Getötete Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan Taliban brüsten sich mit Anschlag


In der Taliban-Hochburg Baghlan sind bei Kämpfen mit Aufständischen vier Bundeswehr-Soldaten getötet worden, fünf weitere wurden verletzt. Die Taliban bekannten sich zu der Tat.
Von Christoph Reuter, Kabul

Zwei Wochen nach den tödlichen Gefechten am Karfreitag sind erneut vier deutsche Soldaten bei einem Angriff in Afghanistan getötet worden. Wie die Bundeswehr mitteilte, starben nahe der Stadt Baghlan vier ihrer Soldaten. Sie waren unterwegs in einer sogenannten OMLT-Patrouille - eine internationale Einheit zur Ausbildung der afghanischen Streitkräfte - als sie beschossen wurden.

Laut Bundeswehr wurden die deutschen Isaf-Kräfte gegen 14.30 Uhr Ortszeit etwa hundert Kilometer südlich von Kundus beschossen, fünf Soldaten wurden zum Teil schwer verwundet und zur medizinischen Versorgung in das Feldlager Masar i Scharif ausgeflogen. Die deutschen Kräfte befänden sich nach den Gefechten "weiter im Einsatzraum", erklärte die Bundeswehr.

Taliban bekennen sich zur Tat

Zu dem Angriff haben sich bereits kurz nach der Tat die Taliban bekannt. Sabiullah Mudschahid, Sprecher der Radikal-Islamisten sagte, bei den Gefechten seien ein Panzerfahrzeug von einer Rakete und drei weitere durch Sprengsätze zerstört worden. Angaben der Taliban sind in der Regel stark übertrieben. Ob es auch unter den Taliban Verletzte oder Tote gab, ist der deutschen Einsatzführung bislang nicht bekannt.

Die deutsch-belgische Patrouille soll in einem gepanzerten Fahrzeug des Typs Eagle IV unterwegs gewesen sein, heißt es. Von diesen sogenannten geschützten Fahrzeugen hat das Verteidigungsministerium jüngst erst 60 Stück bestellt. Diese sollen bis Anfang 2011 nach Afghanistan geliefert werden und weniger geeignete gepanzerte Fahrzeuge älteren Jahrgangs ersetzen.

Besonders gefährlicher Bezirk

Baghlan e Dschadide gilt als außerordentlich gefährlicher Bezirk, dessen Regierungsgebäude im Kern der gleichnamigen Stadt bereits am Tag der Präsidentschaftswahlen im August vergangenen Jahres für mehrere Stunden von den Aufständischen überrannt wurde.

Die Aufständischen fühlen sich hier dermaßen mächtig, dass sie sich bereits interne Kämpfe um die Machtverteilung geliefert haben: Im März gab es heftige Kämpfe zwischen der Hizb i Islami unter Führung des Warlords und früheren afghanischen Kurzzeit-Ministerpräsidenten Gulbudin Hekmatyar und den Taliban. Sie endeten mit einem Sieg der Taliban, die seither ihre Kontrolle ausgeweitet haben.

Die Provinz steht nominell unter Kontrolle des ungarischen Isaf-Kontingents - dessen Soldaten aber weder die Waffen, noch das Personal, noch das Mandat von ihrer Regierung haben, die Provinz Baghlan auch nur annähernd kontrollieren zu können.

Bundeswehr beschwert sich über vergebliche Anstrengung

Schon früher haben sich Bundeswehroffiziere darüber beklagt, dass ihre Anstrengungen gegen die Taliban im Kampf-Bezirk Chahar Darra immer wieder ins Leere laufen, wenn die Kämpfer sich einfach nach Süden gen Baghlan absetzen. Zumal die Kommunikation zwischen den Einsatzstäben in Kundus und Baghlan lediglich über Kabul läuft, direkten Austausch gebe es keinen.

Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zeigte sich "tieftraurig" über den Tod der Soldaten. Er brach seine Rückreise von einem Truppenbesuch ab und wird in Begleitung von Generalinspekteur Volker Wieker zurück in das Bundeswehr-Lager in Masar i Scharif fliegen: "Ich werde unmittelbar nach Afghanistan zurückreisen, um bei unseren Soldaten vor Ort zu sein", sagte er bei einer Zwischenlandung seiner Delegation in Usbekistan.

Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rainer Arnold, der sich als Mitglied der Delegation des Verteidigungsministers ebenfalls in Usbekistan aufhielt, sprach von einem "sehr tragischen" Vorfall. Es sei offenbar eine eigentlich erfolgreiche Operation gewesen. Als dann alle schon gedacht hätten, diese sei beendet, habe sich offenbar der Angriff ereignet. Im Gegensatz zum Minister sollte die Delegation nach Angaben von Arnold von Usbekistan aus zurück nach Deutschland fliegen.

Merkel: "Müssen den Einsatz fortführen"

Die Politik reagiert bestürzt auf die Nachricht: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sprachen den Angehörigen der Opfer ihr Mitgefühl aus. Merkel bekannte sich von ihrer USA-Reise aus erneut zu dem Engagement Deutschlands in Afghanistan: "Wir müssen den Einsatz fortführen." SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier erklärte: "Wir Sozialdemokraten verurteilen den feigen und hinterhältigen Anschlag auf das Schärfste." Die Linken nahmen den Anschlag erneut zum Anlass, den sofortigen Abzug der Truppe aus Afghanistan zu fordern. "Ein weiterer Verbleib der Bundeswehr in Afghanistan ist absolut unverantwortlich", so Verteidigungsexpertin Inge Höger.

Der Bundeswehrverband zeigte sich "bestürzt und wütend". Spätestens jetzt dürften Politik und Öffentlichkeit nicht mehr die Augen davor verschließen, in welch kriegsähnlicher Situation sich die Bundeswehr vor allem im Raum Kundus seit langem befinde, erklärte Verbandsvize Wolfgang Schmelzer.

mit Agenturen

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