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Großbritannien-Wahl: Die Schotten werden Cameron das Leben schwer machen

Das klare Ergebnis der Großbritannien-Wahl lässt die Tories jubeln, die Larbour-Partei und Meinungsforscher staunen. Problemlos wird Camerons letzte Amtszeit nicht - dafür sorgen die Schotten.

Ein Kommentar von Michael Streck

"Thumps Up" für diesen Wahlausgang: Premierminister David Cameron tritt zu einer weiteren Amtszeit an - sein Sieg hat auch für die Europäische Union Konsequenzen.

"Thumps Up" für diesen Wahlausgang: Premierminister David Cameron tritt zu einer weiteren Amtszeit an - sein Sieg hat auch für die Europäische Union Konsequenzen.

Die Konservativen von Premierminister David Cameron haben die Wahl in Großbritannien gewonnen. Das allein ist keine Überraschung. Die Art und Weise, wie sie gewonnen haben, schon. Es ist eine kleine Sensation. Mit einer absoluten Mehrheit hatten selbst Tory-Utopisten nicht rechnen können. Die Liberalen, bis vor ein paar Wochen ihr Koalitionspartner, pulverisiert und in die politische Bedeutungslosigkeit katapultiert. Cameron kann nun bequem regieren.

Doch Überraschungen haben immer zwei Seiten. Es ist immer noch nicht ganz klar, wer am späten Donnerstagabend ein größeres Desaster erlebte: die Labour-Partei oder jene, die der Labour-Partei ein ebenso gutes Ergebnis wie den Konservativen zugetraut und wochenlang ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Macht vorausgesagt hatten – die Meinungsforscher.

Desaster für die Labour-Partei

Beide wurden überrascht. Böse überrascht. Noch am Wahltag hatten die Demoskopen von ICM ihre Prognose für die Sozialisten nach oben korrigiert und sie sogar einen Prozentpunkt vor den Tories verbucht.

Denn die Labour-Partei hat ein Debakel erlebt. Mit 239 Sitzen stehen die Sozialdemokraten noch schlechter da als bei der schon desaströsen Wahl vor fünf Jahren unter dem glücklosen und vom Finanzcrash überrollten Gordon Brown. Von der Landkarte gewischt in Schottland, an sich klassisches "heartland" der Arbeiterpartei, wo die Schottische Nationalpartei (SNP) der charismatischen Parteiführerin Nicola Sturgeon triumphierte.

Es gab jede Menge prominente Verlierer am Freitag morgen. Miliband und sein designierter Kanzler Ed Balls natürlich, die Liberalen, die sich auf dem Niveau ihrer deutschen Schwesterpartei einpendeln, woraufhin Parteichef Nick Clegg flugs seinen Rücktritt vor laufender Kamera einreichte. Und die Europafeinde von der United Kingdom Independence Party (UKIP). Deren Frontmann Nigel Farage verlor in South Thanet, räumte den Parteivorsitz, und damit verliert die UKIP ihr Gesicht.

Neues Schotten-Referendum möglich

Und es gab, Ying und Yang, jede Menge Gewinner. Cameron allen voran auf der rechten Seite. Und ganz Schottland auf der linken. Großbritannien ist nunmehr auch offiziell ein gespaltenes Land in Nord und Süd. Es war ein bisschen so, als hätten die Schotten nicht mal ein Jahr nach dem Referendum ihre Unabhängigkeit nachgeholt. Nie war die SNP stärker und mächtiger. 100.000 neue Mitglieder seit September, 50 Sitze dazu gewonnen. Damit wurden sie fast aus dem Stand drittstärkste Partei in Westminister, dem Parlament, das die SNP am liebsten auf Nimmerwiedersehen verlassen hätte – und es noch verlassen will.

Die Schotten werden die neue Cameron-Regierung auf weitere Zugeständnisse drängen und sie haben mit ihren Stimmen ein ordentliches Pfund in der Hand. Nicht ausgeschlossen, dass die SNP ein erneutes Referendum anstrebt.

Referendum könnte das Wort des Jahres werden und in mehreren Variationen über Britannien schweben: Schottland und Europa. Cameron hatte seinen Landsleuten für den Fall des Sieges ein In/Out-Referendum versprochen. Sie werden es bekommen. Und voraussichtlich schon früher als Ende 2017, wahrscheinlich bereits im kommenden Jahr.

Wirtschaft als Wahlkampfthema

Allgemeiner Tenor im politischen London: Zwei Jahre Ungewissheit bis zur Abstimmung will niemand. Die Europäer nicht, die Briten nicht. Und vor allem die britische Wirtschaft nicht. Ungewissheit ist schlecht für die Börse - und die Londoner City ist nun mal das Herz jener Wirtschaft, die David Cameron in seinem Wahlkampf so leidenschaftlich besang.

So lange, bis die Botschaft offenbar auch bei denen verfing, die vom Cameronschen Aufschwung noch nichts spüren außer dem permanenten Gerede darüber. Die Botschaft ging so: Wir stehen für wirtschaftliche Konsolidierung, Labour für Chaos. Am Wahltag erreichte Cameron damit offensichtlich die so genannten "shy Tories", eine stille Spezies Wähler, die sich offenbar gut vor den Meinungsforschern tarnen können; die die Konservativen zwar nicht unbedingt lieben, sie aber für das geringere Übel halten und im Zweifel auch wählen.

Das hat es schon einmal gegeben, 1992. Auch damals lag in den Umfragen der Labour-Kandidat Neil Kinnock zumindest gleichauf. Auch damals führte die konservative Presse eine bösartige Anti-Labour-Kampagne. Und auch damals gewann mit John Major ein Tory-Kandidat.

Diskussionen um Camerons Nachfolge

David Cameron hat überzeugend gewonnen. Überraschend überzeugend. Er bleibt nun weitere fünf Jahre in der Downing Street. Vielleicht etwas weniger. Es ist, das hat er angekündigt, seine letzte Amtszeit als Premier. Gestern Abend um kurz nach 22 Uhr, nach dem Versagen der Demoskopen, dem Absturz von Labour und dem Sieg der Tories begann bereits eine neue Debatte, die David Cameron in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren begleiten wird: die um seine Nachfolge.