Grenzorte Rosenbüsche statt Eiserner Vorhang


Die Grenze teilte Wohnzimmer, Friedhöfe und die Kühe auf dem Feld: Mit dem EU-Beitritt Sloweniens feiern die Städte Gorizia und Nova Gorica an der italienisch-slowenischen Grenze die Wiedervereinigung. Sie bleiben nicht die einzigen.

Nova Goriza und Gorizia
Über Jahrzehnte hinweg war Gorizia eine geteilte Stadt. An der Grenze zwischen Italien und dem früheren Jugoslawien standen schwer bewaffnete Wachsoldaten. Heute liegt auf der anderen Seite Slowenien, und mit dem EU-Beitritt am 1. Mai wird der Grenzzaun durch Rosenbüsche ersetzt.

Die Vorbereitungen für den großen Tag sind im vollen Gange. Gorizia und der slowenische Teil Nova Gorica wollen die Wiedervereinigung unter dem Dach der EU mit einem großen Straßenfest begehen. "Wir müssen die Teilungen der Vergangenheit überwinden, aber da habe ich keine Sorge", sagt der italienische Bürgermeister Vittorio Brancati. "Wir vertreten offene Völker, mit einer multikulturellen Tradition." So wie in Gorizia und Nova Gorica werden am 1. Mai einige Grenzstädte und -dörfer in Deutschland und Polen, in Österreich und Tschechien und an anderen alten Grenzen Europas die neue Gemeinsamkeit feiern.

Die Grenze teilte Wohnzimmer, Friedhöfe und sogar Kühe auf dem Feld

Im Fall von Gorizia wurde die Grenze am 10. Februar 1947 von den Alliierten gezogen. Zahlreiche Übergriffe - erst von italienischen Faschisten, dann von slowenischen Partisanen - hatten damals die Beziehungen zwischen beiden Seiten vergiftet. Die neue Grenze aber vervielfachte die Not. Eltern wurden von ihren Kindern getrennt. Eine Ehefrau konnte nach einem Besuch bei den Eltern nicht zu ihrem Mann zurückkehren. Selbst Wohnungen wurden geteilt, das Wohnzimmer gehörte danach zu Italien, die Küche zu Slowenien.

"Die schließlich gezogene Grenze nahm keine Rücksicht auf die Bevölkerung", erinnert sich der ehemalige Bürgermeister von Gorizia, Martino Michele. "Sie teilte Kühe auf dem Feld von ihrer Scheune. Friedhöfe wurden zerschnitten, und selbst einzelne Gräber." Über Nacht wurde die Grenze zur ideologischen Frontlinie zwischen Italien im westlichen Lager und dem kommunistischen Jugoslawien, gesichert von Stacheldraht, Wachtürmen und Truppen.

Italienisch durfte nur im Flüsterton gesprochen werden

Wer die neue Realität nicht anerkennen wollte Leben bezahlen. Ältere auf beiden Seiten der Grenze erinnern sich an nächtliche Schüsse - und an den Anblick von Pferdewagen, die am nächsten Morgen die Leichen von Flüchtlingen abtransportierten. In Nova Gorica durfte man nur noch im Flüsterton Italienisch sprechen, und in Gorizia wurd Einwohner gesetzlich gezwungen, ihren Kindern nur noch italienische Namen zu geben.

Heute müssen die 35.000 in Gorizia und die 18.000 in Nova Gorica an der Grenze nur noch ihren Ausweis zeigen, und ein gelangweilter Wachmann winkt. Vertreter der Stadtverwaltungen beider Seiten beraten über eine gemeinsame Infrastruktur. Strom-, Wasser- und Gasversorgung sollen ebenso wie der öffentliche Nahverkehr zusammengeführt werden. Aber in Nova Gorica sind die Menschen ärmer als in Gorizia. Es sei nicht immer einfach zu akzeptieren, warum Goricaner die bessere Wohnung habe, sagt der Leiter des Polytechnischen Instituts in Nova Gorica, Danilo Zavrtanik. "Es wird für uns Slowenen schwierig sein, zu ihnen aufzuschließen. Aber wenn wir das nicht tun, wird es Probleme geben."

Novà Ves v Horàch und Deutschneudorf
"Diese Bürokratie, schrecklich", brummt Antonín Blazek auf Tschechisch. Heinz-Peter Haustein nickt. Der eine ärgert sich über Prag, der andere über Dresden. Blazek ist Vize- Bürgermeister von Novà Ves v Horàch, Haustein leitet die Geschicke in dem einen Steinwurf entfernten Deutschneudorf. Beide Grenzorte im Erzgebirge gehen fast nahtlos ineinander über. Deutsche und Tschechen leben hier beinahe Haus an Haus. Nur die Schweinitz trennt sie. Der sonst friedliche Bach spielte im August-Hochwasser 2002 verrückt und zerstörte die Brücke, die zugleich Grenzübergang ist. Und um diese Brücke geht es nun.

Gemeinsam um den Grenzübergang gekämpft

Zwei Wochen nach der Flut errichtete Haustein mit der anderen Seite im Hauruck-Verfahren eine kleine Pontonbrücke. Für den Ersatzbau waren alle behördlichen Genehmigungen auf kommunaler Ebene erteilt, aber in Prag wie Dresden fand man ein Haar in der Suppe. Inzwischen hat das sächsische Umweltministerium signalisiert, es sehe eine "Heilungschance" für den von den Gemeinden begangenen Verfahrensfehler. "Wir haben lange genug gemeinsam um den Grenzübergang gekämpft, da schaffen wir die neue Brücke auch, aber eben mit unnötiger Verzögerung", sagt Haustein.

"Hier wie dort hat sich irgend so ein kleiner Napoleon übergangen gefühlt", sagt Kurt Moz und lächelt. Der 73 Jahre alte Ex-Bergmann aus Novà Ves v Horàch (Gebirgsneudorf) ist der "Chefdolmetscher" zwischen beiden Gemeinden, die 1995 eine Gemeindepartnerschaft geschlossen haben. Mit im Boot ist auch das benachbarte Hora Svaté Kateriny (St. Katherinenberg), das wiederum genau dem Ortsteil Deutschkatherinenberg gegenüberliegt.

Partnergemeinden fühlen sich schon jetzt als "Euro-Dorf"

Im Rückblick auf die gemeinsame Arbeit mit seinen böhmischen Partnern sagt Haustein: "Vor zehn Jahren haben wir schon Dinge angepackt, über die andere jetzt erst anfangen zu reden." Die drei Gemeinderäte kommen einmal im Jahr zusammen, die Bürgermeister noch öfter, um zu bereden, was ihnen auf den Nägeln brennt. Wenn es allein nach den drei Partnergemeinden ginge, wären sie schon längst ein "Euro"-Dorf mit vielen gemeinsamen Einrichtungen.

Manche Blütenträume sind nicht gereift. Mit der geplanten deutsch- tschechischen Grundschule in Deutschneudorf wurde es nichts. Dafür wird es mit dem Neubau für den gemeinsamen Kindergarten klappen. "Im Juli ist Baubeginn". Das wird dann nach Oberwiesenthal die zweite deutsch-tschechische Kita in Sachsen sein.

Erstes "Euro-Baby" ist schon da

Das Wichtigste ist, betonen Blazek und Haustein, dass die Menschen miteinander reden und sich näher gekommen sind. Am Wochenende treffen sich Deutsche und Tschechen am Stammtisch bei böhmischem Bier. Die Fußballclubs beider Orte spielen gegeneinander. Der Spielplatz auf deutscher Seite wird auch von tschechischen Kindern genutzt. Seit März sitzen einmal in der Woche knapp 30 Deutschneudorfer auf der Schulbank und lernen die tschechische Sprache. Ihre Lehrerin Emma Berkovà wohnt in Novà Ves. Im Laufe der Jahre wurden Freundschaften geschlossen und mehr. Ein junger Mann aus Deutschneudorf und seine tschechische Freundin aus dem Nachbarort haben kürzlich Nachwuchs bekommen. "Wir sagen hier, das ist unser erstes "Eurokind"", berichtet Haustein.

Bei allem, was an Vertrauen gewachsen ist, gibt es wenige Tage vor dem EU-Beitritt Tschechiens auf beiden Seiten Ängste vor der Zukunft. In Deutschneudorf wie bei den böhmischen Nachbarn herrscht hohe Arbeitslosigkeit. "Viele bei uns meinen, jetzt kommen die billigen tschechischen Handwerker und nehmen uns die Arbeit weg", berichtet Haustein. Antonín Blazek sagt: "Wir wissen nicht genau, was auf uns zukommt, die Preise steigen jetzt schon." Dann fügt der 66-Jährige hinzu: "Aber wir haben ja zu Europa gesagt, jetzt müssen wir damit zurechtkommen."

George Jahn/AP AP DPA

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