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Wahlkampf in Australien: Ministerpräsident Rudd erklärt Pfarrer Nächstenliebe

Im Endspurt des australischen Wahlkampfes vergleicht Ministerpräsident Rudd ein Nein zur Ehe für Homosexuelle mit Sklaverei in der Bibel - und gibt damit die "Antwort des Jahrhunderts".

Von Oliver Noffke

Die Wahl befindet sich im Endspurt und die australische Bevölkerung erlebt einen Amtsinhaber, der deutliche Ansagen macht: Ministerpräsident Kevin Rudd - der erst Ende Juni das Amt von Parteifreundin und Intimfeindin Julia Gillard übernahm - will unbedingt gewinnen, scheut aber deswegen keine klaren Aussagen. Zur besten Sendezeit begründete er seine Unterstützung für die gleichgeschlechtliche Ehe mit seinen christlichen Wertvorstellungen. Am Montagabend war Rudd zu Gast bei der politischen Talkshow "Q&A" (Fragen und Antworten) bei dem staatlichen Fernsehsender ABC. Das Publikum hat dort die Möglichkeit, einen Politiker eine Stunde lang in die Mangel zu nehmen.

Bislang konnte Rudd mit sozialen Themen nicht punkten. Erst im Mai änderte er seine Haltung zum Ehegesetz, nun tritt er mit der Aussage an, dass im Falle seiner Wahl auch Lesben und Schwule vom Staat als Ehepartner anerkannt werden. Auf diesen Gesinnungswechsel sprach ihn bei "Q&A" ein Gast aus dem Publikum an.

"Also, Kumpel ..."

Auftritt Pfarrer Matt Prater: Viele Kirchgänger seien enttäuscht von Rudds neuer Haltung und er frage daher nach, wie Christen nun noch die Labor-Partei wählen könnten - "im Hinblick auf die Positionen zur Ehe". Der Seelsorger formuliert die Frage vorsichtig und sichtlich aufgeregt. Rudd gibt sich zunächst etwas nebulös: Er habe anhand seines aufgeklärten, an christlichen Werten orientierten Gewissens nur diese Entscheidung treffen können. Doch dann bezieht er klar Position: Menschen werden schwul oder lesbisch geboren und entschieden sich nicht für eine sexuelle Präferenz, dies sei wissenschaftlicher Konsens. Wer das erkenne, sollte zwei Liebende vor dem Gesetz nicht anders behandeln, nur weil sie das gleiche Geschlecht haben. "Ich weiß nicht, ob Ihre grundlegende Einstellung zu diesem Thema ist, dass Homosexualität abnormal ist?", fragt Rudd den Pfarrer zurück.

Prater wird jetzt deutlich und zitiert aus der Bibel das Buch Genesis 2,24 ("Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch."). Und fragt anschließend, er ist sehr aufgeregt, nach dem Neuen Testament: "Kevin, wenn Sie sich selbst als einen Christen bezeichnen, warum glauben Sie dann nicht an die Worte von Jesus in der Bibel?"

Was folgt, wird von politischen Kommentatoren in Australien als die "Antwort des Jahrhunderts" bezeichnet: "Also, Kumpel, wenn ich diese Einstellung hätte ... In der Bibel steht auch, dass Sklaverei ein natürlicher Zustand ist!" Mit unterdrücktem Ärger erklärt Rudd sachlich, dass sich soziale Systeme über die Jahrhunderte geändert hätten und dass die universelle Aussage des Neuen Testaments obenan stehen sollte: Nächstenliebe. Dem Pfarrer gefriert sein Lächeln im Gesicht.

Der unbequeme Ministerpräsident

Rudds Konkurrent von den konservativen Liberals, der ewige Kandidat Tony Abbott, reagierte bei der Dienstagsausgabe von "Q&A" kurz angebunden: "Jeder kennt meine Meinung zu diesem Thema." Vor wenigen Wochen bezeichnete er die politischen Forderungen zur Homo-Ehe noch als "Modeerscheinung".

Einen Monat bevor Rudd das Amt des Ministerpräsidenten nach innerparteilichen Querelen von Gillard wieder übernommen hat, veröffentlichte er am 20. Mai einen Essay, in dem er seine neue Haltung begründete. Das Thema führte allerdings auch zu Konflikten innerhalb der Familie des Ministerpräsidenten. Als seine Partei im Jahr 2011 anfing, ihre bisherige Linie zu überdenken, gab Rudds Schwester Loree ihr Parteibuch zurück.

Wie gefährlich dem konservativen Abbott die Themen Emanzipation und soziale Gerechtigkeit werden können, musste dieser schon im vergangenen Oktober erleben, als Julia Gillard ihm im Parlament mit Tränen in den Augen ihre Meinung zum Frauenbild der konservativen Opposition ins Gesicht schrie. Abbott musste danach immer wieder beteuern, dass er kein frauenverachtender Macho ist. Nachdem Rudd im Oktober 2007 erstmals zum Ministerpräsidenten gewählt worden war, sorgte er für großes Aufsehen, als er um Entschuldigung für die jahrzehntelang praktizierten staatlichen Zwangsadoptionen von Aborigine-Kindern bat. Das Wahlversprechen einer öffentlichen Abbitte hat damals als wahlentscheidend gegolten.

Ob sich seine klare Positionierung zur Homo-Ehe für die Sozialdemokraten positiv auswirken wird, zeigt sich am 7. September. Bei der letzten Erhebung vor der Wahl am Montag lagen die Sozialdemokraten laut "ABC" drei Prozentpunkte hinter den Liberals.