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Gordon Brown: Der Anti-Blair

Der designierte britische Premierminister Gordon Brown genießt nicht unbedingt den besten Ruf. Er gilt als eiskalt, aufbrausend und machtbesessen. Wenn er Tony Blair beerbt, krönt er eine von Niederlagen geprägte Karriere.

Von Cornelia Fuchs, London

Es gibt sehr böse Gerüchte über den Mann, der nach allen Voraussagen Ende Juni Tony Blair als britischer Premierminister beerben wird. Er gilt als Choleriker, der Streitigkeiten niemals vergibt und nie vergisst, wenn ihn jemand hintergangen hat. Ein Apparatschik soll er sein, der das Wohl der Partei über alles stellt. Gordon Brown gilt als Arbeitstier, als eiskalt, aufbrausend und machtbesessen. Seine Freunde erzählen von einem charmanten Mann mit großem Sinn für Humor und der fast unglaublichen Fähigkeit, große Mengen von Arbeit zu stemmen.

<Gordon Brown ist auch nach 13 Jahren als Schatzkanzler ein Enigma für die meisten Briten. Er gilt als eigenbrötlerisch und unnahbar, ein ziemliches Gegenteil des Strahlemannes Tony Blair, der zu allem und jedem die richtigen Worte findet und stets vor der Kamera zu überzeugen weiß. Brown wirkt einsilbig und steif - und dass, obwohl er selber jahrelang als Fernsehproduzent gearbeitet hat und durchaus weiß, worauf es bei einem guten Interview ankommt.

Sechs Monate in völliger Dunkelheit

Das politische Leben des Gordon Brown begann mit einer Katastrophe: Mit 17 Jahren verunglückte er bei einem Rugby-Spiel schwer - ohne es zunächst zu bemerken. Ein fehlgeleiteter Ball löste die Netzhäute in beiden Augen. Nachdem seine Sicht immer schlechter wurde, ging Brown zum Arzt - und wurde sofort operiert. Er musste sechs Monate in völliger Dunkelheit ruhig liegen, dennoch blieb sein linkes Auge blind. Den Traum einer professionellen Rugby-Karriere musste er aufgeben.

Brown, so sagt sein Biograph Tom Bower, habe sechs Monate in der Dunkelheit gelegen und mit seinem Schicksal gehadert. Aus dem optimistischen, freundlichen, witzigen, offenen Gordon, dem Sohn eines schottischen Pfarrers, dem bisher von frühem Schulabschluss bis zur Eroberung vieler junger Mädchen alles gelungen war, wurde ein sehr viel ruhigerer junger Mann, der die Kraft des Schicksals und seinen protestantischen Glauben immer mehr in Zweifel zog.

Nichts schien ihn aufhalten zu können

Statt ein berühmter Sportler zu werden, wollte Brown nun ein berühmter Politiker sein. Schon bald galt er als die neue Hoffnung der Labour-Partei, die damals Thatchers Konservativen hoffnungslos unterlegen war. Gordon Brown stürzte sich in die Arbeit der Parteireform, er arbeitete nächtelang, nichts schien ihn aufhalten zu können und schon bald galt er als brillanter Redner, hochintelligenter Analytiker und fähiger Kritiker der Regierungspartei. Er erntete im Parlament viele Lacher, wenn er die Fehler der konservativen Minister aufspießte.

Doch obwohl Gordon Brown so fähig war, wie kaum ein anderer junger Labour-Politiker in dieser Zeit - ihm fehlte eine Eigenschaft, die sein politischer Freund Tony Blair zu Genüge mitbrachte: Skrupellosigkeit im richtigen Moment. Als der Parteiführer John Smith im Mai 1994 plötzlich an einem Herzinfarkt starb, zögerte Gordon Brown zu lang. Er wollte oder konnte seine parteipolitischen Freunde nicht früh genug um sich sammeln. Als Gordon Brown begann, um den Job als Parteiführer zu kämpfen, hatte Tony Blair ihn schon fast gewonnen.

Tief getroffen von dem angeblichen Verrat

Das Treffen der beiden bisherigen Freunde in einem Londoner Restaurant in diesem Mai 1994 ist heute legendär. Blair und Brown hatten sich jahrelang ein Büro geteilt, sie waren enge Freunde geworden im Kampf um die Reform ihrer Labour-Partei. Und nun war es Blair, der Brown ausspielte. Er beschwor Brown, nicht gegen ihn zu kandidieren und so die Partei zu spalten. Und soll ihm dafür fast freie Hand in der Wirtschafts- und Sozialpolitik versprochen haben - und dass er nach spätestens zwei Legislaturperioden den Platz für einen Premier Brown räumen wollte. Zumindest erinnern sich so Browns Anhänger an dieses Treffen, Blairs Anhänger sagen stets, dass es keinerlei Versprechen gegeben habe. Brown war tief getroffen von dem angeblichen Verrat seines Freundes Blair. Er glaubte, nach der jahrelangen schweren Arbeit, stünde ihm allein der Parteivorsitz und das Amt des Premiers zu. Und nun musste er sich mit dem Amt des Schatzkanzlers zufrieden geben. Brown hat nie vergessen, wer ihn damals unterstützt - und wer ihn damals "verraten" hat. Peter Mandelson, beispielsweise, gilt seitdem als persona non grata in den Fluren des Finanzministeriums.

Gordon Brown begann sich also - fast in Opposition zu Blair - auf seine Zeit vorzubereiten. Er heiratete Sarah Macaulay, um endlich mit den Gerüchten aufzuräumen, er sei schwul. Bis dahin hatte Brown mehrere langjährige Affären mit Frauen hinter sich gebracht, hatte es denen aber immer abgerungen, niemals an die Öffentlichkeit zu gehen. Jetzt wusste er, dass das Bild des einsamen Workaholics nicht förderlich gewesen war für seine politische Karriere. Mit seinen zwei Söhnen John und James Fraser scheint heute die Brownsche Familienidylle perfekt. Im Dezember vergangenen Jahres wurde bei dem heute neun Monate alte James Fraser die Krankheit Mukoviszidose diagnostiziert. Seit seine Söhne auf der Welt sind, hat die britische Öffentlichkeit einen anderen, emotionalen Brown erlebt: "Ich liebe es, Vater zu sein", sagt er. "Es ist das Schönste auf der Welt."

"Ich glaube Dir kein Wort mehr"

Je weiter die Amtszeit Blairs voranschritt, desto mehr drängte Brown ihn, endlich sein Versprechen einzuhalten und ihm den Vortritt zu lassen. Brown kämpfte hinter den Kulissen, je mehr Blairs Ansehen in der Partei sank, desto mehr stieg der Stern von Brown. Im Herbst 2004, wenige Monate vor den Wahlen im Mai 2005, gab Blair dem Druck schließlich nach und ließ öffentlich verlauten, er wolle in seiner dritten Legislaturperiode zurücktreten. Der Countdown hatte begonnen. Brown sollte noch mehrfach vor Wut aus der Haut fahren müssen und soll Blair einmal angeschrieen haben: "Ich glaube Dir kein Wort mehr", bevor Blair seine Ankündigung endlich Wirklichkeit werden ließ. Die Anhänger Blairs versuchten mit allen Mitteln, einen Gegenkandidaten gegen Brown ins Rennen zu schicken. Doch zur Zeit will kein aussichtsreicher Kandidat gegen Brown, die graue Eminenz der Labour-Partei, antreten und so seine politische Karriere riskieren.

Gordon Brown scheint nun, endlich, dort angelangt, wo er immer schon hinwollte: In der Downing Street No 10. Er ist der Anti-Blair, ein Politiker der ausführlichen Analysen und nicht der Schlagwort-Hülsen. Es bleibt abzuwarten, ob er damit Erfolg haben wird. Oder ob die Briten in zwei Jahren bei den nächsten nationalen Wahlen sich lieber wieder für jemanden entscheiden, der schon jetzt wirkt, wie der junge Blair, der 1997 Gordon Brown das Leben schwer gemacht hat: Für den Führer der Tory-Opposition, David Cameron.