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Hillary Clinton: Neuanfang einer etablierten Lady

Hillary Clinton galt lange Zeit als große Favoritin für die Kandidatur der Demokraten. Dann stahl Barack Obama ihr die Show. Nun kämpft sie um ihr politisches Überleben und setzt dabei auf ihr altes Motto - "Experience".

Von Jan Christoph Wiechmann/Iowa

Es ist ein kalter Wintertag im Südwesten Iowas, Hillary Clinton steht auf einer schmalen Bühne im Feuerwehrhaus der Kleinstadt Shenandoah und redet über den Schnee. Eine Wahlkampfrede Hillary Clintons beginnt meist mit etwas Lokalkolorit. Dem Schnee. Der Kälte. Den Tücken gefrorenen Nebels auf einsamen Landstraßen. Sie kennt jedes Detail, von der Höhe des Schnees bis zu den Einsätzen der örtlichen Feuerwehr, und noch bevor die Senatorin aus New York ihre Wahlkampfrede beginnt, sollen die Zuschauer wissen: Da steht jemand, die sich mit allem auskennt, Nuklearwaffen, Al-Kaida und selbst den Tücken gefrorenen Nebels von Shenandoah. Eine Expertin. Eine Präsidentin.

Der Weg war weit nach Shenandoah. Drei Stunden war sie unterwegs aus Iowas Hauptstadt Des Moines. Sie saß auf dem Rücksitz eines Geländewagens und telefonierte mit ihrer Wahlkampfzentrale. Die Umfragewerte sind nicht die besten, ihr Vorsprung in Iowa ist längst dahin geschmolzen. Man müsse ihre große Erfahrung wieder stärker herausarbeiten, rieten ihr die einen. Man müsse den Wandel stärker betonen, rieten die anderen - "Change", das Motto mit dem ihr Mann Bill Clinton 1991 gewann. Ich stehe für beides, pflegt Hillary Clinton dann zu sagen. Wandel und Erfahrung. Wandel durch Erfahrung. Die Erfahrung für echten Wandel.

Sie suchte lange nach einem griffigen Slogan

Im Spätherbst zog Barack Obama in den Umfragen an ihr vorbei, der junge, charismatische Senator aus Illinois, "the new kid on the block", das neue Gesicht. Er spürte den tief sitzenden Frust der Amerikaner mit Präsident Bush, mit dem Irakkrieg, der Wirtschaftslage, aber auch mit der politi-schen Klasse Washingtons - und setzte konsequent und erfolgreich auf das Thema "Change" - Wandel. Da setzte auch Hillary auf das Thema Wandel, "Wandel durch harte Arbeit", "Wandel, Wandel, Wandel". Aber sie repräsentiert ihn nicht, diesen Wandel, das ahnt sie, da sie zum zehnten Mal in Süd-west-Iowa auf der Bühne steht und vom Schnee von gestern spricht und den Erfolgen der 90er Jahre und all ihrer Erfahrung.

Sie will zurück in die Zukunft, Barack Obama nur nach vorn

Noch sind es fünf Tage bis zu den Caucus-Wahlen in Iowa, an der Spitze der Demokraten liefern sich Clinton, Obama und John Edwards ein Kopf-an-Kopf-Rennen, und im Kern wird es am Donnerstag um diese eine Frage gehen: Was ist wichtiger - Wandel oder Erfahrung? Neuanfang oder Sicherheit? Werden die Bürger auf etwas ganz Neues setzen, weil sie das verkrustete System so satt haben? Oder werden sie, wie vor vier Jahren, doch für das Gewohnte stimmen? Wollen sie ein neues Amerika - oder nur ein anderes Amerika?

Hillary steht neben einem alten Feuerwehrauto und einer großen US-Flagge und erzählt von ihrer Kindheit in Park Ridge nahe Chicago. Sie erzählt von den Jahren an der Seite ihres Mannes Bill in Arkansas und später im Weißen Haus und draußen in der Welt. Sie war in 82 Ländern, so erzählt sie, sie kannte Boris Jelzin persönlich und auch Benazir Bhutto, sie kennt Nelson Mandela, den Dalai Lama, die Großen der Welt, sie kennt diese Welt, sie hat alle Schlachten geschlagen, alle Skandale überlebt, und schon ist sie angekommen bei ihrem Motto: Erfahrung. Sie hat die notwendige Erfah-rung, um es mit den Republikanern aufzunehmen. Wandel ist ein bedeutungsloses Wort, wenn man nicht die Erfahrung hat, ihn auch umzusetzen.

Am 2.Weihnachtstag startete Hillary Clinton ihre letzte Offensive, eine Tour durch Iowa mit dem Slogan: "Es ist Zeit, einen Präsidenten zu küren. " Eigentlich geht es bei den Caucus-Wahlen in Iowa nur darum, die erste Hürde auf dem langen Weg zur Nominierung der Partei zu nehmen, aber Clinton will die Bürger daran erinnern, dass es um sehr viel mehr geht. Um ein brach liegendes Land. Eine unsichere Welt. Um den "schwierigsten Job der Welt". Da kann kein Neuling bestehen (Barack Obama) und kein Klassenkämpfer (John Edwards).

Hillary Clinton setzte vom ersten Tag ihrer Kandidatur auf ihren Namen, ihre Star-Power und ihre Erfahrung. Schaut her, war ihre Losung, ich war schon dreimal im Irak und in Afghanistan, ich sitze im mächtigen Verteidigungsausschuss des Senats und habe acht Jahre Seite an Seite mit Präsi-dent Bill Clinton erfolgreich im West Wing gearbeitet. Ich habe 35 Jahre politische Erfahrung (obwohl sie im Weißen Haus nur selten tatsächlich Politik machte). Ich bin eine Expertin der Außenpolitik (was sie nicht davor bewahrte, gravierende Fehler zu machen und für den Irakkrieg zu stim-men). Das hat nichts mit politischer Erfahrung zu tun, entgegnet ihr Obamas Team. Das war Teetrinken mit Diplomaten.

Reicht der sichere Weg?

Es gab Zeiten, da stand Hillary Clinton tatsächlich für den Neuanfang. Auf dem College in Wellesley forderte sie 1969 in einer damals revolutionären Abschlussrede die Befreiung des Menschen von Zwängen und Traditionen, den Aufbruch in eine Welt des Protests. Später in Arkansas, als First Lady des jungen Gouverneurs Bill Clinton, kämpfte sie für eine neue Bildungspolitik. Im Weißen Haus wehrte sie sich gegen die klassische Rolle der First Lady und griff aktiv ein in die Gesundheitspolitik. Sie wollte oft zu viel, agierte naiv und im Verborgenen, sie steckte herbe Niederlagen ein und stieß auf einen manchmal irrationalen Hass, der nicht nur ihr galt, sondern der Rolle, die sie verkörperte, die Rolle einer emanzipierten, unabhängigen Frau.

Fortan entschied sich Hillary Clinton für den sicheren Weg. Sie wurde Senatorin für den Staat New York, sie nahm sich selbst zurück und respektierte die langjährigen Hierarchien im Senat. Sie arbeitete gut zusammen mit jenen Republikanern, die ihren Mann Jahre zuvor noch bis aufs Blut be-kämpft hatten. Sie verbrachte viel Zeit mit den konservativen Bauern im Norden des Staates New York, sie hörte sich ihre Nöte an und machte sich in Washington stark für sie. Hillary Clinton wurde in den Augen vieler eine Musterpolitikerin, fleißig und kollegial, immer offen für einen Kom-promiss. Als Obama vor zwei Jahren in den Senat gewählt wurde, stand sie dem Greenhorn mit Rat zur Seite und ahnte nicht, dass er es wagen würde, mit seinen gerade mal 46 Jahren gegen sie anzutreten.

Sie erwähnt ihren Widersacher Obama nicht, weder in Shenandoah noch in Council Bluffs oder Dunlap. Ein Mann im Publikum steht auf und fragt nach ihrer Position zum Schusswaffenverbot, und sie gibt eine ihrer typischen Antworten. "Warum versuchen wir keinen ausgewogenen Ansatz" - kein Ver-bot, aber auch keine totale Freigabe von Schusswaffen. In der Kleinstadt Council Bluffs, am Missouri River, fragt ein Zuschauer nach der Zukunft der amerikanischen Freihandelszone NAFTA, und sie sagt, man müsse einen ausgewogenen Weg wählen - keine Abschaffung, aber auch keine Fortsetzung des Status Quo. Wandel ja, aber nicht zu sehr. Genug Wandel, um das Land nach acht Jahren Bush auf Vordermann zu bringen, aber nicht zu viel Wandel, um es zu überfordern. Hillary Clinton will die sichere Variante sein. Der Mittelweg.

Wandel, weil sie eine Frau ist

Vor vier Jahren versuchte es der populäre Außenseiter Howard Dean mit dem Thema Wandel und unterlag in Iowa auf der Zielgerade noch Senator John Kerry, dem gestandenen Vietnamveteranen. Aber damals war das Thema Irakkrieg noch allgegenwärtig. Die Terroranschläge vom 11.September waren noch in frischer Erinnerung. Das Land wollte auf Sicherheit nicht verzichten. Heute taucht das Thema Irak in den Reden der Kandidaten nur noch selten auf. Es geht um die Gesundheitspolitik, um die Krise auf dem Immobilienmarkt, um eine drohende Rezession. Amerika schaut wieder auf sich selbst.

Hillary Clinton setzt in Iowa auf die Stimmen der Frauen, vor allem ältere Frauen. Sie zieht mit ihrer alten Mutter Dorothy, 88, und Tochter Chelsea durch den Staat, mit Schulfreundinnen und der ehemaligen Außenministerin Madelaine Albright. In Shenandoah beträgt das Durchschnittsalter des Publikums etwa 65 Jahre, die meisten sind Frauen. Hillary sagt: Ich bin überwältigt, dass Frauen in ihren 90ern zu meinen Veranstaltungen kommen und mir sagen: Ich kam zur Welt, bevor Frauen wählen durften. Jetzt will ich, bevor ich sterbe, noch eine Präsidentin im Weißen Haus sehen." Da stehen die Zuhörer auf und klatschen begeistert, und es wird klar: Für viele symbolisiert sie tatsächlich Wandel. Einen gewaltigen Wandel. Eine Frau an der Spitze der Supermacht. Eine Frau nach 43 Männern. Die mächtigste Person der Welt: eine Frau.

Das könnte sie retten. Es soll sie retten. Das ist ihr Plan. Wenn am Wahlabend die Bürger in die Kälte Iowas treten und sich in Schulen treffen, in Wohnzimmern und Turnhallen, dann werden die meisten Teilnehmer dieser Caucus-Wahl Frauen sein, ältere weiße Frauen. Und sie werden bei der Ab-stimmung nicht nur an das Land denken und den Wandel, sondern auch an ihr Geschlecht und das Ausrufezeichen in der Geschichte.