HOME

Nach Giftgasangriff: Überall lagen Leichen mit blauen Lippen und Schaum vorm Mund

Ein Reporter der britischen Zeitung "Guardian" war als erster westlicher Reporter nach dem Giftgasangriff im syrischen Chan Scheichun vor Ort. Er trifft auf traumatisierte Menschen und spricht mit Augenzeugen, die das Grauen erlebten.

Helfer versorgen die Opfer in der syrischen Stadt Chan Scheichun

Helfer versorgen die Opfer in der syrischen Stadt Chan Scheichun

Ein Reporter der britischen Zeitung "The Guardian" ist kurz nach dem verheerenden Giftgasangriff in die syrische Stadt Chan Scheichun gereist. Er ist der erste Journalist aus dem Westen, der die Zerstörungen in Augenschein nimmt, bei der laut Aktivisten mehr als 80 Männer, Frauen und Kinder getötet wurden.

Demnach gleicht die Stadt zwei Tage nach dem Angriff einer Geisterstadt. Die Menschen stehen unter Schock, die Straßen sind leer. Ein kleiner schwarzer Krater im Norden der Stadt zeigt, wo die Giftgasrakete einschlug. Die Häuser drumherum sind vollkommen intakt.

Der Angriff von Dienstagmorgen ist einer der schlimmsten mit Giftgas in Syrien überhaupt. Im Jahr 2013 ereignete sich der größte in der Nähe von Damaskus in einer Region, die von Rebellen gehalten wurde. Damals kamen über tausend Menschen ums Leben. Syrien musste in der Folge sein Giftgas-Arsenal unter Aufsicht der UN abgeben. Offensichtlich trennte sich das syrische Regime aber nicht komplett von der tödlichen Waffe, wie Chan Scheichun zeigt.

Keine Spur einer angeblichen Giftgas-Fabrik

Russland streitet ab, dass die syrische für Armee Giftgas-Angriff verantwortlich ist. Laut Kreml haben die Bomben eine Giftgas-Fabrik der Rebellen getroffen. Dadurch sei das tödliche Gas, vermutlich Sarin, ausgetreten.

Aber an der Stelle, wo die Giftgasrakete einschlug, finden sich keine Spuren einer Fabrik, wie der "Guardian" schreibt. Nur die Trümmer eines verlassenen Lagerhauses und die Überreste eines Futtersilos. Laut Zeugenaussagen stehen die Silos schon seit einem Luftangriff vor sechs Monaten leer.

"Schauen Sie sich das an. Da ist nicht außer ein bisschen Getreide und Kuhmist. Das liegt nur eine tote Ziege", erzählt ein Anwohner. Die Menschen in der Stadt glauben der russischen Erklärung nicht.

Die ersten Helfer vor Ort fallen einfach um

Laut Zeugenaussagen beginnen die Luftangriffe frühmorgens um 6:30 Uhr. Es gibt zunächst vier Angriffe auf die Stadt, bevor der mit dem Giftgas erfolgt. Auch in diesem Fall denken die ersten Helfer, die im Zielbereich ankommen, dass es sich um einen "normalen" Bombenangriff handelt. Bis sie einfach zusammensacken. Über Funk geben sie durch: "Helft uns, wir fallen einfach um." Die folgenden Helferteams, die an den Ort des Grauen geschickt werden, tragen dann Atemmasken. Die Verwundeten sollen sich laut Augenzeugenberichten auf dem Boden winden, sie haben Schaum vor dem Mund und blaue Lippen. "Ich fand Kinder, die auf der Straße lagen, die mit blauen Lippen ihren letzten Atemzug taten", zitiert der Guardian einen Anwohner: "Überall, wo man hinblickte, lagen Leichen".

Augenzeugen in Chan Scheichun: "Mein Vater fiel zu Boden und zitterte. Meine Mutter schrie."


Die Überlebenden, die an schwerer Atemnot leiden und die man schnell mit Wasser abspritzt, werden in ein Krankenhaus in der Nähe gebracht, die Leichen in einem Schuppen in der Nähe abgelegt. Doch als Helfer und Ärzte um das Leben der Verwundeten kämpfen, erfolgen neue Luftschläge. Die syrische Luftwaffe bombardiert auch das Krankenhaus, das vollkommen zerstört wird. Vorher sind noch, so berichten es Anwohner, Aufklärungsflugzeuge über die Stadt geflogen - offensichtlich, um die zweite Angriffswelle vorzubereiten.

"Vielleicht haben die Piloten das Märchen gehört, dass man nach 48 Stunden wieder aufersteht, wenn man durch Sarin getötet wurde", kommentierte ein Rebellenanführer sarkastisch den Angriff auf das Krankenhaus: "Gott sei Dank wird es irgendwann in einem anderen Leben Gerechtigkeit geben."

Lesen Sie die komplette Reportage des "Guardian" auf Englisch hier. 

tis