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Wahlkampf auf Australisch "Julia Gillard-Wachteln - kleine Brust, Riesenschenkel"


Australische Politiker machen im Wahlkampf vor Sexismus-Fettnäpfchen nicht halt. Konkurrenten schlachten das aus, Medien ventilieren - aber die Australier interessiert das alles nicht.

Australiens konservativer Oppositionsführer Tony Abbott lobt vor den Wahlen den Sex-Appeal einer Abgeordneten-Kandidatin. Ex-Laborchef Mark Latham widerspricht und nennt dieselbe Frau "eher schlicht". Medial wird das zur Kontroverse, und Labor-Chef Kevin Rudd ist empört. Aber dass Politiker so schamlos über das Aussehen von Kandidatinnen diskutieren, macht nur manche sprachlos. Einen Aufschrei wie in Deutschland nach der Dirndl-Bemerkung von FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle gibt es nicht.

Sind die Australier sexistischer oder gelassener als die Menschen in anderen Ländern? "Einige Männer im öffentlichen Leben haben sexistische Einstellungen, aber die Mehrheit teilt solche Ansichten nicht", sagt Politikwissenschaftlerin Lauren Rosewarne. "Die Lage der Frauen könnte besser sein, aber es ist bestimmt nicht so schlimm, wie man nach der Effekthascher-Berichterstattung meinen könnte. Gegen jeden blöden Kommentar zu protestieren, hält die Dummheit nur am Leben."

Spätestens seit der viel beachteten "Frauenhasser"-Rede von Ex-Ministerpräsidentin Julia Gillard, 51, ist das Thema Sexismus auf dem Tisch. "Wenn der Oppositionsführer wissen will, was Frauenhasser und Sexisten sind, muss er nur in den Spiegel schauen", schäumte sie im Oktober im Parlament und zeigte mit dem Finger auf Abbott, 55. Der Iron Man-Triathlet, der sich schon mal in knappen Badehosen zeigt, kultiviert ein Image als Mann der alten Schule. Gillard solle "eine ehrbare Frau aus sich machen" und heiraten, meinte er einmal. Und er sinnierte schon öffentlich, ob Männer nicht physiologisch eher dazu bestimmt seien, das Kommando zu führen.

"Ist ihr Partner heterosexuell?"

Die erste Frau auf dem Regierungschefsessel musste sich einiges gefallen lassen. Für ein Spendensammeldinner der konservativen Liberalen wurden im Juni Speisekarten mit "Julia Gillard-Wachteln - kleine Brust, Riesenschenkel" gedruckt. Ein Radiomoderator grillte Gillard im Studio indirekt über ihr Sexleben und insistierte: "Bestätigen Sie, dass ihr Lebenspartner heterosexuell ist?"

"In einer Kultur, in der es offenbar in Ordnung ist, in guter Gesellschaft über (Geschlechtsteile) der Regierungschefin zu reden, ist es nicht verwunderlich, dass Leute, die im Radio Kontroversen schüren wollen, immer tiefere Löcher der Verdorbenheit buddeln, um Frauen zu beleidigen", kommentierte Rosewarne.

Australier haben den Takt nicht gerade erfunden. Sie gelten je nach Standpunkt als erfrischend direkt oder unverblümt und plump. Den Stereotyp hat etwa Filmheld Paul Hogan in der Serie Crocodile Dundee geprägt, der in den 80er Jahren mit rauem Charme den "Aussie"-Humor definierte und die Welt eroberte. Männer lachen am Biertisch, wenn ihnen ein Hang zu obszönem Humor nachgesagt wird. Eine Frauengruppe vergibt seit 20 Jahren Trophäen für hanebüchene Äußerungen. Die Auswahl an öffentlichen Männersprüchen, die Politikerinnen unter der Gürtellinie treffen, ist immer riesig.

Frauen bleiben entspannt

Trotzdem: Wähler und Wählerinnen lässt das Thema Sexismus offenbar kalt. Einen Frauenbonus bekam Gillard nach ihrer Rede nicht. Abbott kam bei einer Umfrage unter Frauen im Februar besser weg als sie. Die Labor-Partei ließ sie wegen der Umfragetiefs zwei Monate vor der Wahl fallen. Ihr Nachfolger Kevin Rudd hat zwar eine Rekordzahl von Frauen ins Kabinett geholt: elf von 30. Aber in den Umfragen liegt er vor dem Wahlgang am 7. September trotzdem hinten.

Die von Abbott wegen ihres Sex-Appeals gelobte Kandidatin Fiona Scott zeigte sich "sehr geschmeichelt". Den Tenor der Kommentare zum vermeintlichen Aufregerthema trifft Leserin Maggie Ward in der Zeitung "Australian": "Ich bin ein alter Vogel und finde es immer noch nett, wenn mir jemand sagt, dass ich attraktiv bin."

Beim Thema Sexismus sollte man besser auf Indikatoren wie die Präsenz von Frauen in Politik und Wirtschaft schauen als auf das Getöse von Effekthaschern, meint Rosewarne. Rosig sieht es da nicht aus: Im Parlament sind fast ein Viertel der Abgeordneten Frauen, das ist Platz 45 international. Deutschland liegt mit einem Drittel weiblicher Abgeordneten auf Platz 25. 3,5 Prozent der großen australischen Unternehmen haben laut der Wirtschaftsförderung CEDA Frauen als Chefs, ähnlich wie in Deutschland.

Christiane Oelrich, DPA DPA

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