, erlag oft eingeschleppten Krankheiten oder dem Alkohol. Die Überlebenden mussten ohne Sold auf den Farmen weißer Siedler schuften. Selbst staatliche Stellen zahlten keinen Lohn, weil - wie es hieß - die Schwarzen sowieso nicht mit Geld umgehen könnten. Aborigines mussten sogar als Kanonenopfer in australische Kriege ziehen.

Kinder der Ureinwohner zu Weißen erziehen

Von 1910 bis 1970 wurden schätzungsweise bis zu hunderttausend Kinder der australischen Ureinwohner aus ihren Familien gerissen und sollten in staatlichen Heimen, Missionsstationen oder bei Pflegefamilien zu Weißen erzogen werden. Die älteren Kinder sollten eine Berufsausbildung bekommen, manche profitierten auch davon. Doch in vielen Fällen nutzte man sie als billige Arbeitskräfte auf Farmen und im Haushalt aus.

All dies geschah zum angeblichen Wohle der Kinder, die aus ihrer familiären Armut und Zukunftslosigkeit gerettet werden sollten. Die Praxis aber zielte darauf ab, die indigenen Eigenheiten, ihren traditionellen Lebensstil, ihre Kultur auszumerzen. Die Verschleppten bekamen "weiße" Namen. Ein Drittel der Opfer wurde bereits als Baby aus ihren Familien gerissen. Den Kleinkindern wurde über Jahrzehnte hinweg die Identität ihrer Eltern, ihre Stammeszugehörigkeit und ihr Geburtsort verschwiegen. Die Kinder der "Stolen Generation" leiden, wie Bruce Trevorrow, lebenslänglich unter den Folgen der Entwurzelung und Misshandlung.

Tasmanien übernimmt Verantwortung

Vor zehn Jahren dokumentierte eine Menschenrechtskommission in einem Bericht auf 700 Seiten den Umfang der Tragödie und prangerte den Genozid an. Seitdem unterstützt eine wachsende liberale Mehrheit in der weißen Bevölkerung die Forderungen der Aboriginal-Organisationen nach Wiedergutmachung. Bislang hat Tasmanien als einziger australischer Bundesstaat die längst fällige politische Verantwortung übernommen, indem es einen millionenschweren Entschädigungsfond für seine örtlichen Opfer eingerichtet hat.

Die Aborigines, die erst 1967 die vollen Bürgerrechte erhielten, machen nur noch 2,4 Prozent der rund 20 Millionen Australier aus. Ihre Arbeitslosenquote liegt durchschnittlich dreimal höher als die der Weißen, ihre Lebenserwartung 17 Jahre niedriger. Die meisten der Aborigines zählen zur sozial benachteiligten Unterschicht, vielen fehlt die Schulbildung. In den indigenen Kommunen herrscht Gewalt, die Selbstmordrate ist hoch. Aber es gibt auch andere Beispiele wie die Olympiasiegerin Cathy Freeman, die als erste Angehörige der Aborigines bei den Olympischen Spielen eine Goldmedaille gewann.

Beginn einer neuen Versöhnungspolitik

Das "Sorry" in Canberra, betont Regierungschef Rudd, sei mehr als ein symbolischer Staatsakt. Es markiere den Beginn einer neuen Versöhnungspolitik zwischen den Rassen auf dem gesamten Kontinent. "Wir wollen eine Brücke des Respekts und der gegenseitigen Anerkennung zwischen beiden Kulturen bauen", so Rudd. Im ersten Anlauf will Rudd die mangelhafte Bildungs- und Gesundheitssituation der Aborigines verbessern. Details wird seine Rede nicht enthalten. Welche praktischen Anstrengungen folgen, soll später das Parlament erarbeiten.

Doch schon seit Wochen wird die ideologische und finanzielle Dimension der Staatsaktion landesweit heiß diskutiert. Wobei Politiker der Opposition, die in ihrer Regierungsverantwortung eine offizielle Entschuldigung konsequent abgelehnt hatten, eher gequält agieren. Ex-Ministerpräsident Howard und einige seiner alten Ministerriege verweigerten aus "terminlichen Gründen" eine Teilnahme an der Zeremonie. Der neue Oppositionsführer Brendan Nelson möchte sich erst nach einem Einblick in Rudds Regierungserklärung festlegen.

Oppositionelle wollen keine Schuld übernehmen

Viele Oppositionelle wollen immer noch nicht die Schuld für vergangene Untaten übernehmen, sondern nur ihr Bedauern ausdrücken. Man befürchtet eine Welle von Entschädigungsklagen und Wiedergutmachungsforderungen. Nicht ganz unbegründet. Experten sprechen bereits von einer halben Million Dollar als Entschädigung für jedes Opfer, alternativ für jede betroffene Familie. Zudem verlangen sie die Einführung eines alljährlichen "Sorry Days", damit die Erinnerung an die Schande wach bleibt.

Zunächst aber wird gefeiert. Die Zeremonie wird live im Fernsehen übertragen. Tausende schwarze und weiße Australier wollen zum Parlamentsgebäude in Canberra pilgern, um draußen auf Bildschirmen das einmalige Ereignis mitzuerleben.