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Haiti: Karibischer Sonnenuntergang

Mit Hilfe von Milizionären dringen die Rebellen in Haiti weiter Richtung Port-au-Prince vor. Doch Präsident Jean-Bertrand Aristide will sich nicht noch einmal wie 1991 aus dem Amt jagen lassen. Mit Gewalt und Willkür hält er sich an der Macht.

Drei Mordanschläge hat Jean-Bertrand Aristide überlebt, Massenprotesten und Unruhen hat er die Stirn geboten. Auch dem jüngsten Aufstand in Haiti mit Dutzenden Toten trotzt der Präsident. Der 50-Jährige ist kampferprobt und zeigt Entschlossenheit, sich nicht noch einmal - wie 1991 - aus dem Amt jagen zu lassen.

"Ich verlasse diesen Palast erst am 7. Februar 2006", betont Aristide mit Blick auf das Ende seiner Amtszeit. Durchhalten und sich durchsetzen hat er seit seiner Kindheit lernen müssen. Aristide wurde in eine arme Bauernfamilie in Port Salut geboren. Noch als er ein Kleinkind war, wurde sein Vater Opfer von Lynchjustiz - ihm wurde vorgeworfen, Schwarze Magie eingesetzt zu haben.

Als Sechsjähriger im Salesianer-Orden

Im Alter von sechs Jahren wurde der intelligente Junge vom katholischen Salesianer-Orden aufgenommen. Dies ermöglichte ihm Schulbildung und Studium. Aristide studierte Theologie und Psychologie, lernte Französisch, Latein, Englisch, Deutsch, Spanisch und Hebräisch.

Eloquent fachte der Armenpriester Aristide Mitte der 80er Jahre den Aufstand gegen die 29-jährige Familiendiktatur der Duvaliers an - hielt sich Kritikern zufolge aber nicht an die Grenzen des gewaltlosen Widerstands: Zwei Jahre nach der Flucht Jean-Claude Duvaliers 1986 nach Frankreich wiesen die Salesianer Aristide die Tür, weil er in seinen Predigten Gewalt angestachelt habe. "Er trat für Gewalt ein, und da mussten wir einen Schlussstrich ziehen", erklärt Edward Capelletti, der für die Ordensgemeinschaft in Haiti mit zuständig war. Studenten hätten damals berichtet, wie Aristide sie aufgefordert habe, ihre Macheten auf den Altar zu legen und die Namen ihrer Feinde zu nennen.

Rückkehr dank US-Militärintervention

Trotz des Widerstands von Streitkräften, Wirtschaft, Landbesitzern und der USA wurde der Armenpriester im Dezember 1990 der erste frei gewählte Staatschef des Karibikstaates. Nur knapp ein dreiviertel Jahr später wurde er jedoch bereits von der Armee gestürzt. Aristide gewann die Unterstützung der USA, die ihm Asyl gewährten, und kehrte schließlich mit Hilfe einer US-Militärintervention 1994 ins Präsidentenamt zurück.

Seitdem klammert Aristide sich an die Macht. Zwar hielt er sich an die den USA gegebene Zusage, 1995 verfassungsgemäß auf eine direkte zweite Amtszeit zu verzichten. Er schaffte es aber, seinen Schützling Rene Preval für fünf Jahre ins Präsidentenamt zu bringen, und galt weiter als Strippenzieher hinter den Kulissen. Im Jahr 2000 schließlich trat Aristide selbst wieder an und setzte sich bei einer vom Boykott der Opposition überschatteten Wahl erneut durch.

Der Boykott richtete sich gegen Manipulationen bei der vorangegangenen Parlamentswahl im Mai 2000. Auch jetzt verweigert die Opposition ihre Teilnahme an Neuwahlen, so lange Aristide nicht zurücktritt. Lautstarke Kritik an seiner Regierung bringe der Präsident aber mit Hilfe von Milizionären und Sicherheitskräften schnell zum Schweigen, werfen Menschenrechtsorganisationen Aristide vor.

Zulauf für Rebellen

Es mutet ironisch an, dass die Zelle des jüngsten Aufstandes in Gonaives eine früher mit Aristide verbündete Miliz ist. Der Präsident hatte die Kämpfer nach deren eigener Darstellung mit Waffen versorgt, um seine Gegner im Zaum zu halten. Die Miliz wendete sich gegen Aristide, nachdem ihr Anführer im vergangenen Jahr ermordet worden war. Für seinen Tod haben die Kämpfer die Regierung verantwortlich gemacht.

Inzwischen haben die Rebellen weitere Unterstützung von aus dem Exil zurückgekehrten Milizionären erhalten und setzen Aristide immer stärker unter Druck. In weiten Teilen der Bevölkerung, die vergebens auf die Einlösung von Aristides Versprechen wartet, die Armut zu überwinden, gärt es.

"In Wahrheit ist er ein Feigling"

Aristide aber demonstriert weiter Stärke. "Er vermittelt zumindest den Eindruck, stark zu sein", sagt Evans Paul, einstiger Wahlkampfhelfer des Präsidenten und jetzt scharfer Kritiker. "In Wahrheit ist er aber ein Feigling." Aristide könne gar nicht anders, als sich "selbstzerstörerisch" zu verhalten - die potenziellen Kandidaten der Opposition allerdings sind derzeit zu schwach, um sich gegen Aristide Chancen bei einer Neuwahl ausrechnen zu können.

Paisley Dodds / DPA